Von der Sonne in die Eiseskälte

Samendarre gewinnt Saatgut aus der Wildkirsche

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Die Maische ist eigentlich nur ein Nebenprodukt der Wildkirschenernte – allerdings ein wohlschmeckendes, denn daraus wird hochwertiger Schnaps gebrannt.

Wolfgang - Gerade ist die Ernte der Wildkirschen zu Ende gegangen. Das bedeutet viel Arbeit für die Staatliche Samendarre beim Forstamt in Wolfgang. Dort werden rund 1,3 Tonnen der Vogelkirschen verarbeitet. Zur weiteren Vermehrung werden die Kerne eingefroren. Aber es wird auch Hochprozentiges aus den Kirschen gemacht. Von Holger Hackendahl 

Das Trocknen von geerntetem Baumsamen, in der Fachsprache Darren genannt, ist die vorrangige Aufgabe der hessischen Samendarre am Forstamt unweit der Rodenbacher Chaussee. Der Spezialbetrieb von Hessen-Forst bereitet Forstsaatgut auf, lagert es bei Minusgraden im Kühlhaus und verkauft es deutschlandweit an seine Kunden, etwa an Baumschulen. Gerade ist die Ernte der Wildkirschen, auch Vogelkirschen genannt, zu Ende gegangen. Bis zu 1,3 Tonnen wurden im Auftrag der Samendarre im Bereich der Forstämter Schlüchtern und Burghaun bei Hünfeld geerntet. Unter den Wildkirschbäumen hatten die Pflücker dafür Erntenetze ausgelegt. „Dann schütteln und klopfen sie die Wildkirschen mit Stangen von den Bäumen“, erläutert Darremeister Lothar Volk, der im Frühjahr die Wildkirschbestände für die weitere Planung in Augenschein genommen hatte. Zwischen Blüte und Ernte kann viel passieren: Es können Schädlinge auftreten, Vögel sich an den Kirschen gütlich tun oder Unwetter die Wildkirschenernte buchstäblich verhageln.

In diesem Jahr spricht Volk von einer „mittelguten Ernte“. Zum Vergleich: Im Erntejahr 2009 wurden rund 2,5 Tonnen Wildkirschen von der Samendarre verarbeitet. Die in diesem Jahr geernteten Kirschen wurden in blaue Plastikfässer gefüllt und bereits Ende letzter Woche in den vier Grad kalten Kühlraum der Samendarre gebracht. Seit Mittwoch werden die Wildkirschen von Forstwirtschaftsmeister Peter Machel verarbeitet.

Die kleinen Wild- bzw. Vogelkirschen unterscheiden sich von gezüchteten Kirschen durch einen deutlich geringeren Fruchtfleischanteil. Die Passiermaschine trennt in einem ersten Arbeitsgang mit ihrem Rührwerk die Kerne vom Fruchtfleisch. Machel füllt die Kirschen mit einer kleinen Schaufel in einen Trichter ein und unten fließt aus der Maschine Sekunden später die Maische heraus, ein süßer Wildkirschsaft, der bei Schnapsbrennereien heiß begehrt ist. „100 Liter Maische ergeben in etwa zehn Liter hochprozentigen Schnaps“, weiß der 39-Jährige.

In zwei weiteren Arbeitsgängen werden die Kirschen in der Maschine nochmals gewaschen, dabei von Stielen, Blattwerk und Grobschmutz getrennt und schließlich nochmals in Handarbeit in einem Bottich mit Wasser gesiebt, um dann in der Sonne vorgetrocknet zu werden. In der Samendarre Wolfgang, einem echten Traditionsbetrieb, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1826 zurückreichen, werden in der Trocknungsanlage werden die Kirschkerne dann auf Bleche gelegt und bis auf zehn Prozent Feuchtigkeitsanteil weiter getrocknet. Dann werden sie in 20 Kilo-Säcken bei minus zehn Grad im Kühlhaus der Samendarre eingefroren, wo sie bis zu zehn Jahre eingelagert werden können.

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Für ein Kilogramm Wildkirschkerne, das entspricht rund 6250 Kernen, müssen Baumschulen je nach Qualität – entscheidend ist hier die Keimkraft – zwischen 120 und 150 Euro berappen. Hingegen ist das Nebenprodukt, die süße Maische, mit 1 bis 1,50 Euro je Liter ein echtes Schnäppchen. „Unser Hauptgeschäft sind ganz klar die Kerne der Wildkirschen, eben um Vermehrungsgut zu gewinnen“, erläutert Lothar Volk. Für ihn und seine Mitarbeiter geht es nun Schlag auf Schlag weiter. Im August steht die Douglasienernte an, Ende August/Anfang September folgt die Weißtanne und im Oktober ist Hauptsaison bei den Eicheln.

Zum Ernten der verschiedenen Baumsamen gibt es viele Methoden. Eicheln fallen auf Bodennetze und können so relativ leicht aufgesammelt werden. Ebenfalls mit Bodennetzen fangen Erntehelfer die Bucheckern auf, nachdem am Baumstamm angebrachten Rüttler Ahorn, Hainbuche und Esche schütteln und rütteln, damit die Flügelsamen auch aus der Baumkrone in die Netze fallen.

Bei Nadelbäumen ist das Ernten der Zapfen ungleich schwieriger. So müssen bei der Douglasie, einem Nadelbaum mit Ursprung in Nordamerika, mutige Kletterer in die Baumkrone steigen und die grünen Zapfen per Hand ernten, die dann in der Samendarre nachreifen.

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