Viele Leerstände

Pandemie als Brandbeschleuniger: Hanauer Handel kämpft ums Überleben

Leeres Ladengeschäft Juwelier Christ in Hanau
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Das ehemalige Ladengeschäft von Juwelier Christ in der Hammerstraße steht leer. Über einen Makler wird ein Nachmieter gesucht.

Nicht erst mit dem Lockdown Light wird der Einzelhandel in eine schwierige Situation manövriert. Das übermächtige Onlinegeschäft läuft immer mehr Händlern den Rang ab – nicht nur in der Brüder-Grimm-Stadt. Die Pandemie, die im März zum kompletten Lockdown geführt hatte, fungierte damals wie ein Brandbeschleuniger der ohnehin prekären Situation.

„Der Einzelhandel kämpft in großem Maße ums Überleben“, sagt Daniel Freimuth von der Hanau Marketing GmbH (HMG). Die Situation sei schwierig, doch „richtig heftige Einschläge“ seien bis jetzt ausgeblieben. „Wir haben aktuell nicht wesentlich mehr Leerstand als vor der Pandemie. Was natürlich wenig über die wirtschaftliche Situation der Betreiber aussagt“, so Freimuth.

Doch diese ist, fragt man den Vorsitzenden des Hanau Marketing Vereins (HMV) Mehmet Kandemir, „wirklich, wirklich schwierig“. Kandemir betreibt in der Innenstadt zwei Modegeschäfte. Er berichtet von „immensen Umsatzeinbußen“. Dennoch, Kandemir versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Doch das sei bisweilen leichter gesagt als getan. Er erzählt von Hürden bei der Vergabe der für die Einzelhändler in Aussicht gestellten Kredite.

Während des Lockdowns habe er null Umsatz generiert und auch schon davor, bedingt durch den Anschlag vom 19. Februar, wenig. Ins Onlinegeschäft kann Kandemir nicht einsteigen. Bestimmte Marken, die er in seinem Sortiment führt, untersagen ihm das. „Aber ich muss ja trotzdem neue Ware für die nächste Saison einkaufen und das obwohl ich nichts verdient habe“, schildert er eine Situation, mit der der Großteil der Hanauer Einzelhändler derzeit umgehen muss.

Kandemir betont, dass er dankbar für die Unterstützung ist, die seitens der Stadt kommt. Die Aktion „Grimmscheck“ etwa – hier können Einkaufsbons gesammelt und in Grimmschecks umgetauscht werden – bringe zusätzlichen Umsatz. „Im September habe ich dadurch 13 Prozent Umsatz mehr gemacht als im Jahr zuvor“, erzählt er. Für seine Jahresbilanz ist das allerdings nichts weiter als ein Tropfen auf dem heißen Stein. Dort, sagt Kandemir, stehe ein „dickes Minus“. Kandemirs Prognose fällt düster aus: „Im kommenden Jahr werden sicher einige Geschäfte in Hanau schließen müssen.“

Bereits jetzt gibt es Leerstände. Unter anderem in der Hammerstraße. Dort befindet sich die ehemalige Christ-Filiale in der Vermarktung. Nach Aussage der Stadt gibt es hierfür Interessenten.

Ein Nachmieter gesucht wird auch für die ehemalige Dielmann-Filiale an der Hammerstraße, die vergangenen Samstag zum letzten Mal geöffnet war. Hier soll es einen bereits unterschriebenen Mietvertrag für einen Nachmieter geben. Auch der Jack- Wolfskin-Store in der Lindenstraße soll schließen. Bereits seit mehreren Jahren steht die ehemalige Douglas-Filiale leer. Nun sei der Laden neu vermietet. Über den Nachmieter möchte die Stadt noch nichts sagen.

Die Lederschatulle in der Fahrstraße wird im Dezember schließen. Hier gebe es Nachfolge-Interessenten. Das Schuhgeschäft Vivas Schuhe in der Rosenstraße schließt ebenfalls. In die Räumlichkeiten soll ein anderes Geschäft aus der Rosenstraße ziehen. Geschlossen hat seit dem ersten Lockdown auch der Hanau-Laden am Freiheitsplatz.

Auch Gastronomie-Betriebe sind zu: So ist derzeit das Café Central am Marktplatz geschlossen. Laut HMG aus wirtschaftlichen Gründen, vorerst bis Ende November. Und auch die Goldmarie am Altstädter Markt hat seit dem 19. März zu, wird nicht wieder öffnen. Hier soll es eine gastronomische Nachnutzung geben. Zugemacht hat seit dem ersten Lockdown auch das Burger-Restaurant „Der Laden“ in der Salzstraße. Nach Informationen der Stadt wird das Lokal nicht mehr öffnen. Es gebe einen Interessenten für eine gastronomische Nutzung.

„Dort, wo es Leerstände gibt, gibt es auch Interessenten. Das stimmt uns zuversichtlich“, so Freimuth. Dennoch: Die mittelfristigen und Langzeitfolgen seien nicht absehbar. „Was passiert, wenn die Coronahilfen wegfallen, kann man nicht sagen. Die Situation ist schwierig.“

An der Ecke Sternstraße/Hammerstraße hat die Filiale von Dielmann Schuhe geschlossen. Ein Nachmieter soll hier bereits gefunden sein.

Das kann auch Britta Hoffmann-Mumme bestätigen. „Wir sehen, dass es unseren Mitgliedern nicht gut geht“, sagt die Außen- und Innenmarketing-Verantwortliche des HMV und spricht für die insgesamt 165 Mitglieder des Vereins. Sie nennt Existenzängste, die der Verein versuche, durch positive Signale zu mindern, durch Hilfe, Ratschläge und Netzwerkunterstützung.

Um Unterstützung bemüht sich auch die Stadt Hanau. Obwohl es, wie Freimuth betont, ein schmaler Grat sei zwischen der Aufforderung „Leute, geht einkaufen“ und „Bitte kommt dabei aber nicht so nah zusammen“.

Mit der Aktion „HanauAufLaden“ versucht die Stadt seit Kurzem, neue Energie in die Innenstadt zu bringen. Teil davon ist der Pop-up-Store in der Rosenstraße, dessen Idee für überregionales Interesse sorgt. Das Konzept läuft unter dem Motto „Komm nach Hanau – probier Dich aus“: junge, neue Gewerbetreibende können sich mit ihrer Idee für die Ladenfläche bewerben, um sich eine gewisse Zeit lang im stationären Handel zu versuchen. Die Vision der Stadt ist es, dadurch spannende und neue Konzepte nach Hanau zu bringen.

„Wir wollen auf dieser Pop-up-Fläche, die wir uns auch noch an anderen, derzeit leer stehenden Geschäften in der Stadt vorstellen können, zukunftsfähigen Handelskonzepten ein Forum bieten“, erläutert Freimuth. Dabei müssen die Aspekte lokal, persönlich, digital und nachhaltig berücksichtigt werden. Für die Flächen geworben wird mit der Frage „HU’s next?“. Die Hoffnung der Stadt ist, dass aus solchen Testphasen ein dauerhaftes Ansiedeln in der Grimmstadt wird.

Derzeit maximal offen zeigt sich die Stadt für etwaige Sondergenehmigungen, Dinge, die unter normalen Bedingungen nicht möglich wären, wie Pavillons oder Plakatständer. „Hier sind wir kulant“, sagt Freimuth. „Alles, was den Verkauf fördern könnte, begleiten wir positiv und wohlwollend.“

Als eine der nächsten großen Aufgaben nennt Freimuth die Auffindbarkeit der Hanauer Händler im Netz. Dieses Thema wolle man im kommenden Jahr angehen.

Das wird Einzelhändlern wie Kandemir, die bestimmte Marken ihres Sortiments auf Grund von Markenvorgaben lediglich stationär verkaufen dürfen, wenig nutzen. Dazu kommt, dass Kandemir seit Einführung der Maskenpflicht und dem erneuten Hochschnellen der Infektionszahlen eine sinkende Kundenfrequenz beobachtet. Auch dem Weihnachtsgeschäft blickt er mit eher gemischten Gefühlen entgegen. „Die Events fehlen“, sagt er und meint damit vor allem den abgesagten Weihnachtsmarkt, der in den Adventswochen stets zuverlässig für zusätzliche Besucherzahlen in der Innenstadt gesorgt hat.

Um seinen Kunden noch gezielter entgegen zu kommen, lässt Kandemir nach Bedarf seine Ladengeschäfte auch mal eine halbe Stunde länger auf. „Oder ich komme morgens früher, wenn sich meine Kunden dadurch sicherer fühlen. Ich tue lieber das, was möglich ist, statt einfach nur abzuwarten.“

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