Aus dem Gericht

Polizei liest Krypto-Chats mit und überführt Drogendealer „Escobar“ in Hanau

150 Marihuanapflanzen hat die Polizei in einem Steinheimer Wohnzimmer entdeckt. Symbol
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150 Marihuanapflanzen hat die Polizei in einem Steinheimer Wohnzimmer entdeckt. Symbol

In Hanau hat die Polizei im letzten Jahr einen mutmaßlichen Drogendealer verhaftet. Krypto-Chats haben „Escobar“ überführt, jetzt steht er vor Gericht.

Hanau – Mit seinen Komplizen hat er ganz offen über ein angeblich abhörsicheres Mobiltelefon seine Drogengeschäfte eingefädelt und abgewickelt. Doch der Polizei, die weltweit diese Telefone in die Unterwelt eingeschleust und mitgelesen hatte, ist er auf den Leim gegangen: Ein 38-Jähriger muss sich nun wegen schwunghaften Drogenhandels vor dem Landgericht Hanau verantworten.

Er gestand zum Prozessauftakt, mit Kokain und Haschisch im Schwarzmarktwert von rund 200.000 Euro gedealt und in seinem Wohnzimmer eine Marihuana-Plantage betrieben zu haben. Es sind mehrere Hundert Seiten in der Ermittlungsakte, auf denen die Polizei die Chatverläufe aus den sichergestellten Handys dokumentiert hat. Dr. Katharina Jost, die Vorsitzende Richterin der 2. Großen Strafkammer, hat die markantesten Passagen herausgesucht und liest daraus vor.

Drogendealer in Hanau: Polizei überführte Verdächtige mit Trick

Es sind minutiöse Einblicke in das Leben von Drogendealern in Hanau: „Ich bin gerade in Steinheim aktiv“, textet ein „Pablo Escobar“. „Hast Du Zeit für fünf Kilo?“, fragt ihn O. und kündigt an: „Der Kurier kommt, wo soll er hin?“ „Ludwigstraße“, antwortet „Escobar“ und sein Partner kündigt an: „Ich mach dann die Haschabrechnung – es sind 38 650.“

Im gestärkten weißen Hemd sitzt Herr G. (38) auf der Anklagebank des Landgerichts. Er hat den Spitznamen „Escobar“ benutzt. Doch mit dem berüchtigten Drogenbaron aus Kolumbien hat er wenig zu tun. Er ist eher im kriminellen Groß- und Einzelhandel mit Kokain und Haschisch aktiv gewesen. Der Steinheimer lächelt freundlich und lauscht zusammen mit Rechtsanwalt Christian Kunath, was die Vorsitzende verliest und immer wieder nachhakt: „Was haben sie mit den fünf Kilogramm Haschisch gemacht?“ „Weiterverkauft. In zwei Portionen.“

Ganz offen schicken sich die beiden Drogendealer die Nachrichten. Und „Pablo Escobar“ macht sich Sorgen um die Kundschaft: „Merkel hat den Lockdown schon wieder verlängert“, textet er. O. kümmert das nicht, seine Geschäfte laufen: „Der Lockdown geht mir am Arsch vorbei.“ Bei dieser Passage geht ein Lachen durch den Gerichtssaal.

Wohnung in Hanau gestürmt: GSG 9-Beamte fassen „Escobar“ bei weltweiter Razzia

Doch dem Steinheimer „Escobar“ vergeht das Lachen bereits am 7. Juni 2021. Denn an diesem Tag hat er in seiner 140-Quadratmeter-Wohnung an der Ludwigstraße unangekündigten Besuch. Beamte des Landeskriminalamts, der Hanauer Kripo und sogar der Spezialeinheit GSG 9 stürmen um Punkt 6 Uhr die Wohnung, holen G. aus dem Bett, für den seitdem ein ganz persönlicher „Lockdown“ gilt: im Untersuchungsgefängnis.

Es ist der Tag, an dem weltweit Drogenringe hochgenommen werden. Operation „Trojan Shield“ heißt die weltweit größte Polizeiaktion, bei der acht Tonnen Kokain, 22 Tonnen Cannabis und Hasch sichergestellt werden. Insgesamt werden 800 Verdächtige festgenommen, 19 davon im Main-Kinzig-Kreis. G. ist nun der Erste, der sich vor dem Hanauer Landgericht verantworten muss.

Drogendealer in Hanau: Staatsanwaltschaft dürfte leichtes Spiel bei Beweisaufnahme haben

Für Staatsanwalt Tobias Wolf, der die Anklage vertritt, dürfte die Beweisaufnahme ein leichtes Spiel sein, denn G. ist den Ermittlungsbehörden auf den Leim gegangen. Mit seinen Hinterleuten und Komplizen hat er über das Kryptohandy der Marke „Anom“ kommuniziert. Und dabei kein Blatt vor den Mund genommen, weil es sich dabei – angeblich – um ein sündhaft teures, aber abhörsicheres System handelt. In Wahrheit sind es aber FBI und die australische Bundespolizei, die das Kryptosystem selbst entwickelt haben und als „Anom“ in die Unterwelt einschmuggeln – und danach rund um den Globus und rund um die Uhr mitlesen, wer wo und wann dealt.

Ein ganz kleiner Fisch ist der Steinheimer „Escobar“ nach Ansicht von Staatsanwalt Wolf aber nicht. Er wirft dem 38-Jährigen illegalen Handel mit rund eineinhalb Kilogramm Kokain sowie sechs Kilogramm Haschisch vor – alles zusammen mit einem Schwarzmarktwert von rund 200 .000 Euro.

Und die „gärtnerischen Qualitäten“ von G. werden in diesem Prozess ebenfalls thematisiert. Denn bei der Razzia in Steinheim müssen die Beamten nicht lange suchen und im Wohnzimmer nur die große schwarze Plastikplane hinter der Couch zur Seite schieben: Dahinter entdecken sie, im künstlichen Tropenklima, eine Plantage mit rund 150 Marihuanapflanzen, die schon abgeerntet sind. Die getrockneten Pflanzen müssen nur noch eingesammelt werden.

„Escobar“ aus Hanau legt Geständnis ab

Er selbst sei nur der „Plantagenbesitzer“ gewesen, sagt Herr „Escobar“, der angesichts der erdrückenden Beweise schon bei der Festnahme die Flucht nach vorne antritt und zum Prozessauftakt alle Vorwürfe einräumt: „Ich bereue, was ich getan habe“. Einen „grünen Daumen“ habe er jedoch nicht, schränkt er ein. Ein Kumpel von ihm habe sich um die zarten Pflänzchen gekümmert, die vor allem den Eigenbedarf decken sollten.

Und dann finden die Beamten auch noch einen roten Kleinwagen, der es in sich hat. „Man muss den Rückwärtsgang einlegen, dann öffnet sich das Fach unter dem Kofferraum“, erklärt G. dem Gericht die technische Finesse. Es ist ein professionell ausgestattetes Bunkerfahrzeug, indem die Fahnder noch weitere 800 Gramm Kokain sicherstellen. Doch das ist ein weiteres Drogenverfahren, das ebenfalls noch auf G. warten dürfte. Der Prozess wird am Montag, 17. Januar, fortgesetzt. (Thorsten Becker)

Zuletzt hatte das Landgericht Hanau zwei Drogendealer verurteilt, die die größte Menge an Rauschgift besaßen, die bis dahin je in Hanau sichergestellt wurde.

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