Ausstellung „From Lost Things“ erinnert an jüdische Familie Schwab

Ein Schicksal, das für Millionen steht

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Prof. Dr. Shirli Gilbert (links) hat Briefe und Dokumente von Rudolf Schwab ausgewertet und das Schicksal der Hanauer jüdischen Familie nachgezeichnet.

Hanau - Die Eröffnung der Ausstellung „From Things Lost“, in der vor allem der Leidens- und Lebensweg der Hanauer jüdischen Familie Schwab dokumentiert wird, nutzte Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) gestern zu einem Appell an Politik und Gesellschaft, sich rechtextremistischen Tendenzen entschlossen entgegenzustellen. Von Dirk Iding 

Dabei gelte es auch, Wähler der AfD zurück in die politische Mitte zu holen. Die Tafelausstellung „From Things Lost - vergessene Briefe“ – vom Jüdischen Museum Kapstadt konzipiert und noch bis zum 25. Januar im ersten Stock des Neustädter Rathauses zu sehen – erinnert in beklemmender Weise an das Schicksal der jüdischen Familie Schwab, deren Hanauer Wurzeln sich bis in die Zeit der Gründung der jüdischen Gemeinde Hanau um 1605 zurückverfolgen lassen. Die Familie Schwab war über Jahrhunderte ein integraler Bestandteil der Hanauer Bürgergesellschaft. „Unfassbar, dass durch das NS-Regime und seine willfährigen Vollstrecker solch eine Traditionslinie ausgelöscht wurde“, stellte OB Kaminsky fest.

Das Schicksal der Familie Schwab steht für das Schicksal von Millionen Juden, die von Nazis zunächst angefeindet und ausgegrenzt, dann attackiert, wie Rudolf Schwab vertrieben und schließlich ermordet wurden. Rudolf Schwab wanderte 1936 nach Südafrika aus. Sein Vater Max starb 1942 im KZ Sachsenhausen.

Während der Pogromnacht am 9. November 1938 wurden auch Mitglieder der Familie Schwab, die in der Französischen Allee wohnte, brutal angegriffen und geschlagen. Rudolf Schwabs Mutter, so berichten Augenzeugen, wurde sogar vergewaltigt. „Mit den November-Pogromen von 1938 war das Tor zu Auschwitz aufgestoßen“, meint OB Kaminsky.

Eine, die diese grauenhafte Entwicklung früh hat kommen sehen und – leider unerhört – davor warnte, war die Hanauer Lehrerin Elisabeth Schmitz, die in der Ausstellung ebenfalls gewürdigt wird. Schmitz, die von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zur „Gerechten unten den Völkern“ erklärt wurde, hatte bereits 1935/36 in ihrer Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ prophezeit: „Sollten Gesetze, wie sie heute sind, längere Zeit bestehen bleiben, so würde dies das glatte Todesurteil bedeuten für Hunderttausende von Menschen, vielleicht für Millionen.“ Nach den November-Pogromen quittierte Schmitz ihren Schuldienst, weil sie „nicht länger Beamtin einer Regierung“ sein wollte, „die Synagogen anstecken lässt“.

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Im Wissen um die historischen Ereignisse, so Rathauschef Kaminsky, müsse man auch zu heutigen Begebenheiten Stellung beziehen. Auch in Deutschland seien rassistische Äußerungen, Übergriffe, verbale und tätliche Angriffe wieder an der Tagesordnung. Die Aussage von AfD-Parteichef Alexander Gauland, die zwölf Jahre NS-Zeit seien ein „Vogelschiss der Geschichte“ sei eine „unglaubliche Bagatellisierung des industriell organisierten Massenmords“ und Höckes Bezeichnung des Denkmals für die ermordeten europäischen Juden als „Denkmal der Schande“ unsäglich, so Kaminsky. Es sei vornehmste Pflicht aller Demokraten, Wählerinnen und Wähler dieser Partei „zurück in die politische Mitte zu holen“.

Für den 1. Mai 2019 hat die rechtsextreme NPD in Hanau erneut eine Kundgebung angekündigt. Mit Blick darauf will Oberbürgermeister Kaminsky ein breites gesellschaftliches Bündnis schmieden: „Wir zeigen denen, die dem Hass der Nazis ausgesetzt sind, dass wir sie nicht alleine lassen“.

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