„Jetzt zieh’n wir’s durch“

Die Steinheimer Familie Grunwald wandert nach Kanada aus

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So kennen ihn viele: Daniel „Gruni“ Grunwald als Gitarrist bei „Sanders and friend“. Auf dem Lamboyfest gab er sein Abschiedskonzert, natürlich im Kanada-Shirt.

Wenn der Flugplan eingehalten wird, dann ist es heute um kurz nach 14 Uhr soweit: Dann hebt sie ab, die Condor-Maschine Richtung Vancouver. Mit an Bord: Daniel Grunwald (32 Jahre), seine Ehefrau Mareike (32) und die beiden Kinder Carolin (10) und Leia (3). 

Steinheim – Für die Steinheimer Familie beginnt heute ein neues Leben. Denn sie wandern nach Kanada aus.

Neuneinhalb Stunden Flug und mehr als 8 000 Kilometer trennen sie dann noch von ihrem neuen Zuhause an der kanadischen Südwestküste. Aber die Steinheimer Familie geht diesen Schritt nicht unvorbereitet. „Kanada war schon immer meine zweite Heimat, in den Schulferien war ich bestimmt schon 15 Mal dort“, erzählt Daniel Grunwald. Besucht hat er dann immer seinen Großvater, der vor fast 30 Jahren nach Kanada ausgewandert sei. Ihm folgten im Jahr 2009 Daniels Eltern Simona und Joachim mit seinem jüngsten Bruder Alessandro, der damals 17 Jahre alt war. „Ich war damals 22 Jahre alt. Ich hätte schon 2009 mitgekonnt, wollte aber noch nicht,“ erinnert sich Daniel. Stattdessen blieb er mit seinem älteren Bruder Sebastian in Steinheim wohnen, besuchte aber regelmäßig seine Eltern im Urlaub. 2014 starb Daniels Vater. Seitdem lebt seine Mutter allein im großen Haus der Familie.

„Ich bin froh, noch zehn Jahre in Steinheim geblieben zu sein,“ erzählt der begeisterte Musiker, der bis zur Bandauflösung 2013 bei der Steinheimer Gruppe „Twisted Strings“ spielte und seit 2015 mit „Sanders and friends“ als Gitarrist auf der Bühne stand. Beim jüngsten Lamboyfest stand „Gruni“, wie ihn alle nennen, letztmals mit dieser Formation auf der Bühne. Es war ein umjubeltes Abschiedskonzert.

Daniel Grunwald: "Schwarzbären und Seeadler sind quasi unsere Nachbarn“

„Kanada war schon immer Thema in unserer Familie. Auswandern war für mich und meine Familie nie eine Schnapsidee. Und jetzt zieh’n wir’s durch“, erzählt der ausgebildete Zahntechniker. 2001 hatten seine Eltern in einem ruhigen Stadtviertel im Norden Vancouvers ein zweigeschossiges Haus gekauft. Und dorthin wollen sie nun auch ziehen, erst einmal ins Haus ihrer Mutter. „Wir teilen uns die Wohnung mit meiner Muter bis wir wissen, ob wir in Kanada bleiben können.“

Im ersten Jahr ist die junge Familie auf „Work & Holiday“-Basis in Kanada. Mareike hat schon einen Job als „Housekeeping-Teamleiterin“, den hat die Schwiegermutter für die gelernte Einzelhandelskauffrau schon fix gemacht. Und Daniel wird voraussichtlich ab 1. August in seinem erlernten Beruf als Zahntechniker arbeiten. „Von hier aus habe ich drei Bewerbungsgespräche fest gemacht. Aber von Deutschland aus einen Vertrag unterschreiben in einer Firma in Vancouver, die ich nicht kenne, das wollte ich nicht“, erzählt der Zahntechniker, der auf 14 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann und dem der Abschied von seiner Hanauer Arbeitsstelle nicht leicht fiel. „Da floss auch die eine oder andere Träne.“

Mareike und Daniel sind davon überzeugt, dass auch ihre Kinder mit der neuen Situation rasch klarkommen werden. „Beide waren schon mal in Kanada und die Sprache werden sie sehr schnell lernen“, ist Daniel auch in dieser Hinsicht „ganz entspannt“.

Nach dem ersten Kanada-Jahr möchten sich die Grunwalds dann als so genannte „young professionals“ für eine „permanent residence“, also eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Kanada, bewerben. Dass das klappt, daran glauben sie fest.

Wandern heute nach Kanada aus: Mareike und Daniel Grunwald mit ihren Kindern Carolin und Leia.

„Kanada ist vom Leben her schon anders als Deutschland“, freuen sich die Grunwalds vor allem auf viel Natur und die „offene Art“ der Kanadier. „Die Menschen sind freundlicher und höflicher. Von der Mentalität her fühle ich mich in Kanada wohler als hier. Und die Skateboarderszene dort kommt mir sehr entgegen“, sagt Daniel Grunwald, der seit seiner Kindheit Skatboardfan ist.

„Wir werden im Norden Vancouvers leben. Schwarzbären und Weißkopfseeadler sind dann quasi unsere Nachbarn. Robben und Orcas leben im Fjord,“ erzählt Daniel begeistert. Und Mareike freut sich unter anderem auf die vielen Kunstmärkte, Musik- und Kulturveranstaltungen, das Open-Air-Kino und die vielen kleinen Bars in der kanadischen Metropole, die immer wieder auf den Listen der schönsten und lebenswertesten Städte der Welt zu finden ist.

Seit dem 17. Juni ist das bequeme Leben in Steinheim für die Grunwalds vorbei, geschlafen wurde seitdem nur noch auf Luftmatratzen. Vier Kubikmeter Hausrat – von Kleidung über Küchenutensilien bis zu Daniels vier Gitarren und vielen anderen persönlichen Gegenständen – gingen per Spedition bereits in die neue Heimat Kanada. „Wir haben alle unsere Möbel verkauft. Und auch den Fernseher können wir nicht mitnehmen, denn in Kanada gibt es 110-Volt-Anschlüsse“, mussten die Grunwalds für ihren großen Traum auch einiges aufgeben. Doch Steinheim ganz aus den Augen verlieren wollen sie nicht. „Wir werden auf jeden Fall hier irgendwann mal Urlaub machen“, schmunzelt Daniel.

Holger Hackendahl

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