Terror in Hanau

Notruf-Engpass bei Anschlag in Hanau: Anwalt der Familie Păun legt Beschwerde ein

Mahnmal erinnert an Vili-Viorel Păun in Hanau.
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Nach Terror in Hanau: Ein Mahnmal erinnert an Vili-Viorel Păun. Wäre sein Tod verhindert worden, wenn er den Polizei-Notruf erreicht hätte?

Es fallen Schüsse, mehrere Menschen werden beim Anschlag in Hanau ermordet. Hätte Vili-Viorel Păun überlebt, wenn der Notruf aktiv gewesen wäre?

Hanau – Könnte der vom Hanau-Attentäter ermordete Vili-Viorel Păun noch leben, wenn er am Abend des am 19. Februar 2020 den Polizei-Notruf erreicht hätte? Diese Frage gehört nach wie vor zu den ungelösten Punkten rund um den Anschlag in Hanau mit insgesamt zehn Opfern, neun davon mit Migrationshintergrund. Und diese Frage treibt verständlicherweise auch Pauns Eltern um.

Die Staatsanwaltschaft Hanau hatte deutlich gemacht, dass sie bezüglich der Nichterreichbarkeit des Notrufes an jenem Abend kein Ermittlungsverfahren einleiten wird. Damit wollen sich Pauns Eltern nicht zufriedengeben: Vergangene Woche hat der Rechtsanwalt der Familie eine ausführliche Beschwerdebegründung bei der Staatsanwaltschaft Hanau eingereicht.

Darüber informiert die Initiative 19. Februar. In dem Schreiben wird beantragt, den Hinweisen auf ein Organisationsverschulden nachzugehen und ein offizielles Ermittlungsverfahren einzuleiten. Anfang Juli hatte die Hanauer Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, dass der Engpass bei dem Polizei-Notruf kein Ermittlungsverfahren gegen Polizisten nach sich ziehen werde. Es bestehe kein strafprozessualer Anfangsverdacht, hatte die Behörde ihre Entscheidung in einer 24-seitigen Pressemitteilung begründet.

Anschlag in Hanau: Vater von Vili-Viorel wirft der Notruf-Zentrale fahrlässige Tötung vor

Wegen des Notruf-Engpasses während dem Anschlag in Hanau hatte die Staatsanwaltschaft Vorermittlungen im Rahmen eines Prüfvorgangs geführt. Anlass dafür war eine Anzeige des Vaters von Vili-Viorel Păun. Der 22-Jährige hatte den Täter am 19. Februar nach den ersten Schüssen am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt mit seinem Auto verfolgt und dabei mehrfach vergeblich den Notruf gewählt. Kurz darauf war er von dem Attentäter am Kurt-Schumacher-Platz in seinem Auto erschossen worden.

Pauns Vater warf den verantwortlichen Betreibern der Notrufzentrale in Hanau sowie den am Tatabend verantwortlichen Beamten fahrlässige Tötung vor. Die Staatsanwaltschaft Hanau kam jedoch zu dem Schluss, dass zwischen dem Engpass bei dem Notruf, während dem Anschlag in Hanau, und dem Tod von Vili-Viorel Păun kein ursächlicher Zusammenhang nachweisbar sei.

So sei nicht eindeutig zu klären gewesen, ob bei drei Anwählversuchen des später Getöteten bei dem Notruf überhaupt ein technischer Verbindungsaufbau erfolgte. Bei zwei weiteren Anwählversuchen habe sich der junge Mann verwählt. Auch eine Auswertung von Funkzellendaten habe keine eindeutigen Rückschlüsse zugelassen. „Bereits aus diesem Grund ist ein Kausalitätsnachweis nicht möglich“, hatte die Staatsanwaltschaft, wie ausführlich berichtet, erklärt.

Anschlag in Hanau: Vater ist überzeugt das sein Sohn noch leben würde - Hätte dieser nur den Notruf erreicht

Auch lasse sich keine gesicherte Aussage dazu treffen, wie sich Paun verhalten hätte, wenn es ihm gelungen wäre, einen Polizeibeamten am Notruf zu erreichen. Zwar sei es naheliegend, dass ihm seitens der Polizei empfohlen worden wäre, sich nicht selbst zu gefährden. Die Frage, ob er daraufhin aber seine Verfolgung abgebrochen hätte, „lässt sich indes nicht zweifelsfrei bejahen“, hieß es. Es sei davon auszugehen, dass sich der junge Mann bei der Verfolgung des Attentäters bewusst gewesen sei, dass dieser „ohne Weiteres auf ihn schießen würde“ – und ihn dennoch verfolgt habe.

Vili-Viorels Vater Niculescu Paun wies dies am Dienstag zurück: „Mein Sohn hat die Nummer gewählt, die auf jedem Polizeiwagen steht. Es ist unerträglich, dass ihm unterstellt wird, er hätte die Aufforderungen der Polizei nicht ernst genommen. Vili glaubte vielmehr bis zur letzten Sekunde, dass die Polizei ihm zu Hilfe kommen würde. Ich bin überzeugt, dass er noch leben würde, wenn die Polizei erreichbar gewesen wäre.“

Anschlag in Hanau: Anwalt der Familie Paun erhebt schwere Vorwürfe - „wissentlich das Risiko in Kauf genommen“

Der Rechtsanwalt der Familie, Björn Elberling, ergänzte: „Es ist eindeutig, dass der polizeiliche Notruf unterbesetzt war und – trotz aller Kritik und Warnungen innerhalb der Polizei – die personelle sowie völlig veraltete technische Ausstattung nicht den Notwendigkeiten angepasst wurde.“ Rund 20 Jahre lang hätten die Verantwortlichen „wissentlich das Risiko der Nichterreichbarkeit in Kauf genommen“.

Ein leitender Polizeibeamter hatte kurz nach der Entscheidung der Staatsanwaltschaft Hanau gegenüber unserer Zeitung anonym bestätigt, dass die Polizeistation Hanau I am Freiheitsplatz schon lange unterbesetzt ist, und dabei harsche Kritik an der politischen Führung geübt. (dpa/das)

Zuletzt wurde der Vater des Schützen, vom Anschlag in Hanau, wegen Beleidigung verurteilt.

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