Künstler auf Hausbesuch

Der HA hat sich Christoph Maria Herbst im „HanauDaheim“-Livestream angeschaut

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Christoph Maria Herbst (links) zu Gast im Wilhelmsbader Comoedienhaus, nur ohne Live-Publikum.

Sieht man nur die Bühne aus der Zuschauerperspektive, scheint es ein „ganz normaler“ Abend im Wilhelmsbader Comoedienhaus zu sein. Christoph Maria Herbst und Moritz Netenjakob, Kabarettist, stehen mit ihrem Programm „Das ernsthafte Bemühen um Albernheit“ auf der Bühne des historischen Theaters.

Wir haben uns den Auftritt angeschaut. Endlich wieder einmal ein Theaterabend, freue ich mich als Zuschauer – allerdings unter komplett anderen Bedingungen. Es heißt nicht, wie noch Ende Februar, mit dem Blick auf die Uhr ins Auto zu springen, über die A 66 nach Hanau zu fahren, einen Parkplatz zu suchen und ein paar Schritte zum Theater zu laufen. Es gibt kein Glas Sekt oder eine Tasse Kaffee im Foyer und keinen Small Talk, bevor man mit den anderen Zuschauern langsam in den Saal schlendert, erwartungsvoll die Plätze einnimmt, bis das Licht ausgeht und die Show beginnt. Ich bleibe stattdessen auch an diesem Abend zu Hause – wie immer in den letzten Wochen – fahre meinen PC hoch, gieße mir ein Glas Rosé ein, lümmele mich in meinen großen Schreibtischsessel – Beine hoch – und die Show kommt via Livestream im Rahmen des „HanauDaheim Online-Festivals“ in mein Wohnzimmer. 

Der letzte Auftritt von Christoph Maria Herbst und Moritz Netenjakob hier vor rund drei Jahren war begleitet von unzähligen Lachern und stehenden Ovationen des Publikums. Doch im Gegensatz zu Aufzeichnungen solcher Veranstaltungen für das Fernsehen wurde der Unterschied zum damaligen Abend bald sicht- und hörbar beziehungsweise machte sich durch das Fehlen jeglichen Applauses und Gelächters bemerkbar. Leere Stuhlreihen, bedingt durch die Maßnahmen zum Schutz vor Covid-19 und viel Technik in Form von Kameras, Monitoren und Mischpulten im Fond des Saales, die die Show im Rahmen des „HanauDaheim Online-Festivals“ als Livestream ins Internet bringt. 

Christoph Maria Herbst und Moritz Netenjakob imitierten unter anderem Loriot oder Lindenberg

So hat HA-Mitarbeiterin Andrea Pauli den Auftritt verfolgt.

Kultur trotz der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie ermöglichen – so lautet das Motto des „HanauDaheim Online-Festivals“. Seit einigen Wochen werden dabei Konzerte, Theateraufführungen oder Comedy-Veranstaltungen live aus dem Comoedienhaus ins Internet übertragen. Bernd Michel vom Veranstaltungsbüro der Stadt Hanau, der das Festival zusammen mit Kevin Kenntemich und Leon Herche organisiert, freut sich über die hohe Übertragungsqualität, die sich bereits herumgesprochen habe. Zu sehen sind die Veranstaltungen im Youtube- oder Facebook-Kanal von „Hanau erleben“ sowie auf der Website. Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, Künstlern auch in Zeiten der Corona-Pandemie eine Bühne und damit eine Verdienstmöglichkeit zu bieten. Dank der Unterstützung zahlreicher Sponsoren, im Besonderen der Sparkasse Hanau und der Baugesellschaft Hanau, will man so einen Beitrag leisten, um das kulturelle Leben in Hanau zu unterstützen. Zuschauer können zudem während der Übertragungen unter www.paypal.me/stadthanau spenden, um das Projekt zu unterstützen. 

„Großes Aufgebot“ war trotzdem wieder im Wilhelmsbader Comoedienhaus angesagt: Neben Herbst und Netenjakob gaben sich Vicco von Bülow alias Loriot, Dieter Hallervorden, Udo Lindenberg und Klaus Kinski ein Stelldichein – wobei natürlich nur die beiden Ersteren tatsächlich auf der Bühne beisammen saßen und neben amüsantem Geplänkel aus dem Nähkästchen ihre bekannten Kollegen stimmlich perfekt zu imitieren wussten. Ihr „ernsthaftes Bemühen um Albernheit“ stand unter dem Motto: Zwei Humor-Arbeiter lesen ihre Lieblings-Satiren und plaudern. 

Herbst gibt eine Kostprobe der Hitler-Parodie „Er ist wieder da!“

Loriot, der Altmeister des Timings und des Rhythmus ist den beiden Grimme-Preisträgern ein großes Vorbild, was Herbst und Netenjakob nicht nur im Gespräch bekräftigten, sondern auch bei der Interpretation verschiedener Sketche von Bülows ausdrucksstark dokumentierten, so zum Beispiel beim „Feierabend“. Täuschend echt wusste vor allem Herbst den passenden Stimmduktus nachzuahmen. Aber auch Didi Hallervorden bekam bei den Freunden eine grimassierende Bühne mit ein paar O-Tönen. 

Als Deutschlands erfolgreichster Hörbuchsprecher gab Herbst auch noch eine Kostprobe aus der satirischen Hitler-Parodie „Er ist wieder da!“. Zum Schreien komisch fand das virtuelle Publikum in den Onlinekommentaren das fiktive Gespräch am Frühstückstisch zwischen Vorzeige-Choleriker Klaus Kinski und dem Nuschler der Nation, Udo Lindenberg. Auszüge aus dem geheimen gefälschten Tagebuch vom „Mann von Frau Merkel“ wurden verlesen und boten irrwitzige absurde Einblicke in Angelas wildes Partyleben. Zum Beispiel in die Küche von Anton Hofreiter, wo während einer Fete ein Klempner im Ausfluss nach Hofreiters langen Haaren abtaucht und sich als Renate Künast outet. 

Beifall am Schreibtisch

Nicht zu vergessen ein weiterer Höhepunkt des Abends, der den Netenjakob-Fans aus dessen Shows bekannt war: „Hänsel und Gretel“, vorgelesen von einem Fußballreporter, einem Marktschreier (beide Netenjakob) und einem Flugkapitän (Herbst). Natürlich durften Herbsts persönliche Top-Five Stromberg-Zitate der bekannten TV-Figur mit dem „Sackgesicht und Kinderschänderbart“ nicht fehlen. „Man sollte den Arsch nie höher hängen, als man scheißen kann“ schafft es auf Platz zwei, und Nummer eins in Sachen diskriminierender Sexismus belegte der Spruch: „Schönheit ist doch nur eine Frage von 'Licht an' oder 'Licht aus'.“ 

Die Zuschauer des Auftritts von Christoph Maria Herbst (links) und Moritz Netenjakob im Rahmen des Hanauer „Online-Festivals“ kommentierten nebenbei fleißig.  

Nach dem einstündigen Auftritt des Duos gehörte die Bühne dann noch der Jazzband La Petite Fleur, die Dixieland bis zu Blues mit schwäbischen Texten präsentierten. Zwischenapplaus spendeten sich Herbst und Netenjakob während der Vorstellung übrigens gegenseitig im Wechsel. Am Ende verbeugten sie sich schließlich mehrfach vor ihrem „Publikum“ – und ich erwische mich dabei, wie ich in meinem heimischen Schreibtischsessel Beifall klatsche. 

Dem Spaß an der Vorstellung hat der Livestream für mich zwar keinen Abbruch getan. Doch ich freue mich darauf, irgendwann wieder echte Theaterluft zu atmen und dieses Erlebnis, nicht unbedingt „hautnah“, aber trotzdem mit anderen im realen Leben zu teilen. Davon abgesehen: Was gibt es Besseres für einen Künstler als den Applaus seiner Zuschauer in einem ausverkauften Haus?

Quelle: Hanauer Anzeiger

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