Evangelische Marienkirche

Am Wochenende besteht die seltene Gelegenheit, die Gruft der Marienkirche zu besichtigen

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25 historische Persönlichkeiten wurden in der Gruft der Marienkirche seit 1602 bestattet. Pfarrer Horst Rühl kennt deren Geschichte und Bedeutung für die Stadt Hanau.

Die Gruft der Evangelischen Marienkirche am Deutschen Goldschmiedehaus ist an diesem Wochenende für Besucher geöffnet – das erste Mal seit sieben Jahren. Sie kann Samstag von 10 bis 17 sowie Sonntag von 12 bis 14 Uhr besichtigt werden.

Hanau – In der Grabstelle liegen auch die Gebeine von Graf Philipp-Ludwig II. , dem Begründer der Hanauer Neustadt (1578-1612). „Die Öffnung der Gruft fand zuletzt im Jahr 2012 anlässlich des 400. Todestages von Graf Philipp Ludwig II. statt“, erklärte gestern Pfarrer Horst Rühl. Rühl war bis 2007 gut 23 Jahre lang Pfarrer an der Marienkirchengemeinde. Die Marienkirche ist die älteste Kirche Hanaus. Zum Bauern- und Schlemmermarkt, der an diesem Wochenende in der Hanauer Altstadt stattfindet, können Besucher einen Blick in die historische Grabstätte werfen.

Dafür hoben gestern Mitarbeiter der Stadt in gemeinsamer Kraftanstrengung zwei schwere Sandsteinplatten weg, um die Treppe in die Grabstätte unter dem Hochaltar der Kirche freizumachen. „Die hier in Holz- und Zinksärgen bestatteten Grafen, ihre Ehefrauen und Kinder stehen auch für historische Veränderungen, sowohl in der Entwicklung der Grafschaft Hanau-Münzenberg als auch in der Kirche“, sagt Pfarrer Rühl.

Ehrenamtliche Mitarbeiter werden Gruftbesuchern am Samstag und Sonntag Einblicke in die Historie geben. Die Grabstätte kann kostenlos besichtigt werden, für Spenden ist die Evangelische Stadtkirchengemeinde jedoch dankbar.

1602 ließ Graf Philipp-Ludwig II. die Gruft unter dem Chorraum anlegen. Er steht in der Grafschaft und der Hanauer Stadtgeschichte für Offenheit, Toleranz und Entwicklung. 1595 führte er in seiner Grafschaft und damit auch in der Marienkirche das reformierte Bekenntnis ein. Fast zeitgleich erlaubte er den Wallonen und Niederländern, die als Flüchtlinge in der lutherischen Reichsstadt Frankfurt an der freien Ausübung ihres Glaubens gehindert wurden, auf seinem Hoheitsgebiet Gottesdienste zu halten. Mit der Ansiedlung der Glaubensflüchtlinge in Hanau und der vertraglichen Vereinbarung zum Aufbau der Hanauer Neustadt ist Philipp-Ludwig II. auch deren Begründer. „Ohne ihn wäre Hanau eine Kleinstadt geblieben“, sagt Pfarrer Rühl. „Die Ansiedlung der Kaufleute und Goldschmiede mit ihren Familien hat die Grundlage gelegt, dass Hanau sich nun zur kleinsten Großstadt in Hessen entwickelt.“

Philipp-Ludwig II. war mit Katharina Belgica (1575– 1648) verheiratet und hatte zehn Kinder. Er und seine Söhne Graf Philipp-Moritz und Prinz Wilhelm-Reinhard sowie drei seiner Enkel sind in der Gruft bestattet. Ebenso – und das ist außergewöhnlich – hat mit Landgräfin Maria von Hessen-Kassel (1726- 1772) sogar eine englische Königstochter dort ihre letzte Ruh gefunden. Sie ist die Tochter von König George II. und war verheiratet mit Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel. Sie ist die Mutter des Erbprinzen Wilhelm, der Wilhelmsbad erbaut hat und erster hessischer Kurfürst war.

Die letzte Beisetzung in der Gruft fand 1848 mit dem Sarkophag von Kurfürst Wilhelm II. von Hessen statt. Dessen Sarg verbrannte zu einem großen Teil in der Hanauer Bombennacht am 19. März 1945. Bei einer Gruftöffnung 1997 hat sein Nachfahre, Moritz von Hessen, seinem Ahnen deshalb einen neuen Sarg gestiftet.

VON HOLGER HACKENDAHL

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