Reinen Wein einschenken reicht heute nicht mehr

+
Bembel und Apfelwein gehören unzertrennlich zusammen.

Hanau - Quo vadis Stöffche? Wegweiser in Richtung Zukunft des Traditionsgetränkes wurden am Donnerstagabend beim 3. Deutschen Apfelweinkongress im Hanauer Congress Park im Rahmen zahlreicher Fachvorträge formuliert und vorgestellt. Von Dieter Kögel

Fazit: Das Image der hessischen Muttermilch von den Streuobstwiesen muss weg vom groben Wirtshaustisch aus Holz, an dem alte Männer dem Bembel huldigen. Neue Kundenkreise gelte es zu erschließen, und neben den zeitgemäßen Vermarktungskriterien wie natürlich, ehrlich, nachhaltig, gesund und absolut umweltfreundlich soll sich auch die Erscheinungsform des Äpplers grundlegend ändern. „Apfelwein in Bewegung“ eben, wie auch das Motto des Kongresses lautete, zu dem über 80 Kelterer, Gastronomen und Getränkefachhändler nach Hanau gekommen waren.

Neue Mischgetränke sollen den Absatz steigern.

Veranstaltet wurde der Apfelweinkongress vom Verband der Hessischen Apfelwein- und Fruchtsaft-Keltereien. Dem Verein gehören 53 Keltereien mit schätzungsweise 400 Beschäftigen an. Einige Kelterer haben die Zeichen der Zeit bereits erkannt, gehandelt und ihren Beitrag dazu geleistet, dass die um das Jahr 2002 wieder mit Mühe erreichten 40 Millionen in Hessen produzierten und umgesetzten Liter Apfelwein stabil geblieben sind. Ja, Apfelweinprodukte sind langsam im Trend mit Absatztendenz nach oben, weiß Stefan Ball, Verbandsgeschäftsführer der hessischen Kelterer. Sogar in der Spitzengastronomie sind die Produkte von den Streuobstwiesen mittlerweile angekommen - als Schaumweine oder sortenreine speziell gekelterte und gereifte Apfelweinen, die auch nicht mehr aus dem Gerippten genossen werden. Des Bouquets wegen wird da vor dem prüfenden Schluck erst einmal mit der Nase über den langsam kreisenden Edelschoppen im stilvollen Weinglas fachmännisch genossen. Dass diese Apfelprodukte sich auch vom Preisvorteil des Apfelweins gegenüber seinen Konkurrenten im Getränkereich sehr weit entfernt haben, versteht sich von selbst. Für die Masse, die den großen Umsatz bringen soll, gibt es bereits „trendige“ Kreationen findiger Keltereien. Apfelwein mit Grapefruit in modernem Flaschendesign und mit zeitgemäßem Etikett, Apfelwein-Cola-Gemisch und andere Mixgetränke, die den Apfelweinpuristen - Zukunft hin, Zukunft her - die Haare zu Berge stehen lassen.

Jetzt gibt‘s Äppler auch in Dosen

Letzter Schrei der Firma „Bembel with care“: Äppler in Dosen. Ob pur, gespritzt oder mit Cola versetzt. Geschäftsführer Kjetil Dahlhaus verhandelt sogar bereits mit Vermarktern in den USA, um den hessischen Segen über das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu bringen, und lächelt zusammen mit dem Kelterer-Urgestein Wolfgang Knell aus dem Odenwald in die Kamera. Knell allerdings hält am Bembel fest und schweigt höflich zur Apfelweinzukunft, die bereits begonnen hat.

Lesen Sie dazu auch:

Sauer,süß - süß-sauer

Jetzt zählt jeder Tag

Apfelwein - ein glücklicher Zufall

Gen-Pool auf Streuobstwiesen

Der ureigene Charakter des Getränkes, der von Ministerin Silke Lautenschläger ebenso gepriesen wurde wie von Gastgeber und Oberbürgermeister Claus Kaminsky, er ist bei manchen Angebotssegmenten im Wanken. Das weiß auch der noch bis zu diesem Wochenende amtierende Steinheimer Bundesapfelweinkönig „Dieter I,“ der zwischen Bier mit Grapefruit und Apfelwein mit Grapefruit „keinen Unterschied“ feststellen kann, „weil das Zeug nur süß schmeckt“. Dafür aber gerät der Stöffche-Regent, der heute Abend beim Steinheimer Apfelweinfest sein Zepter an den Nachfolger übergibt, ins Schwärmen angesichts seiner königlichen „Dienstreisen“ in Kleinkeltereien im Vorspessart und in die Rhön. Da kommt dann ein Strahlen in die Augen seiner Majestät, das den Liebhaber des unverfälschten Schoppens offenbart.

Ein „Wellnessprodukt“ eben, das die Zukunftsforscherin Ingrid Schick „auf der Erfolgsstraße“ sieht, wenn es „richtig inszeniert wird.“

Die zweite Verbandsvorsitzenden Johanna Höhl sieht das Lifestyle-Getränk „Bionade“ als Vorbild. Der alkoholfreie Wellness-Drink ist so beliebt, dass er sich extrem gut - und lukrativ - verkaufen lässt. Höhl: „Bionade ist für uns das Paradebeispiel.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare