Aus dem Gericht

Prozess um Brand in Wilhelmstraße: Zeugenaussagen schaffen keine Klarheit

Chaotische Verhältnisse herrschen im Haus an der Wilhelmstraße in Hanau, in dem es am 6. Januar gebrannt hat. Die Zeugenaussagen im Prozess sorgen eher für Verwirrung als für Aufklärung. 
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Chaotische Verhältnisse herrschen im Haus an der Wilhelmstraße in Hanau, in dem es am 6. Januar gebrannt hat. Die Zeugenaussagen im Prozess sorgen eher für Verwirrung als für Aufklärung. (Symbolbild)

Es ist Freitag, kurz vor 17 Uhr im Landgericht Hanau. Fünf Stunden dauert der zweite Prozesstag rund um den Brand in der Wilhelmstraße in Hanau. Und eigentlich sollten zu diesem Zeitpunkt viele Fragen beantwortet, viele Unklarheiten beseitigt sein. Doch dem ist nicht so.

Hanau – Das liegt nicht an der überaus geduldigen Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel oder an den anwesenden Sachverständigen. Das liegt auch nicht an Verteidiger Clemens Brendel, der mehrfach detaillierte Nachfragen stellt – für eine davon fängt er sich mahnende Worte von Wetzel ein. Das liegt viel mehr an den vier Zeugen, die in Saal 215 nacheinander aussagen und dabei mehr Fragezeichen hinterlassen, als beantworten.

Hanau: Wohnsituation des Angeklagten und der Betroffenen undurchsichtig

Und das in nahezu allen Bereichen. Zum Beispiel in der Frage um die Wohnsituation des Angeklagten U., der unter Verdacht steht, vor der Wohnung in der Wilhelmstraße ein Feuer gelegt zu haben – wohlwissentlich, dass sich in der Wohnung zwei Menschen befinden. Unter ihnen der 54 Jahre alte N. Er war am 6. Januar, als der Brand gelegt wurde, Mieter in der betroffenen Wohnung. Ebenfalls dort gewohnt hat G., der sich als Zeuge kaum besser macht als sein Mitbewohner.

Und es gab noch einen dritten Mitbewohner: den Angeklagten. Zumindest für einen gewissen Zeitraum kam er, nachdem er bei dem Verein Strassenengel rausgeflogen ist, in der Wilhelmstraße unter. Wann genau, das weiß keiner mehr so richtig. Ungefähr um Weihnachten 2019 herum, kann man den Zeugenaussagen entnehmen. Nicht einmal N., in dessen Wohnung U. unterkam, weiß das genau.

Zahlreicher Mitbewohner und Gäste in der Wohnung in der Wilhelmstraße

Es ist auch gar nicht leicht, einen Überblick zu behalten. Denn in N.s Wohnung, die vom Sozialamt bezahlt wird, kommen regelmäßig die verschiedensten Typen unter. Meist nicht lange, nur für ein, zwei Wochen. Dann gibt es oft Streit. Mit N. oder mit seinem immerhin konstanten Mitbewohner G., der bis zum Brand wohl einer der engsten Freunde von N. ist.

Irgendwann Ende Dezember kommt also auch U. in der Wohnung unter. Es bleibt jedoch bei einem kurzen Aufenthalt, nach etwas mehr als einer Woche – so ungefähr die Aussagen der Zeugen – kommt es zum Streit. Es geht um angeblich gestohlenes Geld und Schmuck von N. Zwei Edelstahl-Ketten taxiert er auf 500 bis 700 Euro, was Wetzel zumindest für fraglich hält.

Streit in Wohnung in Hanau eskaliert

Irgendwann eskaliert der Streit. Und irgendwann, das muss man in diesem Fall wirklich wörtlich nehmen. Denn ob U. am 6. Januar aus der Wohnung geflogen ist, also am Tag des Brandes, oder bereits einige Tage vorher, darauf können sich beide Mitbewohner nicht festlegen.

Whatsapp-Nachrichten und ein aufgenommenes Streit-Video legen nahe, dass U. bereits einige Tage vor dem Brand aus der Wohnung geschmissen wurde. Richterin Wetzel ist da nun wirklich nicht zu beneiden, schließlich sind solche Fakten für die Beurteilung des Falls durchaus wichtig.

Zeugen schaffen keine Klarheit

Ebenso die Frage, wie der Brand genau ablief. Konkret wird dem Angeklagten nämlich vorgeworfen, die Tür mit einem Brett zusätzlich versperrt zu haben. Ein Brett vor der Tür bestätigen auch die Zeugen A. und M., die den Brand damals bemerkt und gelöscht hatten. Ebenso ist auf den Fotos der Polizei ein angebranntes Brett zu sehen.

Das war es dann aber auch schon mit der Klarheit, denn selbst die Demonstration von Zeuge A. an der Tür im Gerichtssaal selbst schafft nicht endgültig Gewissheit, ob das Brett nun die Tür versperrt hat oder an die Tür angelegt war. Erneut eine durchaus wichtige Frage, schließlich wird bei dem Angeklagten neben schwerer Brandstiftung auch versuchter Mord in Betracht gezogen.

Haus an der Wilhelmstraße ist laut Bewohner ein „Chaotenhaus“

Zeuge und Mieter N. konnte auch da kein Licht ins Dunkel bringen. Er schaffte es sogar, die Frage, ob seine Wohnungstür nach innen oder außen öffnet, falsch zu beantworten. Erst die Polizeifotos schafften Klarheit. Wie üblich öffnet die Wohnungstür nach innen.

Dass es in dem Haus an der Wilhelmstraße öfter Ärger gibt, wie bereits die Polizeibeamten am ersten Verhandlungstag schilderten, ist für N. offensichtlich. „Das ist ein Chaotenhaus“, erklärt er, ohne selbst weiter auf seine Rolle in dem Haus einzugehen.

Angeklagter mit Benzin Nahe des Tatorts: Verteidigung liefert neue Erklärung

Eindeutig war an diesem Freitag nur die Einlassung des Angeklagten U., die sein Verteidiger Brendel vorträgt. Eigentlich wollte er sich überhaupt nicht zum Tatvorwurf äußern, jedoch wolle Brendel das Gericht anregen, „kritischer zu hinterfragen.“ Er lieferte eine neue Erklärung dafür, warum U. kurz nach dem Brand am Tatort gefasst wurde und warum er zuvor an einer Tankstelle Benzin gekauft und in eine Plastikflasche abgefüllt hatte. Dies sei nicht etwa dazu bestimmt gewesen, so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, um das mutmaßlich von ihm gelegte Feuer weiter anzufachen.

Vielmehr erklärte Brendel, dass sein Mandant einen in der Nähe geparkten Motorroller stehlen wollte. In diesem steckte zwar der Schlüssel, der Tank war jedoch leer. Über diese Einlassung, versicherte Wetzel, werde zu einem späteren Zeitpunkt gesprochen.

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