Projekt „Wirtschaft integriert“

„Ein langer Atem ist nötig“

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„Hier prallen manchmal Welten aufeinander“: Ausbilder Thorsten Menge betreut bei der Gesellschaft für Wirtschaftskunde in Hanau Flüchtlinge. Und nicht alle machen ihm die Arbeit so leicht, wie der 26-jährige Afghane Mahdi Hussein (r.).

Hanau - Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und Eritrea, und sie alle hoffen hier auf ein Leben in Sicherheit und ohne Angst. Einer ihrer größten Wünsche ist, rasch eine Arbeitsstelle zu bekommen. Doch das ist für sie oft ein langer, mühevoller Weg. Von Dirk Iding

Diesen zu meistern, dabei wollen das Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft und die in Hanau ansässige Gesellschaft für Wirtschaftskunde jungen Flüchtlingen helfen. „Wirtschaft integriert“ heißt ein vom Hessischen Wirtschaftsministerium finanziertes Projekt, das ein ehrgeiziges Ziel hat. Es will jungen Flüchtlingen und Zuwanderern den Weg zu einem Berufsabschluss ebnen und sie dabei in einer nahtlosen Förderkette von der Berufsorientierung bis hin zur Ausbildungsbegleitung in den Betrieben über einen Zeitraum von längstens viereinhalb Jahre unterstützen. Dazu sollen aus der Berufsförderung bereits bekannte Maßnahmen so aufeinander abgestimmt und an die betroffene Klientel angepasst werden, dass es zu einer möglichst hohen Vermittlungsquote kommt. Doch was sich in der Theorie gut anhört, stößt in der Praxis auf viele Schwierigkeiten.

Anfang Oktober hat in den Ausbildungswerkstätten der Gesellschaft für Wirtschaftskunde (GfW) an der Martin-Luther-King-Straße für weitere 18 junge Flüchtlinge die erste Projektphase, eine dreimonatige Berufsorientierung, begonnen. Dabei sammeln die im Durchschnitt 20 Jahre alten Teilnehmer in einer 37-Stunden-Woche nicht nur erste praktische Erfahrungen in den Berufsfeldern Elektro- und Metalltechnik sowie Hauswirtschaft, sondern werden auch sozialpädagogisch betreut, erhalten eine Sprachförderung und es werden ihre beruflichen Kompetenzen festgestellt. Auch Bewerbungen und Vorstellungsgespräche werden im Rahmen dieser 13-wöchigen Maßnahme vorbereitet.

Wahaj Bin Said ist Teamleiter beim Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft (BWHW) und für die Koordinierung des im vergangenen April gestarteten Projekts „Wirtschaft integriert“ im Rhein-Main-Gebiet zuständig. Und nach gut einem halben Jahr steht für ihn fest: „Geduld und Ausdauer auf allen Seiten, das sind die wichtigste Voraussetzungen für den Erfolg des Projekts.“ Denn die anfängliche Hoffnung, dass unter den Flüchtlingen auch viele gut ausgebildete Menschen seien, die angesichts des Fachkräftemangels hierzulande ohne größere Probleme in den Arbeitsmarkt integriert werden könnten, hat sich ein Stück weit verflüchtigt.

Auch Reinhold Maisch, Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftskunde (GfW), spricht von einem „schwierigen und langwierigen Prozess“ der beruflichen Integration. „Denn eine duale Berufsausbildung, wie wir sie kennen, ist in den Herkunftsländern der Flüchtlinge völlig unbekannt. Ein Knackpunkt ist, den jungen Leuten überhaupt erst einmal klar zu machen, dass sie hier über mehrere Jahre lernen müssen, ehe sie überhaupt eine Chance haben, in einen Ausbildungsberuf zu kommen“, so Maisch. Viele Betroffene wählten daher die aus ihrer Sicht attraktivere, weil zunächst besser bezahlte Alternative eines Hilfsjobs und verspielten damit ein Stück weit ihre Zukunftschancen.

Auch stelle sich häufig heraus, dass schulische und berufliche Vorkenntnisse von Flüchtlingen aus ihren Herkunftsländern völlig unzureichend sind, um hier eine Ausbildung beginnen zu können. „Mitunter müssen wir da fast bei Null anfangen“, weiß der GfW-Geschäftsführer.

Größte Hürde seien jedoch mangelnde Deutschkenntnisse. „Es fehlt schlicht an ausreichend Plätzen in Integrations- und Sprachkursen“, beklagt Wahaj Bin Said. Denn auch beim Programm „Wirtschaft integriert“ sind Deutschkenntnisse auf dem Sprachniveau von mindestens A2 bis B1 eine der wenigen Voraussetzungen für die Aufnahme von Klienten. Ansonsten seien die Zugangsvoraussetzungen bewusst flexibel gestaltet. So spiele etwa der Aufenthaltsstatus der Klienten keine Rolle für deren Berücksichtigung in dem Programm.

Bilder vom Danke-Konzert für freiwillige Flüchtlingshelfer

Aber wohl nur die wenigsten Flüchtlinge sind wie der 26-jährige Afghane Mahdi Hussein in der Lage, innerhalb von nur sieben Monaten seit der Ankunft in Deutschland Deutsch so gut zu lernen, dass eine Verständigung mit ihnen problemlos möglich ist. Husseins wichtigstes Hilfsmittel dabei waren allerdings keine Sprachkurse, sondern die Internetplattform „Youtube“.

Der 26-jährige Afghane gehört durch sein Engagement zu den „Aushängeschildern“ des jüngsten Projektdurchgangs bei der Gesellschaft für Wirtschaftskunde. Und deshalb ist für Hussein, der nach seinen eigenen Angaben in seinem Heimatland als Verputzer gearbeitet hat, die Maßnahme auch schon bald wieder beendet. Zum nächsten Ersten beginnt der 26-Jährige nämlich eine Ausbildung in einem Hanauer Maler- und Lackierbetrieb.

Das freut auch Ausbilder Thorsten Menge, der als Freiberufler bei der Gesellschaft für Wirtschaftskunde Flüchtlinge betreut und sie bei der Berufsorientierung in den Bereichen Elektro- und Metalltechnik unterstützt. Er fasst seine Erfahrungen in dem Satz zusammen: „Hier prallen manchmal Welten aufeinander.“ Die Erwartung vieler Flüchtlinge decke sich oft nicht mit dem, was von ihnen gefordert werde. Hinzu komme die „berufsspezifische Sprache“, die eine Verständigung zusätzlich erschwere. Gleichwohl ist Ausbilder Menge vom Sinn des Projekts und seiner Arbeit überzeugt: „Wir müssen uns dieser Aufgabe stellen, auch wenn dazu ein langer Atem notwendig ist.“

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