Aus dem Gericht

Prozess um Brand an Wilhelmstraße: Zeugin liefert denkwürdigen Auftritt

Showtime im Landgericht: Der Auftritt einer Zeugin im Prozess um den Brand an der Wilhelmstraße in Hanau hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
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Showtime im Landgericht: Der Auftritt einer Zeugin im Prozess um den Brand an der Wilhelmstraße in Hanau hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Gegen 14.30 Uhr beginnt im Landgericht die große Show. Die Bühne ist Saal 215, in dem seit mehr als fünf Stunden der Fall um den Brand an der Wilhelmstraße in Hanau verhandelt wird. Protagonistin der Show ist die Zeugin T.

Hanau – T. ist Bewohnerin im Haus und daher auch eine wichtige Zeugin für den Prozess, in dem der Angeklagte U. der schweren Brandstiftung beschuldigt wird. Auch versuchter Mord kommt für die Kammer in Frage. Ein ernster Fall also. Doch dann kommt T., die den Gerichtssaal geradezu aufmischt.

Üblicherweise stellen hier Richter die Fragen, die die Zeugen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten. T. ist anderer Auffassung. Nicht einen Satz darf die Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel beenden, ohne dass ihr T. ins Wort fällt. T. erzählt von ihren Nachbarn, die ständig Party machen, von den chaotischen Zuständen im Haus und auch sonst von allem, was sie eben so stört.

Zeugin fällt Landgerichtspräsidentin ins Wort

„Ich würde gerne noch eine Frage loswerden, wenn Sie mich lassen“, sagt Wetzel nach nur wenigen Minuten. Noch nimmt sie das Auftreten der Zeugin einigermaßen gelassen. So gelassen eben, wie man nach mehreren Stunden Verhandlung sein kann. Doch T. denkt gar nicht daran, sich in irgendeiner Form die Show stellen zu lassen. Sie erzählt, gestikuliert, wird laut, antwortet pampig, fällt ins Wort. Wetzel, quasi Showmasterin wider Willen, weist die Zeugin in aller Deutlichkeit zurecht.

Die zeigt dann auch Verständnis für Wetzel. „Ihren Job möchte ich nicht haben“, sagt sie schmunzelnd. „Es gibt so Tage, da denke ich mir das auch“, entgegnet die Vorsitzende der 1. Großen Strafkammer. Tage wie diese, so Wetzel, seien „nicht vergnügungssteuerpflichtig“.

Zeugin erzählt ihre Version des Tattages

Es wird sie zumindest trösten, dass auch Richter Dr. Niels Höra und Verteidiger Clemens Brendel kein Glück mit der Zeugin haben, die laut Wetzel eine „Show“ abliefert. Beide können froh sein, wenn sie eine Frage zu Ende formulieren dürfen. Meist unterbricht T. in ihrer resoluten Art schon den ersten Satz und beginnt zu erzählen. Sie erzählt ihre Version des Brandtages und der Geschehnisse im Haus.

Das große Problem ist allerdings, dass sich T. nahtlos in die Riege der Zeugen einreiht, deren Aussagen mehr Verwirrung stiften als Aufklärung schaffen. Jedes Mal, wenn ein Puzzleteil hinzugefügt wird und vermeintlich für Klarheit sorgt, kommt ein anderer Zeuge, der ein Puzzleteil wegnimmt oder gar eines aus einem anderen Puzzle hinzufügt.

Zeugenaussage liefert Widersprüche

Denn die mehr als einstündige Aussage von T. strotzt nur so vor Widersprüchen. Widersprüche gegenüber den Aussagen der anderen Zeugen, Widersprüche gegenüber ihren eigenen Aussagen bei der polizeilichen Vernehmung. T. gibt sich – das muss man ihr lassen – dennoch selbstbewusst und äußerst engagiert. Ganz nebenbei zweifelt sie, die in fast jedem Satz einen Widerspruch liefert, mal eben die Ermittlungsergebnisse der Polizei an. Was in ihrem Haus vorgeht, das weiß sie ja wohl am besten.

Aus den bisherigen Zeugenaussagen ergibt sich ein einziges Wirrwarr aus Hörensagen und fehlender Erinnerungen. Beschuldigungen, Streitigkeiten, Bedrohungen, Alkohol, Drogen sind die Themen. Und irgendwie hat das alles zu dem Brand in der Wilhelmstraße geführt.

Ermittler liefert Details zum Brandgeschehen

Immerhin ein kleines bisschen Klarheit gibt es an diesem dritten Verhandlungstag. Denn auch der Ermittlungsleiter der Polizei sagt aus. Er erklärt detailliert, wie es nach den Erkenntnissen der Ermittler zu dem Brand kam, wie das Brett, das vermeintlich die Tür versperren sollte, an der Wohnungstür angelehnt war.

Und auch zum Angeklagten U., der sich während der denkwürdigen Aussage von T. das Grinsen ebenso wenig verkneifen kann wie alle anderen Anwesenden im Gerichtssaal, werden mehr Details bekannt. Vor der Tat soll der Alkoholkonsum zugenommen haben, es habe immer mehr Streit gegeben, U. kam bei wechselnden Freunden unter. Seine Lebenssituation soll ihn sehr traurig gemacht haben. Legte er deshalb ein Feuer vor der Wohnung seiner Freunde? Das gilt es zu klären.

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