Tödliche Schüsse in der Gallienstraße:

Mord auf über 10.000 Seiten

Hanau - Neu aufgenommen und gleich wieder um drei Wochen verschoben wurde gestern der Prozess um die tödlichen Schüsse, die am 7. September 2013 in der Hanauer Gallienstraße gefallen sind. Von Laura Hombach

Unter Mordanklage stehen der 52-jährige Schwager des Opfers und nun auch seine Lebensgefährtin (30). Voll war es gestern Morgen im Saal A 215 des Hanauer Landgerichts, nicht nur auf den Zuschauer- und Presseplätzen, sondern auch auf der Anklagebank. Neben dem 52-jährigen Angeklagten, gegen den bereits seit dem 8. November 2016 verhandelt wird, und seinen beiden Verteidigern musste seine Lebensgefährtin mit einem weiteren Anwaltsduo Platz nehmen.

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Aus der Sicht des Schützen

Die Staatsanwaltschaft hatte am 13. Dezember des vergangenen Jahres Anklage gegen die junge Frau erhoben, nachdem sich aufgrund neuer Ermittlungsergebnisse und im Laufe des Gerichtsverfahrens gewonnener Erkenntnisse ein dringender Tatverdacht gegen die junge Frau ergeben hatte. War die Anklage zunächst davon ausgegangen, dass der 52-Jährige die tödlichen Schüsse selbst abgefeuert hat, spricht nach Ansicht der Staatsanwaltschaft inzwischen vieles dafür, dass die Lebensgefährtin die Schützin war.

Laut der Anklageschrift gegen die 30-Jährige, die Staatsanwalt Mathias Pleuser gestern verlas, soll das Paar gemeinsam beschlossen haben, den Schwager aus Rache zu töten. Hintergrund dafür soll gewesen sein, dass das Opfer seine Frau - die Schwester des Angeklagten - dazu veranlasst hatte, eine erbrechtliche Klage gegen ihren Bruder zu führen, welche die Existenzgrundlage des 52-jährigen und damit auch die seiner 30-jährigen Lebensgefährtin gefährdet hätte. Der Angeklagte soll dabei als planender Hintermann agiert haben. Am Tatabend in die Gallienstraße gefahren und den Plan umgesetzt haben soll indes die 30-Jährige. Gegen 23.30 Uhr soll sie an der Haustür geklingelt, das Opfer damit an die verglaste Haustür gelockt und vier gezielte Schüsse abgegeben haben. Zwei der abgefeuerten Projektile trafen das Opfer im Bauch, wovon eines die Aorta durchtrennte, so dass der Niedergeschossene an innerer Blutungen starb.

Ein ganz ähnliches Szenario war bei der Prozesseröffnung am 8. November 2016 bereits in der Anklageschrift gegen den 52-Jährigen geschildert worden, die Pleuser gestern erneut vortrug. Bei gleichem Tatmotiv und Tathergang ist es hier indes der 52-Jährige, der die tödlichen Schüsse abgegeben haben soll.

So standen nach Verlesung der beiden Anklageschriften gestern quasi gleich zwei potenzielle Schützen im Raum. Ein Umstand, den Verteidiger Andreas von Dahlen nutzte, um auf die Widersprüchlichkeit der beiden Verdachtssachverhalte hinzuweisen, von unzureichenden Beweismitteln gegen seinen 52-jährigen Mandanten zu sprechen und seine Forderung vom ersten Prozesstag zu erneuern, dass der Angeklagte freizusprechen sei. Das blieb nicht ohne Widerspruch von Staatsanwalt Pleuser, der von ausreichenden Beweismitteln sprach. Der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück gab den rechtlichen Hinweis, dass auch eine Verurteilung des Angeklagten wegen Anstiftung oder Mittäterschaft in Frage komme.

Bis es zu einer Urteilsfindung kommt, kann aber noch einige Zeit ins Land gehen. Gestern wurde die Verhandlung gegen die beiden Angeklagten wegen gemeinschaftlichen Mordes zunächst einmal für knapp drei Wochen aufgeschoben. Beantragt hatten das die beiden Verteidiger der Angeklagten. Zur Begründung führten sie die kurze Zeitspanne seit Anklageerhebung, die über 10.000 Seiten Prozessakten, fehlende Teile in den der Verteidigung vom Gericht zugestellten Unterlagen, die Zusendung von weiteren Akten erst kurz vor Prozessbeginn sowie noch ausstehende Protokolle mit Telefonaten der Angeklagten an. Die Verhandlung wird am Dienstag, 21. Februar, um 9 Uhr in Saal A 215 des Hanauer Landgerichts fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

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