Neues Buch vorgestellt

Schwarzes Schaf mit literarischen Qualitäten: Das war Ferdinand Grimm

Hans Sarkowicz, Gudrun Rathke und Dr. Heiner Boehncke stellten in der Stadtbibliothek den fremden Ferdinand Grimm vor.
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Hans Sarkowicz, Gudrun Rathke und Dr. Heiner Boehncke stellten in der Stadtbibliothek den fremden Ferdinand Grimm vor.

Für das Literaten-Duo Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz scheint es nichts Schöneres und Erquicklicheres zu geben, als in staubigen Archiven zu graben und immer wieder Erstaunliches zutage zu fördern.

Mit größter Akribie haben sie so manches an die Öffentlichkeit gebracht, das insbesondere die Grimm-Forschung in helle Aufregung versetzte. Auch jetzt wieder: Das Bild, das wir von den Märchen-Brüdern Grimm haben, wird bereichert um die Facette des „faulen“ Bruders, dem dieses Attribut – von den berühmten Brüdern angeheftet – aber wohl nicht ganz zurecht bis heute verfolgt.

„Der fremde Ferdinand“ ist zwar, wie es auch aus dem massenhaften Briefwechsel der „Chef-Brüder“ Jacob und Wilhelm Grimm hervorgeht, das schwarze Schaf der Familie, der Sonderling. Doch dies – glaubt man Boehncke & Sarkowicz – aus einem anderen Grund und nicht wegen seiner angeblichen Faulheit: Ferdinand Grimm war schwul. Und das ging in einer schon zu Lebzeiten sehr angesehenen Familie des frühen 19. Jahrhunderts, regelrechten öffentlichen Personen, gar nicht, um es salopp auszudrücken.

Bei der Präsentation ihres neuesten Werks „Der fremde Ferdinand“ im Hanauer Kulturforum, die selbstverständlich von der Einhaltung der Corona-Hygieneregeln geprägt war, ließen die beiden Literaturforscher die Bombe denn auch fürs Hanauer Publikum platzen. Ferdinand Philipp Grimm, am 18. Dezember 1788 in Hanau geboren und am 6. Januar 1845 sehr einsam und völlig verarmt mit nur 57 Jahren in Wolfenbüttel gestorben, hatte nach Lesart von Boehncke & Sarkowicz sein Coming Out am Weihnachtstag 1810. Auch das Literaten-Duo arbeitete im Berliner Staatsarchiv am Nachlass Grimm, wo vor rund 40 Jahren bereits ein anderer geforscht hatte; aber das ist eine andere Geschichte.

Ferdinand sei „ein leidenschaftlicher Büchermensch“ gewesen; einer, der zeitlebens seinen weltberühmt gewordenen Brüdern Jacob und Wilhelm zugearbeitet und selbst drei Anthologien veröffentlicht habe: allerdings alle drei unter unterschiedlichem Pseudonym, ließen Boehncke & Sarkowicz wissen, die zunächst die Handschrift eines niederdeutschen Märchens aufstöberten, verfasst von Ferdinand. Dieses Märchen, in Schönschrift geschrieben, weil es wohl gerade zum Druck gehen sollte, rezitierte im Kulturforum die exzellente Frankfurter Erzählerin Gudrun Rathke. Völlig frei aus dem Gedächtnis, ließ sie die auch von Jacob und Wilhelm her bekannte Mär vom „Gevatter Tod“ aufleben.

1837 ging Ferdinand von Berlin, wo er jahrelang gearbeitet hatte, nach Wolfenbüttel, wohl damals wegen der besten Bibliothek, die es in Deutschland gab. Und dort blieb er auch bis zu seinem Tod, abgesehen von einigen Reisen nach Kassel und Göttingen, wo die Familie um Jacob, Wilhelm, Ludwig Emil und Lotte Grimm zeitweise lebte.

Der „Gevatter Tod“ siegt in der Märchenfassung von Jacob und Wilhelm Grimm. Der arme Mann im Märchen stirbt am Ende. Bei Ferdinand wird der Tod aber ausgetrickst, durch ein Rollenbett, und die Geschichte geht gut aus. „Der Tod fällt auf ein Rollenbett herein. Das ist doch eine witzige und lebensfrohe Wendung“, schildert Boehncke die Unterschiede in der Abfassung des selben Märchens.

„Es gibt bei Ferdinand eine gewisse Gerechtigkeitsfantasie, die sich wie ein hellroter Faden durch alle Sammlungen zieht“, ergänzt der Grimm-Forscher. Der von Zeitgenossen offenbar völlig verkannte und heute schier vergessene „faule“ Bruder war laut Boehncke/Sarkowicz im Gegenteil ein leidenschaftlicher Büchermensch, ein Sammler von Märchen und Sagen, die er im Gegensatz zu Jacob und Wilhelm (die sich die Märchen zutragen ließen und die Erzähler und Erzählerinnen bei sich zu Hause empfingen) auf verschiedenen Reisen und in Gesprächen aufnahm und niederschrieb.

„Er griff nicht nur seinen Brüdern unter die Arme und lieferte ihnen Märchen und Sagen, die ihm bei seinen ausgedehnten Wanderungen durch Deutschland erzählt wurden“, heißt es im Klappentext der Erstausgabe des Buchs „Der fremde Ferdinand“, erschienen im August 2020 und nach Aussage Boehnckes bereits vergriffen.

„Er veröffentlichte auch drei eigene umfangreiche Anthologien unter verschiedenen Pseudonymen und arbeitete zudem an einer Ausgabe von Heinrich von Kleists nachgelassenen Schriften mit“, heißt es dort weiter. Ferdinand fehlte aber „nicht nur der unbändige Lern- und Arbeitseifer seiner berühmten Brüder, ihm fehlte immer auch das Geld. Jacob und Wilhelm unterstützten ihn in einer Art repressiver Fürsorge“, sagt das Literaten-Duo. Der vergessene Bruder: Doch weshalb scheinbar auch von seinen eigenen Geschwistern negiert, unhonoriert, vergessen? Boehncke & Sarkowicz kommen zurück auf jenes Weihnachtsfest des Jahres 1810, über dessen Verlauf sich die Brüder Grimm in Briefen äußerten.

Der fremde Ferdinand heißt das neue Buch von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz.

Darin sei vom „fremden Bruder“ die Rede, von „die Armee wird’s schon richten“. Das Leben der Familie hätte „eine unnatürliche Wendung genommen“, es sei „etwas geschehen, worüber wir nicht sprechen wollen“, und es betreffe „das unnatürliche Leben des Ferdinand“. Während nun die Grimm-Forschung lange gerätselt habe, was denn konkret passiert sei, decken Boehncke/Sarkowicz auf: Ferdinand habe sich am Heiligabend im Kreise der Familie geoutet und bekannt, dass er homosexuell veranlagt sei: in jener Zeit ein Unding, das man gar nicht hätte aussprechen geschweige denn in Briefen mitteilen können.

So wird ein Blick ins Buch „Der fremde Ferdinand“ nicht nur zur Offenbarung einer ganzen neuen Märchenwelt, weitgehend in Vergessenheit geraten. Sondern ebenfalls zu einem Sitten- und Weltbild des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts, welches das Bild der Brüder Grimm um eine reiche Facette ergänzt.

Ferdinand Grimm jedenfalls beschrieb seine Gefühle in wunderbaren Worten: „Fern sind mir die Menschen. Ich bin allein. Meine Welt ist mein einsamer Garten, die Bücher sind meine Freunde, mit welchen ich mich unterhalte; ohne diese Bücher, ohne Bäume und Blumen lebte ich längst nicht mehr.“

Von Rainer Habermann

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