Annis langer Weg zurück aufs Feld

Paralympics-Star unterstützt zwölfjährige Hanauerin beim Training

Nach ihrer Krebserkrankung will die zwölfjährige Anni möglichst bald wieder mit ihrer Hockeymannschaft auf dem Platz stehen.
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Nach ihrer Krebserkrankung will die zwölfjährige Anni möglichst bald wieder mit ihrer Hockeymannschaft auf dem Platz stehen.

Was die zwölfjährige Annika Wein im vergangenen Jahr durchmachen musste, sollte kein Kind erleben müssen. Am 16. Juni 2020 erhält sie die Diagnose: Knochenkrebs. Ein Tumor im Knie, der schon so weit gewachsen ist, dass ihr rechtes Bein unterhalb des Oberschenkels amputiert werden muss. Auch wenn sie fortan mit einer Prothese leben muss: Ihr großes Hobby will Anni, wie sie von allen genannt wird, nicht aufgeben.

Hanau – Sie will wieder mit ihrer Hockey-Mannschaft beim 1. THC Hanau trainieren. Die ersten Schritte dazu hat sie in dieser Woche – ein Jahr nach der Krebsdiagnose – gemacht. Und das mit prominenter Unterstützung: Heinrich Popow, Paralympics-Star und mehrfacher Weltrekordler, war auf Vermittlung von hr3 auf dem THC-Gelände in Wilhelmsbad zu Gast, um Anni unter großem Medieninteresse beim ersten Training mit der Sportprothese anzuleiten.

„Wenn du das Knie vorholst, musst du es auch beugen“, instruiert Popow die Zwölfjährige. Die beiden stehen am Spielfeldrand im Schatten, Popow macht die Bewegungen vor. „Die Prothese ist nicht das Problem“, stellt er fest. „Alles andere ist das Problem, alle gesunden Körperteile.“ Das merkt auch Anni. „Das linke Bein“, sagt sie, also das gesunde, „will immer auf dem Boden bleiben und Sicherheit geben“.

Für Anni ist die Trainingseinheit mit Popow eine große Hilfe. „Heinrich weiß, wo die Schwierigkeiten sind.“ Der heute 37-Jährige lebt selbst seit seiner Kindheit mit einer Prothese. Mit neun Jahren litt er wie Anni an Knochenkrebs. Wegen eines sogenannten Ewing-Sarkoms, eines bösartigen Tumors in der Wade, musste sein linkes Bein amputiert werden. Fußball konnte er danach zwar nicht mehr spielen, aber er probierte verschiedene andere Sportarten aus und entschied sich schließlich für die Leichtathletik (dazu: Info-Kasten).

Beim Termin in Hanau fordert er die Mädchen aus Annis Mannschaft zum Wettrennen heraus, will zeigen, was mit Prothese möglich ist. Und er prophezeit: „Wenn Anni noch ein paar Jahre trainiert, hat keine von euch eine Chance gegen sie.“

Ihre Sportbegeisterung teilt Anni mit ihren drei jüngeren Schwestern. Seit sie fünf Jahre alt ist, spielt sie Feldhockey beim 1. THC. Ihre Position ist im Mittelsturm vor dem gegnerischen Tor – oder auch in schwerer Ausrüstung zwischen den eigenen Torpfosten. Ein Zwicken im rechten Knie war für sie zunächst kein Anlass zur Sorge. Aber die Schmerzen gingen nicht weg, sondern wurden schlimmer. Bei den Untersuchungen zeigte sich: In Annis Knie befand sich ein Osteosarkom, ein bösartiger Knochentumor, der vorwiegend bei Jugendlichen auftritt. Sie musste zur Chemotherapie, im Oktober war der Termin für die Amputation, im Dezember folgte eine Lungen-OP, bei der Metastasen entfernt wurden. Im April hatte sie ihre letzte Chemo. Ihre Mannschaft hat sie in dieser Zeit mit Briefen und Nachrichten motiviert.

Und Anni fasst nach ihrer Behandlung neuen Mut und will zurück auf das Hockeyfeld. Dass sie beim Training erst mal nur als Zuschauerin dabeisein kann, ist nicht leicht für sie. Sie freut sich, die Mädels wiederzusehen, aber sie ist traurig, dass sie nicht mitmachen kann. Im Februar, so erzählt Vater Daniel Wein, hat Anni ihre erste Prothese erhalten. Neben einer Alltagsprothese hat sie Anspruch auf eine Sport- und auf eine Wasserprothese zum Schwimmen. Anni geht zur Physiotherapie – aber wie sie mit der Sportprothese auf dem Hockeyfeld klarkommt, kann ihr niemand so richtig erklären. Mama Silja hat sich deshalb an die „hr3-Morningshow“ gewandt. Die Moderatoren stellen den Kontakt zu Heinrich Popow her. Der Paralympics-Starter, der 2018 seine Profikarriere beendet hat, trifft sich mit anderen Betroffenen und motiviert sie, nach einer Amputation wieder Sport zu treiben.

In der Arena in Wilhelmsbad motiviert er auch Anni immer wieder aufs Neue, spornt sie an, wenn es nicht auf Anhieb klappt. Ihrem Team verspricht Popow, dass Anni bald wieder am Training teilnehmen kann. Die beiden wollen in Kontakt bleiben. Popow hat angeboten, dass Anni ihm Videos vom Training schickt, damit er ihr Tipps geben kann. Beim THC soll sie zunächst mit dem Athletiktraining wieder einsteigen. Nächstes Ziel ist dann natürlich, wieder im grünen Trikot des THC mit ihrer Mannschaft aufzulaufen. Und auch über einen langfristigen Traum hat Anni mit Heinrich Popow gesprochen: die Teilnahme an den Paralympics 2028.

Für den nächsten Tag hat die Zwölfjährige aber erst mal ganz alltägliche Pläne: eine Shoppingtour mit der besten Freundin auf der Frankfurter Zeil.

Von Katrin Stassig

Beim THC Hanau trägt Annika, genannt Anni, das grüne Trikot mit der Nummer 24.
Wie Anni litt auch Heinrich Popow als Kind an Knochenkrebs und lebt seitdem mit einer Prothese.

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