Prozess um ehemaligen Hanauer Lehrer Olaf C.

Mitangeklagter Robert S. soll die tödlichen Schüsse auf Daniel M. abgegeben haben  

Erste Aussage in die Waagschale von Justitia geworfen: Der ehemalige Hanauer Lehrer Olaf C. hat vor dem Gießener Landgericht Details zum gewaltsamen Tod von Daniel M. genannt. Der mitangeklagte Robert S. soll die tödlichen Schüsse abgegeben haben.
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Erste Aussage in die Waagschale von Justitia geworfen: Der ehemalige Hanauer Lehrer Olaf C. hat vor dem Gießener Landgericht Details zum gewaltsamen Tod von Daniel M. genannt. Der mitangeklagte Robert S. soll die tödlichen Schüsse abgegeben haben.

Die jungen Leute auf den Zuschauerstühlen des Gerichtssaals kennen den Mann auf der Anklagebank. Er war an einem Hanauer Gymnasium ihr Lehrer. Ein guter und verständnisvoller Pädagoge, wie sie versichern. „Der beliebteste Lehrer in unserer Stufe.“ Dass der 44 Jahre alte Olaf C. an der Tötung eines Menschen beteiligt gewesen sein soll, erschüttert ihr Weltbild. Deshalb sind sie aus Hanau nach Gießen gekommen: „Um Klarheit zu gewinnen.“

„Mord und erpresserischer Menschenraub“ mit Todesfolge: So lautet der Vorwurf der Anklage, die Staatsanwalt Thomas Hauburger am ersten Prozesstag vorgetragen hatte. Gemeinsam mit seinem Bekannten Robert S. soll der Studienrat aus dem Main-Kinzig-Kreis am 17. November 2016 einen Freund aus Jugendtagen entführt und in einer Hofreite nahe Hungen getötet haben. Die Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Olaf C. stellt sich selbst als Opfer dar

Der Lehrer bestreitet die Vorwürfe. Er bezeichnet sich als Opfer, das unschuldig in den Strudel der Ereignisse mit hineingerissen wurde. Seine Sicht der Dinge stand im Mittelpunkt des zweiten Prozesstages, der gestern im externen Sitzungssaal des Gießener Landgerichts am Stolzenmorgen stattfand.

Robert S. habe von Entführung phantasiert, um an das große Geld zu kommen

Olaf C. und der vier Jahre jüngere Robert S. hatten sich während des Physikstudiums näher kennengelernt. „Wir hatten gemeinsame Hobbys“, berichtete der Angeklagte. „Roulette und Swingerclubs.“ Aber Robert S. habe auch Seiten offenbart, die ihm zunehmend unheimlich geworden seien. Eine pathologisch-obsessive Zuneigung zu einer Tanzpartnerin etwa. Oder ein intensives Interesse an Entführungen. Immer wieder habe er Überlegungen angestellt, wie er durch Menschenraub ans große Geld kommen könne.

Olaf C. machte das spätere Opfer mit Robert S. bekannt

Olaf C. sagt, dass er solche Erörterungen zunächst nur für Gedankenspiele gehalten habe. 2013 aber habe er das Gefühl gewonnen, er selbst solle das Opfer einer Entführung werden. Den Kontakt zu S. brach er jedoch nicht ab. Er machte ihn vielmehr mit seinem Jugendfreund Daniel M., dem späteren Opfer, bekannt. „Drei Swingerclub- und Puffbegeisterte“, so umschrieb der Angeklagte dieses Trio, das am 17. November 2017 gemeinsam aufbrach, um nahe Hungen eine Hofreite zu besichtigen.

Robert S., der Eigentümer der Immobilie, habe hier gemeinsam mit Daniel M. einen Swingerclub aufziehen wollen, berichtete der Lehrer. Er selbst sei in diese Geschäftsidee nicht involviert gewesen. Das gehe nicht, habe er den beiden Freunden gesagt. „Ich bin doch Beamter.“

Opfer Daniel M. soll im Auto erschossen worden sein

Olaf C. schilderte, wie die drei Männer gemütlich über Landstraßen Richtung Hungen fuhren, schließlich im Dunklen die Hofreite erreichten und nach Besichtigung der Räume wieder ins Auto eingestiegen seien. Da habe er plötzlich ein Knacken gehört und Daniels schweren Atem. Als er sich zu Robert S., der auf der Rückbank saß, umdrehte, habe er die schwere Pistole mit Schalldämpfer gesehen. Mehrere Schüsse will Olaf C. wahrgenommen haben. „Jetzt sterbe ich als nächstes“, sei ihm durch den Kopf geschossen. Robert S. habe ihn dann gezwungen, ihm beim Verstecken der Leiche in einem Schuppen und der Reinigung des Autos zu helfen. Noch immer sei er überzeugt gewesen, „dass ich sterbe, nachdem ich diese Zwangsbeihilfe geleistet habe.“ Doch Olaf C. lebt. Gemeinsam fuhren er und Robert S. zurück nach Hause. Seine Kleidung mit den Blutflecken und Handschuhe, die er getragen hatte, habe er seinem Bekannten ausgehändigt, ebenso das Handy des Ermordeten und fortan in steter Angst gelebt. Er habe geglaubt, was Robert S. ihm wenige Tage nach der Tat erzählte: Dass alle Spuren rückstandslos beseitigt seien, dass nichts mehr nachzuweisen sei. Nur aus einem Grund habe er weiter Kontakt zu dem „hartnäckigen Psychopathen und Sadisten“ gepflegt, der weiter Entführungspläne schmiedete: um etwas herauszukriegen und ihn irgendwann doch anzeigen zu können.

Olaf C. macht 90-minütige Aussage, Vater des Opfers lehnt direkte Ansprache an

Es sollte mehr als drei Jahre dauern, bis sich der Lehrer im Mai 2020 gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft offenbarte. Das sei gewesen, nachdem Robert S. ihm und seinen Eltern aufgelauert habe. „Da hatte ich einfach richtig Angst.“ Die sei auch in den Monaten danach geblieben. „Erst als ich ins Gefängnis gekommen bin, dachte ich, hier passiert dir nichts mehr.“

Olaf C. redete eineinhalb Stunden lang. Nicht nur seine ehemaligen Schüler hörten ihm aufmerksam zu. Daniel M.s Vater tritt in dem Prozess als Nebenkläger auf. Der Angeklagte wollte sich gleich zu Beginn in einer persönlichen Erklärung an ihn wenden. Aber Herr M. winkte ab. Er mochte vom einstigen Jugendfreund seines Sohnes nichts hören.

Nächster Prozesstag:

Am Freitag, 7. Mai, geht der Prozess weiter. Dann wird Olaf C. von den Prozessbeteiligten befragt.

Von Ursula Sommerlad

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