Prozess

Plädoyers im Sektenprozess in Hanau: Staatsanwaltschaft fordert drastische Strafe - Verteidigung hält dagegen

Angeklagte im Sektenprozess in Hanau und Anwälte im Congress Park Hanau
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Im Prozess um den Tod des vier Jahre alten Jan H. hat die Staatsanwaltschaft eine lange Haftstrafe für die Angeklagte gefordert.

Der Prozess um den Tod des erst vier Jahre alten Jan H. in Hanau im Jahr 1988 geht auf die Zielgerade. Die Staatsanwaltschaft Hanau hat ihr Plädoyer gehalten und eine drastische Strafe für die Angeklagte gefordert.

  • In Hanau wird ein Todesfall aus dem Jahr 1988 wieder aufgerollt
  • Im Mittelpunkt steht die Anführerin einer mutmaßlichen Sekte aus Hanau.
  • Die Staatsanwaltschaft fordert eine lange Haftstrafe für die Angeklagte.

Hanau – 26 Verhandlungstage lang hat Sylvia D. geschwiegen, sich zwar eifrig Notizen gemacht, aber nicht einmal das Wort ergriffen. Als der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück nach den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung auf die Angeklagte blickt, herrscht plötzlich noch einmal gespannte Ruhe im Saal.

„Sie haben das letzte Wort“, erklärt Graßmück in Richtung Angeklagter. Die räuspert sich kurz, schickt ein leises „Hallo“ und noch ein „Huhu“ ins Mikrofon und legt dann los – erst aufgeregt, von Minute zu Minute aber mit festerer Stimme.

Prozess in Hanau: Angeklagte beteuert ihre Unschuld

„Ich würde kein Gericht anlügen“, sagt D., „ich lüge nicht. Ich lüge niemals.“ Sie sei unschuldig am Tod des kleinen Jan. „Ich habe dem Kind nichts getan, ich habe den Jungen von Herzen lieb gehabt.“ Nie habe sie Kinder denunziert, malträtiert oder misshandelt, niemals einem Kind bewusst wehgetan. „Jans Tod tut mir aufrichtig leid.“

Danach richtet Sylvia D. den Blick auf ihr Notizen. Mehrere Seiten hat sie vorbereitet, vorne und hinten beschriftet. Immer wieder kommt sie durcheinander, muss den Faden wieder aufnehmen. Und sie redet sich in Rage, spricht von einem infamen Rufmord, von Hetze der Aussteiger aus der Gruppierung, von Intrigen, von einem Komplott. Die Aussteiger, viele von ihnen sind in den zurückliegenden Monaten als Zeugen vor Gericht gehört worden, hätten gezielt gelogen. Sie sei stigmatisiert worden. Die Demütigungen seien menschenverachtend gewesen.

Angeklagte wirft Staatsanwaltschaft bei Prozess in Hanau Hetze vor

D. nimmt die Medien ins Visier, die bisher nie objektiv gewesen sei. Hetze wirft sie aber nicht nur der Presse, sondern auch der Staatsanwaltschaft vor. Richtung Gericht sagt sie: „Ich bitte Sie, das Komplott zu erkennen!“ Sie sei eine große Seherin, sie sei die Brücke über den Abgrund – andere hätten das geträumt. Je mehr D. redet, umso mehr offenbart sie von ihrem Wesen. Ohrfeigen habe es keine gegeben, „wenn, dann mal Ohrfeigchen“.

Dies alles überrascht die Zuschauer, die schon am Morgen vor dem Haupteingang des Congress Parks gewartet haben. Dorthin hat die Schwurgerichtskammer den Prozess verlegt – dort ist genügend Platz für das Publikum, denn das Interesse an dem wohl spektakulärsten Prozess der vergangenen Jahre ist groß und an diesem Tag stehen die abschließenden Argumente der Juristen an.

Prozess um totes Kind: Staatsanwaltschaft Hanau fordert lebenslange Freiheitsstrafe

Oberstaatsanwalt Dominik Mies erhebt sich von seinem Stuhl. Es soll noch genau drei Stunden und 23 Minuten dauern, bis er sich wieder setzen darf, denn die Schlussvorträge werden vor Gericht stets im Stehen präsentiert.

Er fasst die 26-tägige Beweisaufnahme, die im Oktober vergangenen Jahres begonnen hat, Stück für Stück, Zeuge für Zeuge zusammen. Am Ende ist Mies überzeugt: „Ich beantrage eine lebenslange Freiheitsstrafe.“ Wegen Mordes. Wegen einer „abscheulichen Tat.“

Prozess: Kriminalpolizei in Hanau ermittelt seit 2015

Er dankt der Hanauer Kriminalpolizei für die seit 2015 andauernde Ermittlungsarbeit in dem über 32 Jahre zurückliegenden, bislang ungeklärten Fall. Damals sei das Verbrechen nicht erkannt worden.

Zwar habe der herbeigerufenden Notarzt einen „unnatürlichen Tod“ bescheinigt, die Ermittler hätten am 17. August 1988 jedoch keinen Verdacht geschöpft.

Und Mies glaubt auch zu wissen, warum: „Hier wurden Spuren beseitigt.“ So sei der Leinensack, in dem der vierjährige Jan H. bis über den Kopf zugeschnürt gewesen sei sei, gezielt von der Bildfläche verschwunden. Und noch ein Indiz: Notarzt und Ermittler haben übereinstimmend berichtet, dass sie den Buben im Kinderzimmer gesehen hätten. Tatsächlich sei Jan H. jedoch im Bad zu Tode gekommen.

Prozess um Sekte in Hanau: Mitglieder sprechen sich ab

Selbst bei der Wiederaufnahme der Ermittlungen hätten sich die Mitglieder der Gemeinschaft abgesprochen, wie aus zahlreichen „Briefen“ und „Träumen“ hervorgehe. „Warum spricht man sich ab, wenn man nichts zu verbergen hat?“

Hinter dem Verbrechen, das der Oberstaatsanwalt als „Mord durch Unterlassen“ bewertet, stehe ein fürchterliches Motiv: „Das war die systematische Vernichtung eines Kindes für den eigenen Machterhalt.“ D. habe ihren Anhängern den Tod von Jan H. mehrfach prophezeit, indem sie angekündigt habe, „der Alte werde Jan holen“.

Sekte in Hanau: Vierjähriger Junge wird als Wiedergeburt Hitlers bezeichnet

Am Tag des Todes habe sie dann eine „Eingebung“ vorgetäuscht und dadurch das Geschehen gerechtfertigt. Den Vierjährigen habe sie als „Schauaffe“, „von den Bösen besessen“ und Wiedergeburt Hitlers bezeichnet.

„Ein Vierjähriger soll die Reinkarnation des größten Massenmörders der Welt gewesen sein?“, prangert er an und kommt zum Schluss: „Das sind niedrige Beweggründe, wie sie nicht niedriger sein könnten.“ Ein „Lebenslang“ habe es für den Vierjährigen nicht gegeben. „Es geht um ein Kind, das sein ganzes Leben noch vor sich hatte.“ An die Angeklagte gewandt wird Mies sehr deutlich: „Frau D., dafür sind Sie verantwortlich!““

Staatsanwalt sieht klare Indizien bei Prozess in Hanau

Mies geht nach den für ihn „absolut glaubhaften Zeugenaussagen“ davon aus, dass die heute 73-Jährige am Tattag den Buben seinem Schicksal überlassen habe. um ihr „niederträchtiges Ziel“ zu erreichen.

Weitere Indizien sieht der Ankläger in dem „geschlossenen System der Gemeinschaft“. D. habe ihre Anhänger durch ein Gemisch aus Spiritualität und wirtschaftliche Verflechtungen in die Medienfirma A. in ein „System der Abhängigkeit“ gebracht, das selbst vor „sexuellen Übergriffen“ keinen Halt gemacht habe.

Durch angebliche „Energiezeiten“ habe es für die weiblichen Mitglieder der Gemeinschaft bis ins Jahr 2017 hinein quasi einen „Stundenplan für Sex“ gegeben, die diese befolgt hätten.

Keine Rechte für Kinder innerhalb der Sekte in Hanau

Kinder hätten innerhalb der Gemeinschaft keinerlei Rechte gehabt. Das sei bereits in den 1970er Jahren so gewesen, als die Familie D. noch in Darmstadt lebte. Nach dem Umzug nach Hanau habe die Intensität der Misshandlungen immer weiter zugenommen.

Neben den beiden leiblichen Söhnen hätten vor allem die zahlreichen Adoptiv kinder unter „Gewalt und Psychoterror“ leiden müssen. „Die Adoptivkinder sind für die Angeklagte der letzte Abschaum gewesen.“

Besonders hart geht Mies mit den Eltern von Jan H. ins Gericht, die sich als Zeugen hinter D. gestellt und den Tod ihres Sohnes als gottgegeben hingenommen hätten. „Das ist für mich pervers und völlig abartig, wenn Eltern so über ihr Kind reden.“

Staatsanwaltschaft sicher: Aussagen sollen von Tat ablenken

Die Angaben aus dem direkten Umfeld von D. seien „Gefälligkeitsaussagen“, die vom Tatvorwurf ablenken sollten. Den Aussagen der Hauptbelastungszeugen glaubt Mies hingegen. Sie seien selbst Opfer ihrer Mutter gewesen. Umso höher sein die „Anerkennung für diese Zeugen“, die aus ihrer Kindheit berichtet und dazu beigetragen hätten, die Geschehnisse nach über 32 Jahren aufzuklären.

Das Bild vom Komplott, das Sylvia D. am Ende diese Tages zeichnet, nimmt auch Matthias Seipel auf. In seinem zweistündigen Plädoyer spricht der Verteidiger von einer „öffentlich vollzogenen Vorverurteilung“ – durch die Medien, aber auch durch Staatsanwaltschaft und Gericht.

Hanau: Ermittlungsverfahren wegen Mordes schon 2016

„Von der Allegorie der Blindheit der Justiz war hier wenig zu erkennen“, so Seipel. Schon das 2015 eingeleitete Verfahren mit dem Vorwurf der Kindesmisshandlung wurde vorangetrieben, „obwohl man wusste, dass der Vorwurf längst verjährt ist“.

Seipel zitiert aus Vernehmungen, in denen er ganz klar die Beeinflussung bestimmter Zeugen sehen will. Dass 2016 ein Ermittlungsverfahren wegen Mordes – damals noch gegen Unbekannt und mit Sylvia D. als Zeugin – eingeleitet worden sei, verwundere da nicht. „Wie groß muss der blinde Eifer der Ermittler gewesen sein, die Beschuldigte ‘zur Strecke’ bringen zu wollen“, fragt Seipel denn auch Richtung Oberstaatsanwalt Dominik Mies.

Verteidigung argumentiert mit veränderten Erziehungsmethoden

Seipel erinnert daran, dass die Erziehungsmethoden in den 70er und 80er Jahren ganz andere gewesen seien als heute. Dazu bemüht er ein Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 1986, das einen Vater freisprach der seine Tochter mir einem Wasserschlauch auf Gesäß und Oberschenkel geschlagen hatte. „Diese Erziehungsmethoden aus heutiger Sicht moralisch zu beurteilen, steht der Justiz nicht zu“, so der Verteidiger.

Auch an den Zeugen aus der „sogenannten Aussteigergruppe“ lässt die Verteidigung kein gutes Haar, spricht von Erinnerungsverfälschung und Scheinerinnerungen. Hart ins Gericht geht Seipel mit den Aussagen der Söhne Manuel und Martin D., die verschiedene Angaben zum Tathergang gemacht hätten, die nicht glaubwürdig oder glaubhaft seien.

Verteidigung der Angeklagten argumentiert gegen Staatsanwaltschaft

Martin D. habe sich in den Vordergrund spielen wollen, sei ein Narziss mit einem überhöhten Selbstwertgefühl. „Er wollte im Gericht zeigen, dass er endlich die Macht über seine Mutter hat“, so Seipel. Der fragt, welchen Grund Claudia H, die Mutter des kleinen Jan gehabt haben sollte, ihren Tagesablauf und die Einträge in ihrem Tagesbuch zu manipulieren. „Das ist einfach nur abenteuerlich!“

Für die Verteidigung ist klar: Es gibt keinen einzigen Zeugen, der Angaben zum Tathergang machen kann. Das von Mies vorgehaltene Motiv sei nicht haltbar. Ob Jan mit dem Kopf im Schlafsack gesteckt habe oder nur bis zu den Schultern, ob er überhaupt im Schlafsack war? „Wir wissen es nicht!“ Auch die Exhumierung habe nichts Konkretes ergeben. „Die Konstruktion der Todesursache ist nicht haltbar. Der Angeklagten kann daher auch keine Tötungsabsicht vorgeworfen werden.“

Verteidigung fordert Freispruch für Angeklagte

Für die Verteidigung liegt die Motivation der Angeklagten glasklar auf der Hand: Das Kind sollte nach einem turbulenten Vormittag zur Ruhe kommen. Als es aufgehört hat zu schreien, hat die Angeklagte gedacht, der Junge sei eingeschlafen.

„Die Angeklagte ist freizusprechen“, so Seipel abschließend.

Erstmeldung 16.9.2020, 19.33 Uhr: Im Kindermordprozess vor dem Hanauer Landgericht gegen die mutmaßliche Sekten-Chefin Sylvia D. hat Oberstaatsanwalt Dominik Mies eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordes beantragt. Die 73-Jährige sei schuld am Tod eines vierjährigen Buben im August 1988.

Mies bewertet die Tat als Mord durch Unterlassen: „Das war eine abscheuliche Tat.“ Die Angeklagte habe Jan H. vorsätzlich in einem über den Kopf verschnürten Leinensack seinem Schicksal überlassen. Das Kind sei ohnmächtig geworden und dann an Erbrochenem erstickt.

Prozess in Hanau: Oberstaatsanwalt nennt Motiv für Mord

Als Mordmotiv nannte Mies einen niedrigen Beweggrund. D., die angeblich eine „direkte Verbindung mit Gott“ habe, habe ihre Machtposition innerhalb der Gemeinschaft stärken wollen, weil sie den Tod des Buben prophezeit habe. Vor der Tat habe sie den Jungen als „vom Bösen besessen“ bezeichnet .

Nach dem Tod, so der Oberstaatsanwalt, habe sie die „Eingebung“ vorgetäuscht, dass „Gott das Kind geholt“ habe. Danach habe sie den Vierjährigen innerhalb der Gemeinschaft als „Reinkarnation Hitlers“ bezeichnet.

Toter Junge in Hanau: Behörden gingen 1988 von Unfall aus

Nach der Tat habe die Angeklagte zusammen mit ihren Anhängern versucht, die Sache verschleiern. „Der Sack war verschwunden, als Notarzt und Kripo vor Ort waren“. Zudem sei der offenbar schon tote Junge vom Bad ins Kinderzimmer gelegt worden. „Hier wurden Spuren beseitigt“, so der Oberstaatsanwalt.

Kurz nach dem Tod des Kindes waren die Behörden im August 1988 von einem Unfall ausgegangen. Es hieß, der Junge sei an Erbrochenem erstickt.

Prozess: Fall um toten Jungen in Hanau wurde 2015 neu aufgerollt

Der Fall hatte für großes Aufsehen gesorgt, weil die Hanauer Staatsanwaltschaft den Fall 2015 neu aufgerollt hatte. Zuvor hatte es Hinweise von Sekten-Aussteigern gegeben, unter denen sich die beiden leiblichen Söhne sowie mehrere Adoptiv- und Pflegekinder befinden.

Die Plädoyers der Verteidiger dauern noch an. Das Urteil soll in der kommenden Woche am Donnerstag (24.9.) verkündet werden.

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