Aus dem Gericht

Prozessauftakt nach Brand in Wilhelmstraße: Angeklagter mit abenteuerlichem Lebensweg

Dem Angeklagten wird schwere Brandstiftung vorgeworfen – und noch mehr.
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Dem Angeklagten wird schwere Brandstiftung vorgeworfen – und noch mehr.

Nach gut zwei Stunden Verhandlung fällt der Satz, der das bisherige Leben des Angeklagten gut beschreibt. „Das ist ein Abenteuer“, sagt die Vorsitzende Richterin Susanne Wetzel. Er fällt als Reaktion auf die Schilderung von U., wie er über die Niederlande, Thailand und Belgien schließlich in Hanau gelandet ist.

Hanau - Und genau hier im Landgericht sitzt U. jetzt auf der Anklagebank der 1. Großen Strafkammer. U. ist 30 Jahre alt, wirkt gepflegt. Ihm wird schwere Brandstiftung vorgeworfen. Er trägt Sakko und Hemd. Eigentlich passt das nicht ins Bild, das man nach Durchsicht der Anklage gegen ihn haben könnte. U. ist nämlich ohne festen Wohnsitz in Deutschland, kam bis zur Tat am 6. Januar dieses Jahres (siehe Kasten) bei Freunden und beim Verein Strassenengel unter. Doch der Weg dorthin ist in der Tat abenteuerlich.

Angeklagter offenbart einige Erinnerungslücken

U. ist Niederländer, wächst in der Nähe von Utrecht auf. Seine Mutter stammt aus Thailand. Sie stirbt, als er vier ist. U. geht zur Schule, schließt eine Ausbildung als Fotograf und Grafikdesigner ab. So weit, so gut. Abenteuerlich wird es danach. So vor ungefähr zehn Jahren, schätzt U. Er macht es Richtern und Staatsanwaltschaft nicht leicht, seinen Ausführungen zu folgen.

Denn mit Daten hat er es nicht so. Geburtstage, Schulabschlüsse, ja sogar den Todestag seines Vaters kann er nur grob einordnen. Das verwundert, schließlich macht U. einen durchaus intelligenten Eindruck. Er spricht mehrere Sprachen fließend, hat die als sehr anspruchsvoll geltende thailändische Sprache gelernt.

Prozess in Hanau: Mann berichtet von erfolgreichem Leben in Thailand

Doch zurück zum Abenteuer. Nach einer Reise nach Thailand nimmt sein Leben richtig Fahrt auf. Er wird am Flughafen entdeckt. Als Model. U. bleibt in Thailand, modelt laut eigener Aussage für eine bekannte Kaffeemarke. „Wie George Clooney“, fügt Wetzel an. In Thailand läuft es gut für U. Autos, Frauen, Partys. Eine eigene Wohnung in Bangkok. Das süße Leben.

Der Fall

Am 6. Januar 2020 kommt es im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses in der Wilhelmstraße in Hanau zu einem Brand. Dem Angeklagten wird vorgeworfen, nach einer Streitigkeit einen Müllbeutel angezündet und die Tür zur Wohnung eines Freundes mit einem Brett verstellt zu haben. Ein Anwohner löscht das Feuer, die Männer in der Wohnung können sich befreien. U. wird in der Nähe des Tatorts festgenommen. Er soll mit einer mit Benzin gefüllten Flasche zurückgekehrt sein, als Feuerwehr und Polizei bereits vor Ort sind. Der Prozess wird am Freitag, 13. November, fortgesetzt.

Dann erleidet sein Vater einen Herzinfarkt. U. muss die Arztrechnungen selber bezahlen. Rücklagen hat er nicht gebildet, die Wohnung wird verkauft. Sein Vater stirbt in einem Pflegeheim in den Niederlanden. Zur Beerdigung kommt U. nicht. Er bleibt in Thailand.

Abschiebehaft in Thailand: Angeklagter berichtet von unmenschlichen Bedingungen

Dort gründet er ein Unternehmen, dreht Werbespots für „große Firmen“, wie er sagt. Dann geht ein Auftrag schief. U. muss hohen Schadenersatz zahlen, die Firma geht den Bach runter. Ein viel größeres Problem unterschätzt er: Sein Visum in Thailand wird nicht verlängert, ein Antrag auf Staatsbürgerschaft wird abgelehnt. Und hier kippt das Abenteuer. U. landet in Abschiebehaft. „In Thailand in Haft zu sein, ist das Letzte, was man will“, sagt Wetzel.

U. berichtet von unmenschlichen Bedingungen, von Gewalt. Nach sechs Monaten hat er genug Geld, um in die Niederlande zu fliegen. Seitdem, sagt U. selbst, ist er nicht mehr derselbe. Über den Zwischenstopp Belgien landet U. in Hanau. Ein Mithäftling aus Thailand hat ihn hierher gelockt. In Hanau lernt er N. kennen, der in der Wilhelmstraße wohnt. Vor seiner Wohnung soll U. den Brand gelegt haben.

Vorwurf gegen Angeklagten hat es in sich

Statt in Bangkok das Leben zu feiern, sitzt er auf der Anklagebank im Landgericht Hanau. Zum Sakko werden zwangsweise Handschellen kombiniert. Schwere Brandstiftung wird ihm vorgeworfen, doch das ist sogar noch sein kleineres Problem. Denn die Kammer zieht noch einen weiteren Vorwurf in Betracht: versuchten Mord.

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