Kein heißes Pflaster

Spricht Serie von Gewalttaten für veränderte Sicherheitslage?

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Der Marktplatz mit seinem gastronomischen Angebot ist ein Dreh- und Angelpunkt in der Hanauer Innenstadt.

Hanau - Vier Messerattacken haben sich binnen weniger Wochen in Hanau ereignet. Handelt es sich dabei um eine zufällige Häufung, oder hat sich gar die Sicherheitslage in der Stadt verändert? Von Carsten Müller

Am Abend des 6. Dezember tötete ein 57-jähriger Afghane auf dem Altstädter Markt nahe dem Goldschmiedehaus mit einem zwanzig Zentimeter langen Dolch seine 52-jährige Ehefrau. Er wollte die Trennung nicht akzeptieren, weil sie gegen Ehrbegriffe seines Kulturkreises verstoßen habe, berichtete Oberstaatsanwalt Dominik Mies seinerzeit von den Ermittlungen.

Möglicherweise dieselben Motive leiteten am 5. Januar einen 49-jährigen Türken, der am Eingang eines Mehrfamilienhauses in der Lamboystraße mehrfach auf seine von ihm getrennt lebende Ehefrau eingestochen hatte. Die Frau wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Tags darauf wurde ein 36-jähriger Syrer schwer verletzt, nachdem er mit seinem 35-jährigen Schwager in Streit geraten und von diesem zunächst mit dem Auto angefahren und danach mit dem Messer attackiert worden war. Nur wenige Tage zuvor ereignete sich an der Otto-Hahn-Straße eine Messerstecherei zwischen Türken, bei der ein 35-Jähriger lebensgefährliche Stichverletzungen erlitt.

Eine solche Häufung von Gewalttaten sei außergewöhnlich und wohl auch zufällig, sagt Rudi Neu, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen in Offenbach. Ein Trend lasse sich daraus nicht ableiten, zumal „die Ereignisse nicht miteinander in Verbindung stehen“. Es handele sich zudem überwiegend um Beziehungstaten, bei denen kein Außenstehender gefährdet gewesen sei. Daraus ergäben sich keinerlei Rückschlüsse auf eine veränderte Sicherheitslage. So sieht es auch Oberstaatsanwalt Mies, der die Entwicklung gleichwohl aufmerksam verfolgt.

Die politisch Verantwortlichen der Stadt können ebenfalls keine Hinweise auf eine veränderte Sicherheitslage erkennen. Der Hanauer Ordnungsdezernent Thomas Morlock sagt unserer Zeitung: „Die zeitliche Nähe der Ereignisse zueinander stellt einen Zusammenhang her, der nicht wirklich besteht. Soweit für uns bisher nachvollziehbar, hat es sich bei den Angriffen jeweils um Beziehungstaten gehandelt, von denen unbeteiligte Dritte nicht direkt betroffen waren. Auf gar keinen Fall spiegeln sie die allgemeine Sicherheitslage Hanaus wider.“

Grundsätzlich sei Hanau auch nach diesen Vorfällen eine Stadt, in der es sich gut und sicher leben lasse, betont Morlock. Dafür sorge die Stadt mit einer ganzen Reihe von Präventionsprojekten, angefangen bei „Gewalt-sehen-helfen“ über das Bürger-Alarm-System bis hin zur Stabsstelle Prävention, aber auch mit der neuen Stadtwache am Marktplatz.

Zusätzlich werde die Stadtpolizei personell verstärkt, so der Ordnungsdezernent. Im zweiten Quartal des Jahres solle zudem die Videoüberwachung am Freiheitsplatz, am Platanenplatz und am Marktplatz beginnen. 2019 werde ein „Haus des Jugendrechts“ seine Arbeit aufnehmen.“

Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) ergänzt: „Jede Gewalttat macht betroffen und ist bestürzend. Ich hoffe, dass die Polizei die Hintergründe schnell klärt und die Justiz die Täter ihrer gerechten Strafe zuführt.“ Eine Garantie für absolute Sicherheit könne es nicht geben. Jedoch müsse alles rechtsstaatlich Mögliche dafür getan werden. „Dabei muss uns die Gratwanderung gelingen, die Sorgen und Ängste der Menschen ernstzunehmen, ohne aber Ängste zu schüren.“

Hans-Egon Heinz, der als Vorsitzender des Mieterbunds mit Geschäftsstelle am Marktplatz oft in den Abendstunden in der Innenstadt unterwegs ist, hat sich nach eigenen Worten „noch nie in Hanau bedroht gefühlt“. Allerdings sei festzustellen, dass nach 20 Uhr die Innenstadt rund um den Marktplatz so gut wie menschenleer sei. „Das wundert mich eigentlich, weil es dort so viele Lokale gibt.“ Freilich werde im Freundeskreis über die Ereignisse der vergangenen Wochen gesprochen. Und vor allem Frauen betrachteten diese aus einem speziellen Blickwinkel.

Das bestätigt eine 65-jährige Hanauerin im Gespräch mit unserer Zeitung. Früher sei sie sehr oft allein am Abend in der Stadt unterwegs gewesen, heute überlege sie sehr genau, welchen Weg sie nehme, wo sie ihr Auto abstelle und wie viel Bargeld sie beispielsweise mitnehme. Negative Erfahrungen habe sie bisher keine gemacht, kennt solche auch nicht aus ihrem Bekanntenkreis. Es sei vielmehr ein subtiles Gefühl der Unsicherheit, das sich über die Jahre schleichend eingestellt habe. „Man registriert die Veränderungen in der Bevölkerung“, sagt sie und meint damit ihre ausländischen Mitbürger.

Die wichtigsten Notruf-Nummern

Karl-Heinz Leister, der sich als Integrationslotse um die Neuankömmlinge in der Stadt kümmert, verfolgt die Entwicklung mit großem Interesse, zumal auch das von ihm betreute Klientel betroffen ist. „Persönlich nehme ich keine erhöhte Gefährdung wahr.“ Hanau sei da nicht anders als andere Städte. „Solche Gewalttaten können sich immer und überall ereignen.“ Aber der Fokus der Bevölkerung liege natürlich auch auf den Flüchtlingen. In Leisters Augen ist dies ein klarer Hinweis, dass sich die Gesellschaft umso mehr darum bemühen müsse, die Menschen zu integrieren, „damit sie nicht abdriften und die Motivation verlieren“. Von städtischer Seite gebe es bereits eine große Zahl von Aktivitäten, aber mit Blick auf die sprachliche und besonders die berufliche Integration „muss da mehr getan werden“.

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