300 Jahre Neuwirtshaus

Prozession ins Ausflugslokal

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Einst war das verkehrsgünstig gelegene Neuwirtshaus auch ein Hotel.

Großauheim - Die ehemals ortsbekannte und äußerst populäre Gaststätte „Neuwirtshaus“ feierte im zu Ende gehende Jahr ihr 300-jähriges Bestehen. Die Gaststätte liegt außerhalb Großauheims am Rande der Bulau an der Bundesstraße 8. Von Holger Hackendahl 

„Die beiden Neuwirtshäuser waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis Ende der 60-er Jahre wahre Publikumsmagnete. In den Sommermonaten fanden dort an allen Wochenenden regelmäßig wahre Völkerwanderungen aus Großauheim und der näheren Umgebung statt. Oftmals waren bereits zur Mittagszeit in keinem der beiden Gasthäuser freie Sitzplätze zu bekommen“, erinnert sich Reiner Kargl vom Heimat- und Geschichtsverein 1929 Großauheim. Der Großauheimer verbrachte von 1949 bis 1956 im „Alten Neuwirtshaus“, betrieben von seinem Großvater Karl Kronenberger, seine frühe Kindheit. Er ist quasi „Neuwirtshaus-Spezialist“.

Kargl: „Dort, wo die Birkenhainer Straße - die heutige Bundesstraße 8 - kreuzt, gründete 1693 der Bernbacher Mathes Botzum das Neuwirtshaus. Sein Anwesen lag noch im Kurmainzischen und damit knapp vor der steuerlich teureren Landgrafschaft Hanau.“ Als Pacht legte die Gemeinde Großauheim die Summe von dreieinhalb Gulden fest, die der Wirt jährlich dem Pfarrer für die Abhaltung des Hageltages (26. Juni) und des Rochustages (16. August) sowie dem Lehrer für die Betstunden in der Fastenzeit zugesagt hatte.

„Die Jahreszahl 1693 vermittelt zunächst den Eindruck, dass der Heimatverein das 300-jährige Jubiläum des Neuwirtshauses um fast 20 Jahre verschlafen habe“, erläuterte Kargl. „Doch es gibt dort zwei Wirtshäuser. Und hierin liegt schließlich auch der Schlüssel für das diesjährige Jubiläum am Neuwirtshaus“, erläutert Kargl. Denn um 1713 errichtete Johann, der Sohn von Mathes Botzum, westlich vom ersten ein zweites Wirtshaus, das jetzige, älter wirkende Neuwirtshaus - während sich das so genannte „neue Neuwirtshaus“ seit Ende der 1920er Jahre im Besitz der Kargl’schen Großeltern Karl und Frieda Kronenberger befand.

Zahlreiche Anekdoten

Um das Neuwirtshaus ranken sich zahlreiche Anekdoten, berichtet Kargl. Etwa die von 1751, als sich der damalige Wirt Jörg Huth nach dem Schankmaß der Grafschaft Hanau richten sollte. Da der Wirt schon immer das steuerbegünstigtere Steinheimer Maß (0,3 Liter) benutzte, beschwerte er sich beim Großauheimer Schultheiß. Die strittige Angelegenheit ging schließlich bis nach Kurmainz, das sich mit der Grafschaft Hanau zunächst verständigte. Ein Jahr später hatte der Vorgang eine peinlich genaue Grenzbegehung zur Folge, die sich über drei Tage hinzog. Durch einen Disput bei den Grenzsteinen 24 und 25 verharrten beide Parteien für längere Zeit am Neuwirtshaus. Lachender Dritter während dieser Auseinandersetzung war der Wirt, der für die Verköstigung der „Grenzgänger“ von der Gemeinde immerhin 12 Gulden und 39 Kreuzer erhielt.

„Stellt man das Ganze in Relation zu den dreieinhalb Gulden, die der Wirt als Pacht pro Jahr bezahlen musste, so hat er hier wohl das Geschäft seines Lebens gemacht“, schmunzelt Kargl.

Historische Museumseisenbahn Hanau

Dampflok zum Jubiläum

„Von 1806 bis 1813 wurde das Neuwirtshaus von französischer Seite beansprucht. Napoleon hatte es seiner Schwester Pauline geschenkt. Die Pacht musste damals an die französische Domänenverwaltung gezahlt werden“, hat Kargl recherchiert.

Ein weiteres bedeutendes Ereignis waren die alljährlich stattfindenden Rochusprozessionen, die bis weit in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von Großauheim aus bis zum Neuwirtshaus führten. Dort stärkten sich die Gläubigen und zogen dann mit der Prozession zurück. Im Laufe der Zeit aber blieben immer mehr Teilnehmer im Neuwirtshaus sitzen und gaben sich dem Alkohol hin. Der Pfarrer stand dann mit den Messdienern, den Fahnenträgern und einigen frommen Frauen und den Kindern allein zur Rückprozession da. Die Folge: Die Prozession fand künftig nur noch im Ort statt.

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