Anderer Blick auf die Welt

+
Martina Tornow (links) und Tanja Salamon sind Mütter von autistischen Kindern und Initiatorinnen einer Selbsthilfegruppe. 

Hanau/Main-Kinzig-Kreis - Tanja Salamon aus Bad Orb und Martina Tornow aus Rodenbach sind beide Mütter autistischer Kinder. Kennengelernt haben sie sich bei einem Elterntraining in Frankfurt. Von Dieter Kögel

Denn im gesamten Main-Kinzig-Kreis gibt es keine einzige Anlaufstelle, die in Sachen Diagnostik, Beratung oder Therapie betroffenen Kindern und vor allem deren Eltern Hilfestellung geben kann. Da müsse der Kreis langsam „hellhöriger werden“, eine hauptamtliche „Autismusbeauftragte“ sei längst fällig, meint Tornow. Zumal die Anzahl der autistischen Menschen bundesweit die Zahl der Blinden und Gehörlosen weit übersteige.

Und Therapieplätze im größten Kreis Hessens sollten ebenfalls endlich geschaffen werden. Beides, da machen sich die Mütter keine Illusionen, ist nicht von heute auf morgen zu erreichen. Dafür aber ließ sich der Kontakt betroffener Eltern in einer Selbsthilfegruppe quasi über Nacht organisieren. Im Mai vergangenen Jahres gründeten Salamon und Tornow eine solche Gruppe. Bereits zum ersten Treffen kamen rund 50 Betroffene.

Schon 100 Familien Teil des Netzwerks

Mittlerweile sind dem Netzwerk zum informativen Austausch rund 100 Familien angeschlossen. Informationsveranstaltungen mit Fachleuten und ein regelmäßiger Elternstammtisch gehören zum Angebot der Selbsthilfegruppe ebenso wie gemeinsame Unternehmungen von Eltern und Kindern.

Insbesondere für die Eltern sei es eine große Erleichterung zu spüren, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen sind, sagt Tanja Salamon. Wo bekomme ich Rat, wo Hilfe, wo finde ich Therapieplätze? Fragen, auf die sich die beiden Mütter mühsam und mit vielen zum Teil langen Wegen selbst die Antwort suchen mussten. Denn wo keine professionelle Sensibilität für Autismus vorhanden ist, stecken die Eltern häufig in Beratungssituationen fest, in denen das Verhalten der Eltern für die Symptome der Kinder die Hauptrolle spielt. Denn autistische Kinder nehme man „in der Regel als ungezogene Kinder wahr.“

Für die Gäste in der Selbsthilfegruppe erübrigt sich durch den Erfahrungsaustausch der lange Weg zu den Antworten, auch wenn diese nicht im Kreis, sondern in Frankfurt zu finden sind.

Wohnortnahe Versorgung ist elementar

Autisten, ob mit frühkindlichem Autismus oder dem erst im Alter von ungefähr drei Jahren auftretenden Asperger-Syndrom, sind anders, weil sie die Welt anders aufnehmen, betonten Salamon und Tornow dieser Tage bei einer Infoveranstaltung vor rund 50 Zuhörern. Wie durch einen Filter gelangen die Außenreize zu den betroffenen Menschen. Dringt mehr durch, als verkraftbar ist, kommt Panik auf. Da reicht dann schon die Fahrt vom Main-Kinzig-Kreis nach Frankfurt zur Therapie, um größte Verunsicherung hervorzurufen. „Völlig verausgabt“ kommen die Kinder dann schon dort an, weiß Martina Tornow. Nicht zuletzt deshalb steht die Forderung nach wohnortnaher Versorgung ganz oben auf der Wunschliste der Eltern autistischer Kinder, die sich keinesfalls über einen Kamm scheren lassen. Verhaltenskonzepte für Eltern und Angehörige müssen deshalb „für jeden einzeln erarbeitet“ und „ganz individuell gestaltet werden.“

Bei öffentlichen Veranstaltungen werben Tornow und Salamon für Verständnis und Akzeptanz, das Andersein autistischer Menschen „nicht negativ zu besetzen.“ Freundlicher Umgang, Offenheit, Verständnis und „klare Worte“ können einen Zugang schaffen, der auch die Stärken der Autisten zeigt. Und genau diese, so ein weiterer Appell der beiden Mütter, sollten auch von Schulen und Arbeitgebern zunehmend erkannt und genutzt werden.

Nur etwa fünf Prozent der autistischen Menschen seien im ersten Arbeitsmarkt beschäftigt. Die Zahl könnte viel höher sein, wenn für autistische Menschen die entsprechenden Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz geschaffen würden, sind sich die beiden Mütter sicher, die mit der Gründung der Selbsthilfegruppe nach eigener Einschätzung bislang „nur die Spitze des Eisberges“ angekratzt haben.

Interessierte können unter der E-Mail-Adresse autismus-mkk@gmx.de Kontakt mit der Selbsthilfegruppe aufnehmen.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare