Aussteigerin berichtet von „Gehirnwäsche“ und bekräftigt Vorwürfe gegen Sektenchefin Sylvia D.

Ständiges Gefühl, ihr etwas schuldig zu sein

Hanau – Im Prozess gegen Sektenchefin Sylvia D. hat Aussteigerin Birgit P. gestern ihre Vorwürfe bekräftigt und weitere Details genannt. Den Angaben zufolge habe D. vor dem Tod von Jan H. geäußert, dass „dieser Scheißkerl“ von Gott abgeholt werden müsse.

Zweifel an der Anführerin habe diese sofort im Keim erstickt und Zweifler zusammengefaltet. Diese „Gehirnwäsche“ wiederum habe zu schweren Selbstzweifeln geführt. Deshalb, so P., habe sie sich nicht gewehrt – und weil selbst gestandene, hochgebildete Männer aus der Gruppe nicht protestierten. Aus einem Schreiben geht hervor, wie exakt D.s Anweisungen offensichtlich waren, etwa dazu, was Birgit P. einer bei Sylvia D. in Ungnade gefallenen Frau sagen sollte. Der Wortlaut wird vorgegeben. Außerdem habe sich D. von ihren Unterstützern Kleider aus Samt nähen und zum Beispiel Haushaltsgeräte schenken lassen. Sie habe ständig das Gefühl erzeugt, „man sei ihr etwas schuldig“. Während die anderen extrem sparsam hätten sein müssen, habe D. sich schon mal die teuersten Kosmetika bestellt. Ihr Ehemann Walter D. habe sich immer das feinste Foto- und Videoequipment gekauft.

Sylvia D. muss sich vor Gericht verantworten, da sie am 17. August 1988 den vierjährigen Jan H., auf den sie aufpassen sollte, ermordet haben soll. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, sie habe ihn in einem Sack ersticken lassen, weil sie ihn als Reinkarnation Hitlers ansah. Die Verteidigung weist die Vorwürfe zurück.

Die Anwälte befragten die Zeugin lange. Sie sind offenbar der Ansicht, es gebe Widersprüche in ihren Aussagen. So fragte Matthias Seipel, warum P. nach Verlassen der Gruppe und Trennung von ihrem Ehemann, der Sylvia D. weiterhin folgte, regelmäßige Kontakte zwischen Vater und Sohn zuließ, obwohl sie Letzteren in Gefahr gesehen habe. P. erwiderte unter anderem, sie habe darauf vertraut, dass ihr Mann nichts Schlimmes tue. Zudem sei ihr Sohn nur für einige Stunden, nie über Nacht geblieben.

Darüber hinaus monierten die Anwälte, P. habe eine schriftliche Aussage ihres Sohnes nachträglich korrigiert. Er schrieb, seine Mutter habe ihn eines Nachts mit Würgemalen vorgefunden. Birgit P. erklärte, die Angaben ihres Kindes hätten der Kriminalpolizei bereits vorgelegen, sie habe keinen Einfluss nehmen, nur etwas richtigstellen wollen. Ihr Mann und sie hatten demnach gerade als Pfleger Dienst und ihren Sohn gar nicht zu Hause vorfinden können. Sie seien telefonisch verständigt worden und dann zu ihrem Sohn in die Klinik gefahren.

Erstmals zur Sprache kam die Aussage eines Aussteigers, nach der es in der Gruppe oder deren Umfeld schon vor Jan einen Kindstod gegeben habe. Das teilte ein Mann der Polizei mit, der Mitte der 80er ausstieg. Näheres war nicht zu erfahren, die Angaben wurden nicht vertieft, sodass die Umstände dieses mutmaßlichen Todesfalls noch unklar sind.  gha

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