Prozess in Hanau um Philipp-Pleite

Insolvenzverwalter erhebt schwere Vorwürfe

Demontage: Im Februar 2015 werden Maschinen und Inventar der Philipp-Fabrik abtransportiert.
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Demontage: Im Februar 2015 wurden Maschinen und Inventar der Philipp-Fabrik abtransportiert.

„Die Geräte waren mitsamt den Steckdosen aus der Wand gerissen, Mauern brutal eingerissen, um die Maschinen abzutransportieren zu können. Es gab keinen Geschäftsbetrieb mehr, der Großteil der Mitarbeiter war bereits freigestellt“, beschreibt Frank Schmitt die Situation, die er im März 2015 an der Hochstädter Landstraße vorgefunden hat. Dem Sitz der Herrenkleiderfabrik Philipp,

Hanau - Der 56-Jährige betritt an diesem Tag im Auftrag des Amtsgerichts das Betriebsgelände der J. Philipp Herrenkleiderfabrik, die eigentlich ihr 70-jähriges Firmenbestehen zu feiern hätte. Schmitt ist Rechtsanwalt und der Insolvenzverwalter, gehört zu einer bekannten Kanzlei in Frankfurt, die auch in der berühmten Milliarden-Pleite von Jürgen Schneider geholfen hat, die Missstände ans Licht zu bringen.

„Wie eine kriegsmäßige Demontage“

In Wilhelmsbad trifft Schmitt auf ein Chaos, das er „so noch nicht erlebt“ habe. „Das erinnerte mich an Dokumentationsfilme über die kriegsmäßige Demontage von Firmen“, schildert er der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer seine Eindrücke. Und er trifft in diesen März-Tagen vor sechs Jahren erstmals auf Dr. Joachim S., der als Philipp-Geschäftsführer agiert. S. ist zusammen mit vier weiteren Männern vor dem Landgericht Hanau angeklagt, in unterschiedlicher Beteiligung für den Bankrott des Traditionsunternehmens sowie die Insolvenzverschleppung verantwortlich zu sein. Gläubiger, vor allem aber die Belegschaft, seien dadurch leer ausgegangen (wir berichteten). Im Gerichtssaal sitzen die beiden Männer nun wenige Meter voneinander entfernt.

„Eine peinliche Vorstellung“

Schmitt lässt kein gutes Haar am letzten Philipp-Chef. „Beim ersten Treffen war er sehr nervös, kam ins Schwitzen. Bei S. ist mir aufgefallen, dass er nichts zur Situation beitragen konnte“, sagt der Zeuge und bezeichnet dies als „peinliche Vorstellung.“ Dabei hatte S. nur Tage zuvor beim Amtsgericht die Insolvenz in Eigenverantwortung beantragt. Doch Schmitt stellt schnell fest: S. hat überhaupt keine Branchenkenntnis, Rohstoffe sowie die computergesteuerten Schnittmustermaschinen waren bereits abtransportiert – selbst die Buchhaltung seit der Übernahme von Philipp durch die Firma Clinton in Hoppegarten bei Berlin war nicht aufzufinden. Mühsam hätten die Zahlen und Daten zusammengesammelt werden müssen. „Es gab kein Heizöl mehr im Tank und kein Geld für eine neue Lieferung. Es war kalt.“ Schmitt habe sich zunächst um die offensichtlich geschasste Belegschaft gekümmert. „Damit die Menschen wenigstens Insolvenzgeld bekommen.“ Denn Löhne seien ohnehin nicht mehr gezahlt worden. Nur das örtliche Geschäft mit dem bekannten Fabrikverkauf sei noch etwas weiter gelaufen.

„Es gab keine Sanierungsmöglichkeit“

„Ich hatte sehr schnell den Verdacht, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht und es sich um eine Firmenbeerdigung handeln könnte“, sagt der Insolvenzverwalter. Es habe weder ein Sanierungskonzept noch einen Sozialplan gegeben. Und er gibt einen Einblick in die das Unternehmen, das „eigentlich ganz gut gelaufen“ sei. Im Jahr vor der Übernahme habe der Umsatz noch 24 Millionen Euro betragen, im Jahr danach nur noch elf Millionen. „Externe Geschäfte wurden eingestellt, es wurden nur noch interne Dienstleistungen für Clinton geliefert.“ Als Schmitt das Unternehmen retten soll, ist es schon zu spät. „Es gab keine Sanierungsmöglichkeit mehr, die Betriebsschließung war unumgänglich.“

Ominöse Rechnungen werden vor Gericht präsentiert

Allerdings scheint es, als ob der Insolvenzverwalter in den Jahren danach nicht locker gelassen hat. Wie am Dienstag bekannt wird, haben sich inzwischen auch das Kammergericht Berlin sowie das Landgericht Frankfurt/Oder mit der der Philipp-Pleite beschäftigt. Schmitt kennt das Zivilurteil, das noch nicht rechtskräftig ist: „Es geht um Schadenersatz von rund 3,3 Millionen Euro durch die ehemaligen Gesellschafter.“ Dabei handelt es sich offenbar um die gleiche Summe, die das Ende der Firma eingeleitet haben könnte. Denn aus seltsamen Rechnungen geht hervor, dass dieses Geld im November 2014 an Clinton überwiesen worden ist.

Inventar verscherbelt?

Und weitere Rechnungen belegen, dass anderes Philipp-Inventar für 75 000 Euro an eine gewisse Firma SwissVent verkauft worden sein soll – Dr. Joachim S. war dort ebenfalls Geschäftsführer. Insolvenzverwalter Schmitt hingegen hat andere Zahlen:, die auf einen Ausverkauf hindeuten. Das Inventar sei nämlich anschließend für 215 000 Euro weiterverkauft worden. Der Prozess wird voraussichtlich bis Mitte Juni fortgesetzt. (Von Thorsten Becker)

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