Gedenken an die Opfer des 19. Februar

Kundgebung in Hanau: Überlebender erhebt schwere Vorwürfe gegen Polizei – „Vertrauen komplett verloren“

Die Kundgebung zum Gedenken an den Terroranschlag in Hanau geht zu Ende.
+
Die Kundgebung zum Gedenken an den Terroranschlag in Hanau geht zu Ende.

Die Trauerdemonstration in Hanau ist abgesagt. Doch die Kundgebung auf dem Freiheitsplatz findet statt. Angehörige und Überlebende erheben schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

+++ 18.18 Uhr: Gegen 17.30 Uhr hat sich die Menschenmenge rund um die Kundgebung aufgelöst. Laut Polizeiangaben ist die gesamte Veranstaltung sehr friedlich verlaufen, es kam weder zu Konflikten noch Ausschreitungen.

Im Stadtgebiet von Hanau waren Menschen an vier weiteren Stellen dem Aufruf der Initiative 19. Februar Hanau gefolgt, die Kundgebung öffentlich zu streamen. Am Hanauer Marktplatz beispielsweise hat eine kleine Gruppe Demonstranten ein Fahrrad aufgestellt, auf dessen Anhänger Lautsprecher die Kundgebung übertragen haben. Ähnlich hätten andere Hanauer am Kurt-Blaum-Platz, der Post oder dem Hauptbahnhof sponan eine Übertragung auf die Beine gestellt. 

Kundgebung in Hanau: Ein Überlebender erheben schwere Vorwürfe gegen die Polizei

+++ 16.24 Uhr: Piter Minnemann, Überlebender des Anschlags von Hanau, erzählt, die Polizei habe ihn und seinen Notruf in der Tatnacht nicht ernst genommen. „Wie kann es sein, dass die Polizei erst eine Stunde nach der Tat am Haus des Täters ist, obwohl sie das korrekte Nummernschild hatte?“ Erst nach seinem Anruf habe er realisiert, dass seine Freunde in der Bar tot seien. „Ich habe der Polizei die Situation geschildert und mir kam es vor, als würde ich gegen eine Wand reden.“ Erst zehn Minuten später sei die erste Polizistin in die Bar, um erste Hilfe zu leisten. „Ich habe mein Vertrauen in die Polizei komplett verloren“, sagt Minnemann.

Kundgebung in Hanau: Angehörige und Überlebende erheben schwere Vorwürfe gegenüber den Behörden und der Polizei.

Hanau: Angehörige der Opfer erheben schwere Vorwürfe gegen Polizei

+++ 15.48 Uhr: Cetin Gültekin, Angehöriger des getöteten Gökhan Gültekin, erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. Er könne nicht verstehen, warum die Feuerwehr und die Rettungskräfte vor der Polizei am Tatort gewesen seien. Und das, obwohl das Polizeistation nur wenige hundert Meter vom Tatort entfernt ist. Trotzdem hätten die Verantwortlichen von „exzellenter Polizeiarbeit“ gesprochen. „Das ist ein Behördenversagen in und vor der Tatnacht, deshalb fordern wir den Rücktritt des hessischen Innenministers Beuth, dem das bewusst und bekannt war und der das bis heute immer noch schön redet“, sagt Gültekin. Applaus der Teilnehmenden ertönt.

Auf der Kundgebung zum Gedenken an die Opfer des Terroranschlags von Hanau erheben die Angehörigen schwere Vorwürfe gegen die Behörden.

+++ 15.38 Uhr: Im Anschluss an die Reden der Angehörigen sollte eigentlich Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky zu Wort kommen. Er hatte sich jedoch kurzfristig dagegen entschieden: „Ich wäre hier der einzige Politiker gewesen, der gesprochen hätte und hätte angesichts unserer gestrigen Entscheidung über Corona sprechen müssen. Das halte ich für eine falsche Akzentuierung“, so Kaminsky. Durch seine Anwesenheit wolle er dennoch seine Anteilnahme und Solidarität den Angehörigen gegenüber demonstrieren. „Ich hatte in den vergangenen sechs Monaten sehr oft die Gelegenheit, dazu zu sprechen und denke, meine Haltung ist klar.“ Zur Kundgebung sind laut Stadt-Pressesprecher Haas-Feldmann rund 350 Teilnehmer erschienen. 249 im vorgesehenen Bereich, weitere 100 drumherum. Die Stadt unterstützt die Ordner der Organisatoren selbst mit sieben Mitgliedern des Hygieneteams.“ Jeder trägt Maske und die Teilnehmer halten sich an die 249 roten Punkte am Boden“, so Haas-Feldmann. „Wir können bislang sehr zufrieden sein.“ 

Angehörige der Opfer von Hanau fordern Aufklärung

+++ 15.35 Uhr: „Wir fordern eine lückenlose Aufklärung der Tat“, sagt der Cousin von Ferhat Unvar. „Rassismus muss im Keim erstickt werden. Rassismus tötet!“

+++ 15.31 Uhr: Als eine der Angehörigen ergreift Serpil Unvar das Wort, die Mutter des getöteten Ferhat Unvar. „Ich hätte ihm noch so vieles sagen wollen, ich dachte immer, wir hätten noch Zeit“, sagt sie. Und sie erzählt aus dem Leben ihres Sohnes: „Ferhat hat immer wieder die Erfahrung gemacht, dass wir als Ausländer nicht akzeptiert werden. Manche Lehrer hassen ausländische Kinder. Und Kinder merken das.“ Die Angehörigen wollen gegen Rassismus kämpfen, damit ihre Kinder nicht umsonst gestorben sind, sagt Unvar. „Mein Sohn war wirklich ein Kämpfer. Wir kämpfen weiter für unsere Kinder.“

Kundgebung in Hanau: Angehörige der Terroropfer ziehen in weißen T-Shirts auf den Platz

+++ 14.47 Uhr: Die ersten Angehörigen der Hanauer Opfer sowie Pressevertreter sind mittlerweile auf dem Freiheitsplatz in Hanau eingetroffen. Das Gelände ist für die Kundgebung bereits eingerüstet, der Busverkehr wird umgeleitet. Die Angehörigen hatten sich bereits um 14 Uhr bei der Begegnungsstätte der Initiative 19. Februar Hanau gesammelt. Mit Schildern, auf denen die Fotos ihrer Angehörigen zu sehen sind und ihre Forderungen zu lesen sind, sind sie gemeinsam vom Heumarkt, einem der beiden Tatorte durch die Innenstadt zum Freiheitsplatz gelaufen. Die Angehörigen tragen weiße T-Shirts, auf denen die Gesichter der Angehörigen, Namen sowie der Hashtag #saytheirnames zu lesen ist.

Ein Ordner hat die Teilnehmer der Kundgebung bereits auf der Bühne auf die Sicherheitsauflagen der Veranstaltung hingewiesen: Jeder Teilnehmer muss einen Mund-Nasen-Schutz tragen und Abstand zu anderen Menschen einhalten. Politische Fahnen sollen auf dem Platz vor der Bühne nicht hochgehalten werden, sondern nur die Schilder der Initiative, auf denen die Namen der Opfer sowie die Forderungen der Angehörigen zu lesen sind: „Erinnerung, soziale Gerechtigkeit, lückenlose Aufklärung und politische Konsequenzen“. 

Angehörige der Terroropfer von Hanau in weißen T-Shirts

Keine Großdemo für Anschlagsopfer von Hanau: So regelt die Stadt die Kundgebung

+++ 12.46 Uhr: Für die Kundgebung zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Terroranschlags in Hanau auf dem Freiheitsplatz wird ein Kernbereich abgegittert, in dem sich die 249 zugelassenen Personen aufhalten können. Wie bereits angekündigt, wird dieser Kernbereich durch Kreidemarkierungen unterteilt, damit hier kleinere Gruppen aus einem Familienstand zusammenkommen können und zu anderen der vorgeschriebene Abstand gewahrt wird.

„Die große Unbekannte ist, wie viele Menschen tatsächlich zu der Kundgebung kommen“, so Stadt-Pressesprecher Joachim Haas-Feldmann. Seitens der Stadt Hanau und der Polizei wolle man dafür sorgen, dass auch außerhalb des eingegrenzten Bereichs hinzukommende Demonstranten die Abstände einhalten. Da der Busverkehr zwischen 14 und 18 Uhr auf dem Freiheitsplatz ausgesetzt wird, seien hier ausreichende Raumreserven vorhanden. So könne sichergestellt werden, dass hinzukommende Demonstranten sich verteilen können. Auch die Stadt Hanau ist dem Aufruf der Veranstalter gefolgt und streamt die Kundgebung.

Transparenzhinweis: Wir haben die Uhrzeit, zu der der Busverkehr in Hanau ausgesetzt wird, korrigiert.

Sicherheitskonzept für die Kundgebung zum Gedenken an die Anschlagsopfer von Hanau

+++ 10.59 Uhr: Bei der Kundgebung am Freiheitsplatz in Hanau soll die geplante Redenabfolge wie vorgesehen stattfinden. Das teilt Joachim Haas-Feldmann, Pressesprecher der Stadt Hanau, mit. Neben Angehörigen der Hanauer Opfer sprechen Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Eintracht-Präsident Peter Fischer, eine Rabbinerin, die den Anschlag von Halle überlebt hat, Vertreter aus Mölln sowie die Angehörige des Mannes, der im vergangenen Jahr in Wächtersbach angeschossen und schwer verletzt wurde.

Vor dem Brüder-Grimm-Denkmal waren erstmals die Zeichnungen der Opfer des 19. Februar zu sehen.

Die Personenbegrenzung auf 249 Personen richtet sich nach der Vorgabe der Stadt, wie sie bei anderen öffentlichen Veranstaltungen, beispielsweise im Hanauer Amphitheater, gültig ist. Im Laufe des Vormittags will die Stadt gemeinsam mit den Veranstaltern ein entsprechendes Sicherheitskonzept entwerfen. Laut Haas-Feldmann könnten einzelne Bereiche eingezeichnet werden, in denen sich Menschen aus einer Familie sammeln können. So wolle man sicherstellen, dass die nötigen Abstände eingehalten werden.

Trauerdemonstration in Hanau: Es wird viel Polizei unterwegs sein

Update vom Samstag, 22.08.2020, 10.44 Uhr: Trotz der Absage der Großdemonstration in Hanau zum Gedenken an die Anschlagsopfer vom 19. Februar soll um 15 Uhr auf dem Freiheitsplatz eine Kundgebung stattfinden. Allerdings nur mit maximal 250 Personen, um die Corona-Vorgaben einzuhalten. Die Kundgebung soll per Livestream unter anderem an zahlreiche öffentliche Plätze in Frankfurt übertragen werden.

Wie Rudi Neu, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen in Offenbach, auf Nachfrage mitteilt, wird die Polizei mit „ausreichend Einsatzkräften“ im gesamten Stadtgebiet von Hanau unterwegs sein. Sie hätten zur Unterstützung die Bereitschaftspolizei sowie Einsatzkräfte anderer Dienststellen hinzugezogen. Bisher sei aber noch keine größere Anreisebewegung zu erkennen. Polizeisprecher Neu geht daher davon aus, dass die Demo rechtzeitig abgesagt worden ist.

Angehörige der Anschlagsopfer von Hanau hatten ihre Anliegen bereits am Freitag (21.08.2020) vorgetragen. Sie sehen viele Versprechungen seitens der Politiker, die direkt nach der Tat ihre Solidarität bekundet hatten, nicht erfüllt. Ein wichtiges Thema sei dabei auch der Wechsel der Wohnung. „Wir wohnen 70 Meter vom ehemaligen Haus des Täters entfernt, unweit vom Kurt-Schumacher-Platz“, sagte beispielsweise Serpil Unvar, die Mutter des getöteten Ferhat Unvar. Jeden Tag müsse sie daran vorbei, werde immer wieder mit der Tat konfrontiert. Auch seien bezüglich der Ermittlungsergebnisse noch viele Fragen offen.

Großdemo für Anschlagsopfer von Hanau kurzfristig abgesagt – Kundgebung soll trotzdem stattfinden

Update vom Freitag, 21.08.2020, 21.36 Uhr: Der Initiator der Demonstration, die Initiative 19. Februar, hat die Absage bestätigt und ein Statement hierzu abgegeben. Hierin heißt es: „Wir bedauern diese Entscheidung, weil wir wochenlang ein Hygiene-Konzept gemeinsam mit Stadt und Ordnungsamt entwickelt haben und den erwarteten Teilnehmer*innen ein verantwortungsvolles Verhalten zugetraut hätten. Die Absage am Freitagabend lässt uns keine rechtlichen Möglichkeiten, die Entscheidung prüfen zu lassen.“

Dennoch wollen die Veranstalter „keine Corona-Rebellen“ sein und der Entscheidung folgen. Somit sei die Veranstaltung abgesagt. Trotzdem hat die Initiative 19. Februar eine Kundgebung für diesen Samstag (22.08.2020) angekündigt. Diese Kundgebung sei das Zentrum der der Veranstaltung gewesen und soll mit Angehörigen, Freundinnen und Freunden, Jugendlichen aus Kesselstadt Betroffenen von Rassismus und Antisemitismus durchgeführt werden.

Wie die Stadt anschließend bestätigte, werde die Gedenkveranstaltung im kleineren Rahmen am Samstag (22. August 2020) um 15 Uhr auf dem Freiheitsplatz stattfinden. Diese sei auf 249 Personen begrenzt. Zudem plant die Initiative 19. Februar die Kundgebung zu streamen. Oberbürgermeister Claus Kaminsky sagte abschließend: „Wir unterstützen die Veranstalter nach Kräften.“

Stadt Hanau sagt Großdemo für Anschlagsopfer kurzfristig ab

Erstmeldung vom Freitag, 21. August 2020, 20.15 Uhr: Hanau - Oberbürgermeister Claus Kaminsky hat wegen der akut steigenden Zahl an Corona-Neuinfektionen die für Samstag (22.08.2020) geplante Demonstration zum Gedenken an die Opfer des rassistischen Terroranschlags vom 19. Februar untersagt. „Sobald die Infektionsfälle wieder deutlich zurückgegangen sind, holen wir diese Trauerbekundung selbstverständlich nach“, erklärte Kaminsky in einer Pressemitteilung.

Der Main-Kinzig-Kreis hatte dem Oberbürgermeister am Freitagabend gegen 18 Uhr mitgeteilt , dass die Zahl der Neuinfizierten je 100.000 Einwohner im 7-Tage-Rückblick in Hanau auf 49 hochgeschnellt ist. Tags zuvor hatte diese Zahl noch bei 36 gelegen. In der Mitteilung der Stadt Hanau hieß es, dass selbst diese habe dem Oberbürgermeister schon „Sorgen bereitet“ habe .

Hanaus Oberbürgermeister möchte mit der Absage der Demo die Menschen schützen

Claus Kaminsky möchte mit seiner Entscheidung die Menschen schützen.

Ebenso wie Kreisgesundheitsdezernentin Susanne Simmler sei er „geschockt über die rasante Infektionsentwicklung“. Simmler und Kaminsky rechnen mit einem weiteren Anstieg der Infiziertenzahl in den nächsten Tagen. Von daher sei es, so die Stadt Hanau, nicht zu verantworten, mit einer Demonstration von 3000 bis 5000 Menschen womöglich zur weiteren Ausbreitung der Pandemie beizutragen. Die Stadt betonte, dass die Absage der Demonstration nicht zuletzt auch dem Gesundheitsschutz derer, die am Samstag gemeinsam der Opfer des 19. Februar gedenken wollten, diene.

Kaminsky teilte dem Veranstalter seine Entscheidung persönlich mit. In der Mitteilung der Stadt Hanau heißt es, dass Kaminsky dabei sein Bedauern zum Ausdruck brachte, dass „die hervorragend vorbereitete Veranstaltung jetzt leider ausfallen muss“ .

Das Corona-Eskalationskonzept des Landes Hessen schreibt vor, dass ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage in einer Region ein „konsequentes Beschränkungskonzept“ gelte. „Diese Schwelle ist nun leider im Grunde erreicht“, erklärte Kaminsky abschließend.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare