Alle Wege führen nach Hanau

Reiches Erbe von Flüchtlingen in Hanau: Unterwegs auf dem Hugenotten- und Waldenserpfad

Wie auf dem Reißbrett geplant: Die Hanauer Neustadt mit ihren rechtwinkeligen Straßenzügen und Plätzen. Unten die Wallonisch-Niederländische Kirche, deren Umfeld zur Zeit aufwendig neu gestaltet wird.
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Wie auf dem Reißbrett geplant: Die Hanauer Neustadt mit ihren rechtwinkeligen Straßenzügen und Plätzen. Unten die Wallonisch-Niederländische Kirche, deren Umfeld zur Zeit aufwendig neu gestaltet wird.

Hanau – Als Etappenort des Hugenotten- und Waldenserpfades ist Hanau Teil eines europäischen Projekts, das Tourismus und Geschichtsbewusstsein gleichermaßen befördert. Der Hugenotten- und Waldenserpfad zählt zu den Europäischen Kulturfernwanderwegen.

Er verbindet Frankreich, Italien, Schweiz und Deutschland und zeichnet dabei auf einer Strecke von rund 2000 Kilometern die Exilwege von protestantischen Glaubensflüchtlingen nach, die – beginnend vor mehr als 400 Jahren – aus ihrer katholisch geprägten Heimat in Frankreich und Italien vertrieben wurden und nördlich der Alpen nicht nur ein neues Zuhause fanden, sondern dort auch in vielen Städten und Gemeinden ganz wesentlich für einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung sorgten.

Glaubensflüchtlinge dürfen sich Ende des 16. Jahrhunderts in Hanau niederlassen

Dafür ist Hanau selbst eines der besten Beispiele. Vor allem Dank der weitsichtigen Entscheidung des Grafen Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg, der es in einem „Capitulation“ genannten Vertrag vom 1. Juni 1597 Glaubensflüchtlingen gestattete, sich bei Hanau niederzulassen, erlebte die bis dato unbedeutende Stadt zwischen Main und Kinzig in den folgenden Jahrzehnten eine ungeahnte Blüte. In der „Capitulation“ wurde den zunächst vor allem aus der Region um Metz stammenden Glaubensflüchtlingen das Recht auf freie Religionsausübung zugesichert.

Adeliger mit Weitblick: Eine Büste vor der Wallonisch-Niederländischen Kirche erinnert an Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg.

Im Gegenzug verpflichteten sich die „Réfugiés“, wie die Neuankömmlinge in dem Vertrag bezeichnet werden, in Hanau wirtschaftlich tätig zu sein. Schon bald entfalteten die Neubürger, die sich südlich der heutigen Hanauer Altstadt niederlassen durften, eine rege Bautätigkeit.

Hanau: Stadt wurde am Reißbrett geplant

Es entstand die Hanauer Neustadt als Planstadt im Stil der Renaissance – eine Stadt, die nicht über die Jahrhunderte organisch gewachsen ist, sondern von Anfang an wie auf einem Reißbrett geplant und gebaut wurde. Damals war diese Art von Städtebau ein absolutes Novum und sollte Vorbild werden für ähnliche Stadtplanungen beispielsweise in Neu-Isenburg und Mannheim.

In der Neustadt entfaltete sich bald auch eine ungeheure wirtschaftliche Tätigkeit – vor allem nach dem Zuzug von weiteren calvinistischen Glaubensflüchtlingen aus den damals von Spanien besetzten Niederlanden und dem Gebiet des heutigen Belgiens. Auch sie lockte ebenso wie die Waldenser, die ursprünglich aus dem Piemont im Norden Italiens kamen, die Garantie auf freie Religionsausübung nach Hanau.

Das Wanderlogo des Hugenotten- und Waldenserpfads.

Schmuck, Kunsthandwerk und Porzellan aus Hanau – um nur einige der damaligen „Exportschlager“ zu nennen – fanden bald Abnehmer in ganz Europa. Die 1611 in Hanau gegründete Fayencenmanufaktur war die erste auf deutschen Boden und belieferte mit ihren Produkten die damalige „Highsociety“ auf dem ganzen Kontinent und darüber hinaus. Das einst verschlafene Städtchen Hanau war Dank der Flüchtlinge zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort mit rasch wachsender Bevölkerungszahl geworden.

Denkmal erinnert an Gründer der Hanauer Neustadt

Ein Denkmal vor der Wallonisch-Niederländischen Kirche erinnert noch heute an den Hanauer Neustadtgründer Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg. In der früheren Doppelkirche, deren großer Innenraum der Wallonischen und deren kleinerer Teil der Niederländischen Gemeinde diente, fand 1608 der erste Gottesdienst statt.

Die Kirche wurde 1945 völlig zerstört; lediglich der niederländische Teil des Gotteshauses wurde wieder aufgebaut und 1960 eingeweiht. Seither gilt die Kirche gleichermaßen als Mahnmal gegen den Krieg, aber eben auch als beeindruckendes Zeugnis jener Zeit, als Toleranz und Gastfreundschaft gegenüber Fremden und Andersgläubigen zu einem Gewinn für alle wurden.

Auch in Offenbach haben Hugenotten ihre Spuren hinterlassen

Der Hugenotten- und Waldenserpfad ist als Fernwanderweg konzipiert, von dessen Hauptweg in Deutschland mehrere Regionalschleifen abgehen. Die Regionalschleife Rhein-Main umfasst neben Hanau unter anderem die Städte Offenbach, Neu-Isenburg, Frankfurt, Bad Homburg und Wächtersbach. Alle diese Orte bergen Zeugnisse vom reichen historischen Kulturerbe der damaligen Glaubensflüchtlinge.

In Offenbach ist beispielsweise ähnlich wie in Hanau mit der Ansiedlung von Hugenotten neben der Alt- eine Neustadt entstanden. Noch heute ist die schlichte 1718 geweihte Französisch-Reformierte Kirche in der Offenbacher Herrnstraße ein sichtbares Erbe der Hugenotten inmitten moderner Stadtbauten.

Kulturelles Erbe inmitten moderner Stadtbauten: Die Französisch-Reformierte Kirche im Herzen Offenbachs wurde im Jahr 1718 geweiht.

Neu-Isenburg war sogar eine eigenständige Stadtgründung von Glaubensflüchtlingen um das Jahr 1699. Die neue Siedlung wurde zunächst Philippsdorf oder Welsch-Neudorf genannt, erst später wurde der Name Neu-Isenburg gebräuchlich. Aber ähnlich wie in der Hanauer Neustadt ist auch die Anlage von Neu-Isenburg geometrisch planmäßig. Noch heute kann man das in der Straßenführung des historischen Ortskerns erkennen.

Hugenotten- und Waldenserpfad: Endpunkt im Landkreis Kassel

Über das Rhein-Main-Gebiet hinaus führt der Hugenotten- und Waldenserpfad bis zu seinem Endpunkt in Bad Karlshafen im Landkreis Kassel. Diese Stadt wurde 1699 ebenfalls von Glaubensflüchtlingen gegründet. Dort befindet sich mitten im barocken Stadtkern auch das Deutsche Hugenotten-Museum. Im Gebäude einer ehemaligen Zigarrenfabrik wird auf drei Stockwerken die Geschichte der Glaubensflüchtlinge nachgezeichnet. Das Museum ist auch Sitz der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft.

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