Prozess

Plädoyers im Prozess um den Großauheimer Messer-Mord: Staatsanwältin mit drastischer Forderung

Handschellen auf einer Prozessakte
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Mord oder Totschlag? Dass der 37-jährige Andreas M. ins Gefängnis muss, ist nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung sicher. Offen ist die Frage der Verurteilung.

Weil er seinen Adoptivvater heimtückisch ermordet haben soll, steht Andreas M. vor Gericht. Nun wurden die Prädoyers in dem Mordprozess gehalten.

Hanau – Mörder werden nach dem Gesetz mit lebenslanger Haft bestraft. Bei Andreas M., der im Januar am Großauheimer Harzweg seinen

71-jährigen Adoptivvater getötet hat, greift Staatsanwältin Lisa Pohlmann in ihrem Plädoyer jedoch zu einer noch drastischeren Sanktion: „Ich beantrage die Verurteilung wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.“

Folgt das Hanauer Schwurgericht unter dem Vorsitz von Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel dem Antrag der Anklägerin, würde das bedeuten, dass der 37-Jährige, der das Verbrechen bis ins Detail gestanden hat, nach verbüßten 15 Jahren zunächst nicht automatisch die Chance hätte, aus der Strafhaft entlassen zu werden.

Staatsanwältin rekonstruierte die letzten Stunden des Opfers

Zuvor rekonstruiert Pohlmann die letzten Stunden des 71-jährigen Hubert H., die durch eindeutige Zeugenaussagen belegt sind. „Er hatte an diesem Tag gute Laune und hat einen Kuchen gebacken – weil er am Tag darauf eigentlich Geburtstag gehabt hätte“, beschreibt sie die Situation.

Seinen adoptierten Sohn habe er selbst dann noch unterstützt, als dieser auf die schiefe Bahn geriet und schließlich in die Obdachlosigkeit abrutschte. „Er hat Andreas M. im Winter in seiner kleinen Wohnung aufgenommen, damit er nicht weiter auf der Straße leben und frieren muss“, sagt Pohlmann, die dann das „Drama“ rekapituliert, wie der Angeklagte es umfassend gestanden hat. Dieses Geständnis sei „konstant und widerspruchsfrei“. Das Verbrechen und die Motive seien offen und detailliert geschildert worden. „Da kann einem der Schauer über den Rücken laufen“, so Pohlmann. Andreas M. habe „sichergehen wollen“ dass er seinen Adoptivvater tötet. „Gefühlskalt“ sei das Vorgehen, „bestialisch“ nennt die Staatsanwältin die Ausführung, die nach zahllosen Schlägen und Tritten mit insgesamt 19 Messerstichen endete.

Opfer hatte laut Staatsanwaltschaft keine Chance

„Hubert M. hatte keine Chance“, stellt sie fest und kommt zur juristischen Einordnung des Verbrechens. Bei der Analyse der Mordmerkmale kann sie in diesem Fall aus dem Vollen schöpfen.

Angesichts der Brutalität des Geschehens am Harzweg wären sogar die Mordmerkmale „Mordlust“ sowie „Grausamkeit“ denkbar. Diese seien jedoch vom Gesetz her noch anders definiert.

Keinen Zweifel lässt die Staatsanwältin jedoch daran, dass Andreas M. „heimtückisch und aus einem niedrigen Beweggrund“ gehandelt hat. „Das Opfer war in dieser Situation „arg- und wehrlos“, so Pohlmann, denn der

"Hass und Wut" als Motiv

37-Jährige habe sofort angegriffen. Motiv für die schreckliche Bluttat seien „Hass und Wut“ gewesen.

„Der Vater hat sich immer wieder Sorgen gemacht und sich um ihn gekümmert.“ Der Adoptivsohn dagegen habe den Hass weiterentwickelt und daraus selbst vor dem Schwurgericht keinen Hehl gemacht. Von Reue oder Mitleid keine Spur. Im Gegenteil, er scheint mit der Tötung sogar zufrieden zu sein.

Trotz des umfassenden Geständnisses von Andreas M. sieht Pohlmann „keinerlei Milderungsgründe“ und fordert die „absolute Strafandrohung des Gesetzes“.

Verteidigerin hat einen schweren Stand

Rechtsanwältin Andrea Sawa hat danach einen schweren Stand. Ihre Aufgabe ist es, Andreas M. zu verteidigen. Sie verweist auf dessen Werdegang als Adoptivkind und den späteren sozialen Abstieg.

Den Auslöser der Tat sieht die Pflichtverteidigerin ebenfalls darin, dass ihr Mandant „wutentbrannt und hasserfüllt“ gewesen sei. „Der Gedanke der Tötung ist ihm jedoch erst während des Angriffs gekommen“, schränkt Sawa, die das Geschehen als „Eskalation“ bezeichnet, ein.

Die Mordmerkmale der Heimtücke und niedrigen Beweggründe sieht sie nicht als bewiesen an, weil der Überraschungseffekt gefehlt habe und der Vater wegen vorheriger Konflikte vorgewarnt gewesen sei.

Verweis auf eine Persönlichkeitsstruktur des Angeklagten

Zudem verweist sie auf die eindeutig diagnostizierte dissoziale Persönlichkeitsstruktur ihres Mandanten und die Tatsache, dass der 37-Jährige seit Jahren von Amphetaminen abhängig sei. „Ich beantrage daher eine Verurteilung wegen Totschlags“, so die Verteidigerin.

Der Fall: Adoptivvater getötet

13. Januar: Die Polizei entdeckt am Harzweg in Großauheim die Leiche eines 71-Jährigen, der erschlagen, erwürgt und schließlich erstochen worden ist. Der 37-jährige Adoptivsohn des Opfers wird am Tatort festgenommen. Er leistet keinen Widerstand.

Mai: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Mordes beim Landgericht.

16. Juni: Prozessauftakt. Andreas M. gesteht die Tötung seines Adoptivvaters. Polizisten und eine Nachbarin sagen als Zeugen aus.

24. Juni: M. berichtet detailliert über die Tötung und mögliche Motive. Die Kammer vernimmt weitere Zeugen.

7. Juli: Die Gutachterin der Rechtsmedizin und der forensisch-psychiatrische Gutachter sagen als sachverständige Zeugen aus.

9. Juli: Die Staatsanwältin fordert lebenslange Haft mit Feststellung der Schwere der Schuld. Die Verteidigerin beantragt eine Verurteilung wegen Totschlags. Das Schwurgericht hat die Urteilsverkündung auf Dienstag, 14. Juli, um 12 Uhr angesetzt. thb

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