Im Schmuck des eigenen Gedankens

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Alte Schmuckstücke neu arrangiert hat die Hanauer Stadtgoldschmiedin 2008, von der Arbeiten jetzt in einer Ausstellung im Goldschmiedehaus zu sehen sind.

Hanau ‐ Jenseits des Verzehralters sind sie, die Orangen und Zitronen, die von der Stadtgoldschmiedin Hilde De Decker anlässlich ihrer Ausstellung „On The Move“ in einer Vitrine des Goldschmiedehauses auf im Schachbrettmuster angeordneten schwarz-weiß Fliesen arrangiert worden sind. Von Dieter Kögel       

In sanftes Licht getaucht und rundliche Schatten werfend, kommt die Patina der Schalenstruktur zur Geltung. Der Glanz ist längst verloren, die Vergänglichkeit hat Besitz ergriffen von den Zitrusfrüchten und den Zierkürbissen, die das Gesamtbild ergänzen. Ein Stillleben in hauchzarten Farbtönen. Vor dem inneren Auge entstehen Gemälde, wachsen Säulen verlassener venezianischer Paläste und Herrschaftshäuser über die Vitrine hinaus. Die innere Reise, zu der Hilde De Deckers Installationen und Kompositionen einladen, hat begonnen.

Alte Schmuckstücke neu arrangiert hat die Hanauer Stadtgoldschmiedin 2008, von der Arbeiten jetzt in einer Ausstellung im Goldschmiedehaus zu sehen sind.

Und genau das ist die Absicht der aus Belgien stammenden Künstlerin, die seit 2008 die Abteilung Schmuck-Design an der Sint Lucas Akademie in Antwerpen leitet. Im Jahr 2008 erhielt sie den Titel der „Hanauer Stadtgoldschmiedin“, arbeitete mit Studenten der Staatlichen Zeichenakademie und setzte sich im vergangenen Jahr über sechs Wochen intensiv mit der Stadt Hanau auseinander. Ein Aufenthalt, der sie zu den jetzt in der Ausstellung zu sehenden Arbeiten inspirierte. Schmuck im klassischen Sinne ist es nicht, was Hilde De Decker dem Betrachter anbietet. Es sind in ganz verschiedenen Ausdruckformen Gestalt gewordene Gedanken. Gedankenfetzen eigentlich, die vom Betrachter aufgenommen und weitergesponnen werden sollen. „Eigentlich ist es auch das Anliegen der Künstlerin, den Besucher zunächst einmal ohne Information auf Entdeckungsreise zu schicken,“ sagte denn auch die Leiterin des Goldschmiedehauses, Dr. Cristianne Weber-Stöber bei ihrer Begrüßung am Donnerstagabend. Und für den Hanauer Kulturbeauftragten Klaus Remer geht es bei der Ausstellung der Stadtgoldschmiedin weniger um die Schmuckgestaltung, als vielmehr um die Schmuckbetrachtung. „Nicht die Erarbeitung einzelner Schmuckstücke“ habe im Vordergrund gestanden, sondern „ihre Geschichten, was ihre Entstehung und Funktion betrifft.“

Geschichten, bei denen der Betrachter aus sich selbst schöpfen muss. Bei den in rötliches Wachspapier verpackten, dekorativ gestapelten Objekten beispielsweise: Ein geheimnisvoller Inhalt, der verborgen bleibt, aber nahezu quälende Neugier weckt und zur neuerlichen Reise der Fantasie lädt. Wie auch die Spiegel, in denen sich der Betrachter selbst sieht, meistens, aber nicht immer. Denn Hilde De Decker nimmt einigen Spiegeln das reflektierende Glas, überlässt den Betrachter der Form des leeren Rahmens, fordert zur Selbstreflexion. Auch bei der gleichzeitig eröffneten Ausstellung „Stroh zu Gold“ mit Arbeiten von Schülern der Hanauer Zeichenakademie geht es in erster Linie um die hinter den Arbeiten stehenden Ideen, die während des Studiums zunächst einmal nicht von Zwängen des Marktes bestimmt werden, wie die Leiterin der Akademie, Gabriele Jahns-Duttenhöfer, unterstrich. Ähnlich dem Aufbruch der Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die gegen die „Wertehierarchie bildnerischer Materialien revoltierte und alles andere, nur nicht akademisch sein wollte,“ experimentieren die Schüler der Akademie mit Formen, Farben, Materialien.

Die Arbeiten der Absolventen sind noch bis zum 25. August zu sehen; Hilde De Deckers Präsentation lädt bis zum 6. Juni zur Betrachtung ein.

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