Mehr als „nur“ Brüder Grimm

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Die Germanistin Astrid Hohlbein (rechts) hat in der Literatur intensiv nach Bezügen von Autoren und Werken nach Hanau geforscht. Das Ergebnis ihrer Nachforschungen präsentiert sie regelmäßig bei literarischen Stadtrundgängen.

Hanau - Kaum zu glauben und kaum bekannt: Hanau hatte und hat auch in literarischer Hinsicht viel zu bieten. Die Germanistin Astrid Hohlbein hat akribisch geforscht und vermittelt ihre Arbeitsergebnisse im Rahmen von Literaturspaziergängen durch die Innenstadt. Von Dieter Kögel

15 interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer folgten Astrid Hohlbein am vergangenen Sonntag zu Hanauer Schauplätzen, an denen Literatur entstanden ist oder die in literarischen Werken vorkommen. Eingeladen zu dem informativen und kurzweiligen Rundgang hatte die Interessengemeinschaft Hanauer Altstadt (IGHA) in Zusammenarbeit mit der Hanauer Volkshochschule.

Bereits am Sammelpunkt vor der Bücherei am Schlossplatz beginnt die Reise in die literarische Vergangenheit Hanaus. Denn im Park hinter dem damaligen Stadtschloss verbrachte Karoline von Günderrode ihre Kindheit und Jugend, während die Mutter sich bei den Hanauer Herren verdingte. 1804 erscheint Karoline von Günderrodes erster Gedichtband. Unter dem Pseudonym „Tian.“ Denn für Frauen schickte sich das Schreiben nicht zu jener Zeit.

Das Pseudonym nutzte freilich wenig. Denn Karoline hatte bereits Zugang zu den Romantikerkreisen gewonnen, wo ihre eigenwilligen und radikalen literarischen Arbeiten geschätzt wurden. Eine wissensdurstige Frau, die ihrer Zeit weit voraus war, wie Astrid Hohlbein bemerkt.

Erinnerung an den „Simplicissiumus“

In der Schlendergasse vor den Resten der alten Stadtmauer liest Hohlbein Passagen aus Grimmelshausens „Simplicissiumus“, den es nach der Zerstörung Gelnhausens nach Hanau verschlagen hat. Wie so viele, die vor der Greuel des Dreißigjährigen Krieges in den Schutz der Hanauer Mauern geflohen sind. Und mit der Übertragung des „Simplicissiums“ in zeitgemäßes Deutsch von Reinhard Kaiser ist dafür Sorge getragen worden, dass die abenteuerliche Reise des Simplicissiumus auch heute wieder vermehrt gelesen wird. „Ganz grandios gemacht,“ so das Urteil Hohlbeins. Eine Arbeit, die auch die Stadt Hanau mit der Verleihung des Brüder-Grimm-Preises an Reinhard Kaiser honorierte.

An den Hanauer Schriftsteller Otto Michel erinnert Hohlbein in der Bangertstraße, wo das Geburtshaus des Großhandelskaufmanns gestanden hatte. Michel, der 1973 starb, schrieb nach dem 1. Weltkrieg seine ersten Gedichte, die in kleiner Auflage erschienen sind. Der Romantik verbunden wollte Michel mit seinen Texten das Leben der Menschen „froher, edler, gütiger“ machen.

Druckerei und Verlagsbuchhandlung

Aber auch gedruckt wurde in Hanau. Die erste Druckerei befand sich unweit des Goldschmiedehauses in einer kleinen Straße, die heute nicht mehr existiert. Auch das Haus der Verlagsbuchhandlung König in der Hammerstraße existiert heute nur noch als Koordinate. Immerhin verlegte Friedrich König im Jahr 1832 das „ABC-Buch der Freiheit“ von Johann Wilhelm Sauerwein und verteilte es beim Wilhelmsbader Fest. Astrid Hohlbein zitiert aus einem der wenigen erhaltenen Exemplaren und stellt fest, „es ist erschreckend zeitlos.“

Zu Füßen des Brüder Grimm Denkmals auf dem Marktplatz ist Astrid Hohlbein mit ihrer Gruppe in der literarischen Gegenwart angekommen, zitiert aus dem 2009 erschienen Roman „Die Ängstlichen“ des in Hanau geborenen Autors Peter Henning. Schauplatz der Geschichte ist Hanau. Und das kommt im Buch alles andere als gut weg, was die Runde aber sichtlich amüsiert.

Am Platz des Geburtshauses der Brüder Grimm endet der Literaturspaziergang mit Informationen zu Leben und Werk der Märchensammler und Sprachforscher. Stationen, die sich laut Astrid Hohlbein noch ausbauen ließen. Denn immer wieder ergeben die Forschungen neue Zusammenhänge.

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