Hanau

Ohne Eintritt: Ellis gibt internationalen Musikern eine Bühne

Kaffee gekocht wird im Ellis zwar auch, doch im vergangenen halben Jahr hat sich vieles vorwiegend um die Abendveranstaltungen gedreht. Dann lässt Pächter Elias Kolbe den Hut (rechts im Bild) umgehen. Denn Eintritt verlangt er bei den wenigsten Veranstaltungen. Foto: Reinhard Paul

Hanau. Das ist die Geschichte eines kleinen Innenstadtbistros, das sich innerhalb von eineinhalb Jahren einen respektablen Namen in der Veranstaltungsszene gemacht hat. Wie das gelingen konnte, erzählt Elias Kolbe im Gespräch mit unserer Zeitung.

Von Kerstin Biehl„Ich komme mit den E-Mail-Anfragen im Moment einfach nicht mehr hinterher. Alleine 60 unbeantwortete Konzertanfragen habe ich aktuell in meinem Postfach.“ Seit Sommer 2018 ist Kolbe Pächter von Café und Bistro im Erdgeschoss der Johanneskirche. Mitten in der Altstadt.

Im Ellis herrscht Wohnzimmeratmosphäre. Hier laden kuschelige Polstermöbel, gemütliche Holzstühle und eine riesige Bücherwand zum Verweilen ein. Es duftet nach frisch gebackenem Kuchen. Auf der großen Fläche hinter der Bar steht in liebevoll gestaltetem Handlettering-Design die Speisekarte. Eine heimelige Atmosphäre. Seit einem guten halben Jahr ist der Cafébetrieb allerdings etwas in den Hintergrund gerückt. Ins Ellis ist die Musik eingezogen. Abends, wenn das Café geschlossen ist.

Der ursprüngliche Plan war die Eröffnung eines Food Trucks

Damit, dass es derart gut läuft, hätte der 26-jährige ehemalige Rehbeinschüler nicht gerechnet. Kolbe sitzt in einem der gemütlichen Ohrensessel und erzählt. Natürlich seien Konzerte, auch Lesungen in den Abendstunden angedacht gewesen. Dass nun aber Singer, Songwriter, Bands aus den USA, Kanada, Großbritannien, Dänemark und woher sie überall kommen in dem kleinen Café auftreten, nein, das hätte sich Kolbe nicht träumen lassen.

Doch von vorne: „Als das Angebot das Café zu übernehmen kam, war ich gerade mit meiner Freundin in Kanada“, erinnert er sich. Eine Auszeit, die er sich nach dem Hotelmanagementstudium gönnte. Eigentlich wollte er danach bei einem Kumpel ins Food-Truck-Business einsteigen. Zumindest irgendetwas selbstständig machen. Das das jetzt so schnell so groß geworden ist, wächst dem jungen Mann aber mitnichten über den Kopf.

Marvin Scondo machte den Anfang

Dass der Kirchenvorstand der evangelischen Gemeinde damals, im Sommer 2018, dem da gerade 24-Jährigen, sein Vertrauen entgegen brachte, einem absoluten Newcomer eine Chance gab, weiß der Hanauer zu schätzen. Auch, dass die Kirche das Café bereits mit Küche und Bar ausstattete. Dankbar ist Kolbe auch seiner Mutter Stefanie. Sie hat bei der Bank gebürgt. Denn ein gewisses Startkapital war trotz vorhandener Küche und Bar nötig.

Dann konnte es losgehen. Marvin Scondo, Hanauer Musiker, war der erste, der auf der kleinen Ellis-Bühne stand. Damals kamen Kolbe seine Kontakte zur lokalen Musikerszene zu Gute. „Das Konzert war voll. Das war ein erster Erfolg“, sagt er. Oliver Klösel, Hanauer Singer und Songwriter, stand als nächstes auf der Ellis-Bühne. Und eine Bekannte hat Kolbe zusätzlich beim Booking unter die Arme gegriffen. Plötzlich ging es Schlag auf Schlag.

Ellis will ein breites Angebot bieten

„Inzwischen haben wir hier internationale Musiker auf der Bühne“, berichtet Kolbe. Auch solche, die sich in ihrem Heimatland schon durchaus einen Namen gemacht haben. Das Ellis ist in einschlägigen Musikerforen im Internet gelistet, auf dem sich Bühnen aber auch Musiker anbieten und in Kontakt treten können. „Das ist so ein Art Facebook für Musiker“, beschreibt der junge Gastronom diese Plattform.

Mittlerweile arbeitet er mit einer Konzertagentur mit Sitz in Portland zusammen. „Ich habe einen Ort geschaffen, an dem man sich scheinbar wohl fühlt, wohlfühlen kann“, weiß Kolbe. „Viele sagen, das Ellis sei wie ein Wohnzimmer. Die Künstler treten gerne hier auf.“

Im Ellis soll von und für jeden etwas dabei sein. Wichtig ist es für Kolbe, dass Leute auf der Bühne stehen, die eigene Sachen schreiben. Coverbands möchte er keine Plattform bieten.

Ein besonderes Eintrittskonzept

Der Clou bei all dem: Eintritt verlangt Kolbe bei den meisten Veranstaltungen nicht. Die Musiker spielen „auf Hut“, wie es in der Musikszene heißt. „Der Gedanke ist, dass jeder das gibt, was er kann und was ihm der Abend wert war. Wir lassen einen Hut rum gehen. Da liegt dann von Fünf-Euro-Scheinen bis 20-Euro-Scheinen alles drin. Die meisten geben aber mehr als zehn Euro.“ Ins Ellis soll jeder kommen können, egal wie dick der Geldbeutel ist.

Natürlich ist Kolbe und sind die Künstler, die auf Gage verzichten, auf den guten Willen der Gäste angewiesen. „Wir sagen das zu Beginn des Konzerts auch immer. Meist klappt das ganz gut. Es kommt nur selten vor, dass ich mal etwas drauflegen muss, damit die Künstler auf ihre Kosten kommen. Wenn 80 Leute kommen, ist das Lokal voll. Mit 60, 70 ist es angenehm. Unter 30 ist wenig.“

Eine Empfehlung für Veranstaltungen vom Experten

Dass dieses Konzept nicht alltäglich ist, ist Kolbe klar. Aber die Musiker lassen sich darauf ein. Bekommen dafür auch eine Unterkunft gestellt. Bei Kolbe selbst, oder bei Freunden von ihm. „Ich erreiche so viele Menschen mit dem, was ich hier mache. Da muss es nicht immer das große Geld sein“, erläutert er den gemeinschaftlichen Gedanken hinter seinem Konzept.

Im Erdgeschoss der Johanneskirche gibt es tagsüber Kaffee und Kuchen – abends treten dort internationale Künstler auf. Foto: Reinhard Paul

Kann Kolbe eine Veranstaltung aus dem bunten Potpourri, das es an mindestens zwei Abenden pro Woche gibt, empfehlen? „The Family Crest“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Die siebenköpfige Baroquepop-Combo aus San Francisco dürfe man sich am Sonntag, 5. April, nicht entgehen lassen.Karten könne man generell reservieren, per Mail oder Telefon.

Jedem Künstler soll geantwortet werden

Kolbe muss nun wieder zurück, an den Laptop. „Ich habe mir am Anfang geschworen, jedem Künstler zu antworten, der mir schreibt“, lacht er.

Es gilt, die unbeantworteten Mails abzuarbeiten. Sie werden das Veranstaltungsprogramm fürs zweite Halbjahr füllen.

ÖffnungszeitenEllis Bistro am Johanneskirchplatz 1 ist täglich von 9.30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Dienstag ist Ruhetag. Das aktuelle Abendprogramm mit Konzerten und Lesungen ist im Internet einzusehen. E-Mail:

info@ellis-hanau.de

, Telefon 0 61 81/9 91 12 99. ››

ellis-hanau.de

Quelle: Hanauer Anzeiger

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