Provokation mit Folgen ins 20. Jahrhundert

Vor 150 Jahren wurde die Gründung des Deutschen Kaiserreichs proklamiert – nicht ohne Folgen für Hanau

Der Karlsruher Kunstmaler Anton von Werner (1843-1915), künstlerischer Chronist der Kaiserzeit, hat den historischen Augenblick im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles festgehalten: Proklamation des Preußenkönigs Wilhelm I. als deutscher Kaiser und Gründung des Deutschen Reiches.
+
Der Karlsruher Kunstmaler Anton von Werner (1843-1915), künstlerischer Chronist der Kaiserzeit, hat den historischen Augenblick im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles festgehalten: Proklamation des Preußenkönigs Wilhelm I. als deutscher Kaiser und Gründung des Deutschen Reiches.

Am 18. Januar 1871 fand ein einschneidendes Ereignis für die europäische Geschichte statt: An diesem Tag, einem Mittwoch, wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles der preußische König Wilhelm zum deutschen Kaiser ausgerufen. Der Vorgang war nicht nur für das fortan geeinte Deutsche Reich ein historischer Markstein, ein Höhepunkt preußischer Machtpolitik, es war zugleich auch der Tiefpunkt der Beziehungen zum Nachbarn im Westen. Die Proklamation im Barockschloss von Versailles, dem Ort, der für Frankreichs einstige Macht und Größe unter Ludwig XIV. stand, war eine Demütigung, ja eine Traumatisierung.

Hanau/Versailles – Preußen, Bayern und Württemberg hatten der Grand Nation in einem fälschlich als „Deutsch-Französischer Krieg“ bezeichneten militärischen Konflikt um die Thronfolge in Spanien (!) eine blamable Niederlage bereitet. Es waren zwar deutsche Staaten, die da in den Krieg zogen, doch von einem „Deutschland“ konnte man bis dahin nicht sprechen. Dieses entstand erst mit jener hochmütigen Geste der Sieger mit der Proklamation vom 18. Januar 1871. Die Geburtsstunde des Deutschen Kaiserreichs schlug mithin an jenem Mittwoch im Spiegelsaal von Versailles.

Was hat das nun aber mit Hanau zu tun? Mehr als es auf den ersten Blick vermuten lässt. Zunächst einmal waren die Hanauer des Jahres 1871 ja Untertanen des preußischen Königs und nunmehrigen deutschen Kaisers. Sie waren „Muss-Preußen“, hatte doch Kurhessen nur fünf Jahre vorher seine Eigenständigkeit verloren, sprich: Preußen hatte sich das Kurfürstentum Hessen-Kassel, zu dem Hanau gehörte, einverleibt und zu einer preußischen Provinz degradiert.

Hanauer galten als Vorkämpfer gegen Kleinstaaterei

Viele hessische Patrioten, derer es auch in Hanau trotz seiner starken demokratischen Traditionen nicht wenige gab, wollten sich mit ihrem neuen Status nicht so recht anfreunden. Jetzt wurde nämlich in Berlin entschieden, was früher aus Kassel kam. So blieb das Verhältnis zum König vage und das zur preußischen Administration zunächst eher distanziert. Gleichwohl: Eines der Ziele der deutschen Demokratiebewegung der nachnapoleonischen Zeit war auch ein „einiges deutsches Vaterland“, also die Vereinigung des in Dutzende von Kleinstaaten zersplitterten Gebietes des heutigen Deutschland. Die Hanauer galten dabei als Vorkämpfer gegen Kleinstaaterei und Fürstenwillkür, was sich in den Ereignissen des Vormärz 1830 und 1848 niederschlug, als die Hanauer „Krawaller“ eine Vorreiterrolle innehatten. Mit der Obrigkeit gleich welcher Couleur hatten es die Hanauer nie so recht in jener Zeit.

Hier lohnt nun ein Blick in die Geschichte Hanaus, besser gesagt auf die Grafen von Hanau, die einst zu den besten Zeiten ihrer Herrschaft Territorien von den Vogesen bis an den Taunusrand besaßen, mithin ein wahrlich europäisches Geschlecht waren und immer ganz „nahe“ an Frankreich. Seit 1458 gab es dynastische Verbindungen zwischen der wetterauischen Grafschaft Hanau-Münzenberg und der linksrheinischen Grafschaft Hanau-Lichtenberg. Gerade aber letztere war nach dem Dreißigjährigen Krieg ins Visier französischer Expansionspolitik in Richtung Rhein geraten. Nach dem Aussterben des Hanauer Grafenhauses 1736 war Hanau-Lichtenberg zunächst an Hessen-Darmstadt gefallen. Doch kein halbes Jahrhundert später änderte die Französische Revolution alles. Nach 1789 wurde das hanauische Elsaß Teil der Ersten Französischen Republik. Auch der Wiener Kongress von 1815, der nach Napoleons Niederlage in Frankreich die Monarchie wieder einrichtete, beließ es dabei: Elsaß und Lothringen bleiben bei Frankreich.

Mythos einer „deutsch-französischen Erbfeindschaft“

Im vaterländischen Geiste, der sich nach Napoleons Niederlage gestärkt sah, hatte sich aber bald auch ein Ungeist eingenistet. Die nationalistischen Töne im Ruf nach einem deutschen einigen Vaterland waren nicht zu überhören. Und mit Lothringen, mit Metz, Toul und Verdun wollten nun viele Deutsche das zurückhaben, was sie als urdeutsche Lande wähnten. Das war dann 1871 soweit: Im Frieden von Frankfurt musste Frankreich dem soeben gegründeten Deutschen Reich die fortan so genannten „Reichslande Elsaß und Lothringen“ abtreten. Das belebte denn auch jenen Mythos einer „deutsch-französischen Erbfeindschaft“.

Nun also war, jenseits des Rheins aus der Taufe gehoben und von oben herab verfügt, dieses Vaterland plötzlich da. Als Ergebnis preußischer Diplomatie und Machtpolitik und preußisch dominiert war es sicher nicht das, wie es sich mancher alter 1848er gewünscht hätte. Und in der Tat war mit dieser „Reichsgründung“ der Grundstein für die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, nämlich zwei Weltkriege gelegt. Der Begriff vom „Erbfeind Frankreich“ war also Propaganda des 19. Jahrhunderts zur Absicherung der eigenen Politik.

Die preußische Administration (Militärfiskus) verpflichtet die Gemeinden des Hanauer Umlandes zu „freiwilligen“ Lieferungen von Lebensmitteln für die beiden Hanauer Lazarette in Hanau im Altstädter Schloss und in Philippsruhe

„Gründerboom“ erfasste Rein-Main-Gebiet

Doch zurück nach Hanau. Als Preußen 1866 Kurhessen besetzte und per Gesetz vom 20. September des gleichen Jahres zu preußischem Staatsgebiet machte, blieben die Verwaltungsstrukturen erhalten, jedoch wurde der Landkreis Hanau 1868 der neu gegründeten Provinz Hessen-Nassau zugeschlagen. 1871 nach der Niederlage des gallischen Nachbarn wurden Frankreich fünf Milliarden Goldfrancs als Reparationszahlung auferlegt. Nicht zuletzt dieses Geld war die Initialzündung für einen enormen Wirtschaftsaufschwung im jungen Deutschen Reich, der als „Gründerboom“ bald auch das Rhein-Main-Gebiet erfasste.

Davon profitierte auch die Gegend um Hanau, bis dahin schon die am weitesten entwickelte Region des alten, wirtschaftlich eher rückschrittlichen und meist notleidenden Kurhessen. Zum Landkreis Hanau gehörten damals auch beispielsweise noch halb Frankfurt mit seinen Industriestandorten Fechenheim und Bockenheim. 1871 war per preußischem Gesetz in Hanau eine Industrie- und Handelskammer gegründet worden. Diese sah sich als Vertretung der Wirtschaft und als deren Sprachrohr. Auch wenn sich das Kammergebiet zunächst bis über Fulda hinaus erstreckte, die Musik des industriellen Aufschwungs spielte in Hanau. Wichtige und bis heute nachwirkende Verkehrs-Infrastrukturprojekte wurden in die Wege geleitet, wie der Bau der Friedberger (1879) und der Bebraer Bahnlinie (1868-1873). Eine mittelständische Maschinenbauindustrie hatte sich bereits etabliert und ein heutiger Weltkonzern wie Heraeus stand in den Startlöchern. Und noch immer gab es ja die traditionellen Hanauer Gewerbe: Gold und Silberwaren im Luxussegment und eine Tabakverarbeitung, die den halben Kontinent mit Zigarren versorgte.

Hanau diente als Verkehrsknotenpunkt

Doch die preußische Politik hatte auch militärische Überlegungen im Portfolio, war man sich doch darüber durchaus im Klaren, dass Frankreich die Demütigung der Reichsgründung in Versailles nicht auf sich beruhen lassen würde. Schon im Krieg gegen Österreich 1866 hatte Preußen auf technische Neuerungen gesetzt und damit den Krieg für sich entschieden: Eisenbahn für den reibungslosen Transport, Telegrafie für schnelle Kommunikation und das neuartige Zündnadelgewehr als waffentechnische Innovation. Nun galt es, da man 1866 ja mit der eigenen Grenze näher an den „Erbfeind“ gerückt war, auch dort militärisch aufzurüsten. Da schneller Transport von Truppen und Material Kern der preußischen Militärstrategie war, lag es auf der Hand, den Verkehrsknotenpunkt Hanau zu nutzen. Allein sieben Eisenbahnlinien aus allen Richtungen kreuzen sich in Hanau, Grund genug, hier die Eisenbahntruppe zu konzentrieren. Lange bevor die Eisenbahnregimenter in den 1910er Jahren in Hanau Garnison bezogen, drängte das Militär auf den Bau einer Eisenbahnverbindung über den Main von Hanau nach Offenbach und damit in Richtung Frankreich. So ist auch die 1871 bis 1873 gebaute Steinheimer Brücke und die 1875 eröffnete Pulverfabrik Wolfgang letztlich ein Produkt der Reichsgründung vor 150 Jahren.

„Siegreich woll’n wir Frankreich schlagen!“ riefen die Propagandisten des Ersten Weltkriegs 1914. Und die Hanauer Ansichtskartenfabrik der Gebrüder Brüning druckte Karten mit dem Kaiserportrait und dem Spruch: „Gruß aus Hanau – auf der Durchfahrt nach Frankreich“. Wie die Sache mit dem „Erbfeind ausging, wissen wir. Und das alles hat zu tun mit jenem 18. Januar 1871.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare