Opfern Gesicht gegeben

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Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch (flankiert von Stadtverordnetenvorsteher Jürgen Scheuermann, rechts, und Oberbürgermeister Claus Kaminsky), nahm an der Feierstunde am neuen Mahnmal teil.

Hanau ‐ Es dauert quälend lange, das Verlesen der Namen von 230 jüdischen Frauen, Männern und Kindern, deren Namen, Alter und Todesort in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern seit Sonntag auf kleinen Gedenktafeln an den Steinen der Gettomauer neben dem Freiheitsplatz zu finden sind. Von Dieter Kögel

Quälend deshalb, weil mit jedem Namen die anonymen Zahlen der ermordeten jüdischen Bürger ein Gesicht bekommen, zu Menschen werden und die unfassbaren Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung zwischen 1933 und 1945 auf beklemmende Art und Weise greifbar und begreifbar werden lassen.

Gerade auch an einem Datum wie dem 30. Mai 1942, einem Sonntag, an dem jüdische Bürger auf dem Gleis 9 des Hanauer Hauptbahnhofes auf Geheiß der Nazis gezwungenermaßen ihre letzte Reise anzutreten hatten. Sobibor, Auschwitz, Treblinka und Kaunas waren die Endstationen. „Am 30. Mai und September 1942 sind mitten aus dem Leben unserer Stadt wichtige Glieder gerissen worden, ist die Hanauer Stadtgesellschaft amputiert worden,“ so Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky anlässlich der Feierstunde zur Einweihung des Mahnmals an der Gettomauer, die einst das jüdische Viertel in Hanau umgeben hatte, bevor die gesellschaftliche Entwicklung diese Form der Ausgrenzung beendete. Napoleonische Truppen rissen 1806 die begrenzenden Einrichtungen nieder und die jüdischen Bürger konnten ihren Wohnort innerhalb der Stadt frei wählen.

„Schatten dessen, was die jüdische Gemeinde einstmals war“

Dass Schüler der Karl-Rehbein-Schule und der Lindenauschule die Namen der Ermordeten unter den mit Trauerflor aufgezogenen Fahnen der Bundesrepublik, des Landes Hessen und der Stadt Hanau verlasen und die Gedenkveranstaltung musikalisch umrahmten, dass also junge Menschen, die lange nach dem Holocaust zur Welt kamen und sich gegen das Vergessen oder Verharmlosen engagieren, und dass Bürgerschaft und politische Gremien das würdige Mahnmal realisiert haben, das wurde von den jüdischen Gemeinden gewürdigt.

Schülerinnen und Schüler der Karl-Rehbein- und der Lindenauschule verlasen die Namen und biografischen Daten der 230 Juden aus Hanau, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ermordet worden waren.

Die Gedenktafeln an der Mauer geben „den Menschen ihr Gesicht und ihre Würde zurück,“ sagte die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Mit den Gedenktafeln würden die ermordeten jüdischen Bürger nach Hanau zurück geholt. Und eine Zukunft für die jüdische Gemeinde in Hanau, die sich 60 Jahre nach der Naziherrschaft wieder etabliert habe und mittlerweile sogar über ein Gemeindehaus und eine kleine Synagoge verfüge, sehen die Präsidentin des Zentralrates ebenso wie Moritz Neumann, Vorsitzender des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Hessen, durchaus. „Ein Schatten dessen, was die jüdische Gemeinde einstmals war,“ so Neumann, aber immerhin ein Fundament, das mit weiterer Hilfe auf eine stabile Zukunft hoffen lasse, wenn die derzeit noch nötige Unterstützung nicht abreiße.

Kampf gegen Rechts nicht Bürgern überlassen

Alleine die Tatsache, dass Juden wieder „in dieses, andere, Deutschland“ kämen, im Vertrauen auf eine stabile Demokratie und eine Garantie von Freiheitsrechten, sei eine gute Basis. Auch Angehörige der Hanauer Juden, die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft wurden, waren zur Einweihung des Mahnmals angereist.

Doch die Freiheit ist ein zerbrechliches Gut. Charlotte Knobloch erinnerte an antisemitische Aktivitäten, Brandanschläge auf Synagogen, Schändungen jüdischer Einrichtungen im Land und Aufmärsche neonazistischer Organisationen. Es stehe einem Land mit einer solchen Vergangenheit nicht gut an, solche Aufmärsche zu dulden, sagte die Vorsitzende des Zentralrates unter dem Applaus der Gäste. Die Politik dürfe den Kampf gegen Rechts nicht nur engagierten Bürgern überlassen. Und dies beziehe sich nicht nur auf jüdische Interessen. „Für Freiheit einzutreten ist im Interesse aller.“ Mit einer Kranzniederlegung und dem Totengebet von Rabbi Gurewitz endete die Gedenkveranstaltung, an die sich ein Empfang bei der jüdischen Gemeinde anschloss.

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