IHK: Hammersbach dank Gewerbegebiet mit „blauem Auge“ durch Krise

„Nicht auf Erfolgen ausruhen“

Logistik auf der Überholspur? Investor Dietz AG will das Gewerbegebiet Limes zum Branchenzentrum Rhein-Main-Ost ausbauen. Wie viele und welche Art von Arbeitsplätzen dabei dauerhaft entstehen, ist ungewiss.
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Logistik auf der Überholspur? Investor Dietz AG will das Gewerbegebiet Limes zum Branchenzentrum Rhein-Main-Ost ausbauen. Wie viele und welche Art von Arbeitsplätzen dabei dauerhaft entstehen, ist ungewiss.

„Hammersbach scheint mit einem blauen Auge durch die Krise zu kommen. Ich führe die bessere Entwicklung in Hammersbach maßgeblich auf die starken Unternehmen im interkommunalen Gewerbegebiet Limes zurück, die hier die Wirtschaft mittlerweile prägen“, kommentiert Dr. Gunther Quidde, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hanau–Gelnhausen–Schlüchtern, die neuesten Arbeitsmarktzahlen. „Wie schlimm der konjunkturelle Einbruch ist, den wir in Deutschland und eben auch im Main-Kinzig-Kreis wegen der Corona-Pandemie erleben, sieht man daran, dass die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen ist.“

Hammersbach – Die durchschnittliche Steigerungsrate im Main-Kinzig-Kreis betrage 48,7 Prozent, so Quidde. In Hammersbach sei sie hingegen nur halb so hoch. „Im September gab es in der Gemeinde zwar 24,2 Prozent mehr Arbeitslose als vor einem Jahr. Das ist schlimm für jeden Betroffenen. Aber es ist die mit Abstand niedrigste Steigerungsrate im ganzen Main-Kinzig-Kreis“, betont der IHK-Hauptgeschäftsführer mit Blick auf die Bedeutung des interkommunalen Gewerbegebiets Limes.

Größter Arbeitgeber dort sei derzeit das Unternehmen ID Logistics mit aktuell etwa 470 Beschäftigten, so Quidde. Dazu kämen kleinere Unternehmen anderer Branchen mit entsprechend weniger Mitarbeitern. „In Kürze wird ein weiteres Unternehmen der Logistikbranche hier den Betrieb aufnehmen. Die Mitarbeiter-Akquise hat bereits begonnen, sodass mit einer weiteren Steigerung der Beschäftigtenzahlen in Hammersbach gerechnet werden kann.“

Quidde bezieht sich auf die in den letzten Wochen bekannt gegebenen Ansiedlungen von Unternehmen für den zweiten und dritten Bauabschnitt des Hauptinvestors Dietz AG. So mietet die Hager Group in Hammersbach für zehn Jahre eine 40 000 Quadratmeter große Lagerhalle von der Dietz AG. Zur Anzahl und Art der Arbeitsplätze, die vor Ort geschaffen werden, kann Hager jedoch noch keine Aussage treffen. Nach einem Bericht der „Rheinpfalz“ könnte die teilweise Zentralisierung der Logistik in Hammersbach auch Auswirkungen auf bereits bestehende Standorte wie etwa Heltersberg haben, wo die Hager-Tochter Tehalit arbeitet. In den nächsten zwei Jahren solle sich jedoch für die Logistik-Mitarbeiter dort nichts ändern, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Unternehmensaussagen.

Ebenso vage blieben die Aussagen zu Arbeitsplätzen, als im Juli das amerikanische E-Commerce-Unternehmen Wayfair als „Zwischenmieter“ für den zweiten Bauabschnitt vorgestellt wurde.

Auf HA-Anfrage bestätigte die Agentur für Arbeit in Hanau, dass sowohl für den Wetteraukreis als auch für Hammersbach offene Stellen in der Logistik gemeldet seien. Der Anteil ungelernter Kräfte in dem Segment „dürfte zwischen 40 und 60 Prozent der gesamten Mitarbeiter liegen“, so die Agentur mit Blick auf die Frage, ob die offenen Stellen in der aktuellen Krise ohne Weiteres auch mit Arbeitssuchenden aus anderen Fachgebieten zu besetzen seien. Allerdings äußerte sich die Agentur skeptisch mit Blick auf die Nachhaltigkeit der Logistikstellen. „Qualifizierungen für den Lagerbereich werden von uns angeboten, allerdings sind sie in unseren Augen nicht mehr ganz so zielführend wie noch vor fünf Jahren, da die Robotik und Digitalisierung in den Logistikzentren immer mehr zunimmt und aufgrund von Corona noch beschleunigt wurde.“

Hammersbachs Bürgermeister Michael Göllner (SPD), zugleich Vorsitzender des Zweckverbandes interkommunales Gewerbegebiet Limes, betont hingegen in der gemeinsamen Stellungnahme mit Quidde: „Wir müssen in der heutigen Zeit um jeden Arbeitsplatz kämpfen und daran arbeiten, in unserer Region neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dabei spielt auch die Logistik als besonders dynamischer Wirtschaftszweig eine Rolle.“

Die ganze Wirtschaft sei auf Logistikprozesse angewiesen, so Göllner. Im Zuge der Umgestaltung der Ökonomie – Stichwort Industrie 4.0 – werde es in Zukunft zu großen Veränderungen kommen und industrielle Arbeitsplätze würden verloren gehen, so der Zweckverbandsvorsitzende. „Beispiele dafür können wir vor unserer Haustüre gerade in erschreckendem Umfang beobachten. Dem müssen wir aktiv begegnen. Leider gibt es immer wieder Versuche, die Logistik-Branche undifferenziert schlecht zu reden, etwa mit dem Hinweis, hier würden vor allem gering qualifizierte Menschen beschäftigt. Das ist so nicht der Fall, denn wie in jeder Branche benötigen die betrieblichen Abläufe Mitarbeiter mit unterschiedlichen Qualifikationen, von hoch spezialisierten Fachkräften bis zu weniger qualifizierten Mitarbeitern. Es ist wichtig, auch für weniger qualifizierte Arbeitssuchende Beschäftigung bieten zu können, weil sie besonders von dauerhafter Arbeitslosigkeit bedroht sind. Wir wollen unser Gewerbegebiet in Zukunft so weiterentwickeln, dass viele Menschen – mit unterschiedlichsten Qualifikationen – hier Arbeit finden können“, so Göllner. „Die aktuellen Zahlen zeigen uns, dass wir auf einem guten Weg sind.“

IHK-Hauptgeschäftsführer Quidde mahnt jedoch, nicht nur auf Logistik zu setzen. Die vergleichsweise gute Entwicklung in Hammersbach dürfe nicht dazu führen, sich auf Ansiedlungserfolgen auszuruhen. „Die Bundesagentur für Arbeit hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass gerade bei Verkehr und Logistik die Zahl der Arbeitslosen im September deutlich gestiegen ist. Es kommt also immer auch darauf an, leistungsfähige und erfolgreiche Unternehmen anzusiedeln, wenn sich eine Kommune überdurchschnittlich entwickeln will“, stellt Quidde fest. (Von Jan-otto Weber)

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