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Steinheimerin Marianne Lemmer sammelt für Flutopferfamilie

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Von: Kerstin Biehl

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Marianne Lemmer hilft gerne: Für eine Familie, die bei der Flutkatastrophe in der Eifel ihr ganzes Hab und Gut verloren hat, hat die Steinheimerin bis dato über 5000 Euro gesammelt.
Marianne Lemmer hilft gerne: Für eine Familie, die bei der Flutkatastrophe in der Eifel ihr ganzes Hab und Gut verloren hat, hat die Steinheimerin bis dato über 5000 Euro gesammelt. © Patrick scheiber

„Es waren wirklich schlimme Bilder, die im Fernsehen gezeigt wurden. Sie haben mich nicht mehr losgelassen.“ Wenn Marianne Lemmer gut zwei Monate nach der Flutkatastrophe in Westdeutschland an die Aufnahmen von zerstörten Häusern, nicht mehr vorhandenen Straßen, Brücken, Eisenbahnschienen denkt, an die mehr als 180 Opfer, bekommt sie noch immer Gänsehaut.

Steinheim – So wie Mitte Juli, als ihr erster Gedanke war: „Da musst du helfen. Da musst du etwas tun.“ Wer Marianne Lemmer kennt, weiß, dass die Steinheimerin eine Frau der Tat ist. Im Juli fackelte sie nicht lange. „Ich wollte eine Familie finden, der ich direkt helfen kann. So wie ich es damals bei der Hochwasserkatastrophe in Ostdeutschland getan habe. Da habe ich auch einer Familie geholfen.“ Lemmers Prämisse: Die Hilfe in Form von Bargeld sollte wieder direkt bei den Betroffenen ankommen. „Ich fand es gut und wichtig, wie viele Hilfsaktionen im Sommer angestoßen wurden. Aber wo und wann kommt dieses Geld bei denen an, die es so dringend benötigen? Ich möchte, dass die Hilfe schnell ankommt.“

Ein Telefonat mit der Cousine in der Eifel brachte Lemmer weiter. Drei Tage war die Verwandte von der Arbeit freigestellt, um Hilfe im Hochwassergebiet zu leisten. „Wenn du das gesehen hast, lässt es Dich nicht mehr los. Wir fahren da auf jeden Fall wieder hin, um weiter zu helfen“, habe die Cousine berichtet. Im Gepäck hatte sie nach dem Telefonat einen Auftrag: Eine Flutopferfamilie zu finden, die Unterstützung benötigt.

Im Gespräch mit Betroffenen erfuhr die Cousine von einer jungen Familie – Vater, Mutter, Kleinkind, dazu ein Baby, das in wenigen Wochen auf die Welt kommen würde – mit völlig zerstörtem Haus, ohne Elementarversicherung. „Ich habe die Kontaktdaten bekommen und direkt die Familie angerufen, mir die Situation erklären lassen und gefragt, ob sie einverstanden sind, wenn ich für sie Geld sammle.“ Für Jenny, Thomas, die zweijährige Tochter und das inzwischen geborene Baby. 2017 hatte das Paar geheiratet, 2019 mit dem Hausbau begonnen, im vergangenen Jahr wurde das neue Haus bezogen. „Eine Woche bevor die Flut kam“, habe Mutter Jenny erzählt, seien die Außenanlagen fertiggestellt worden. Nichts habe der Zukunft und dem Glück der Familie im Weg gestanden. Und dann kam doch alles anders.

Altenahr, der Ort, in dem die Familie wohnt, wurde heftig von der Flut getroffen. Das Wasser habe bis kurz unter die Decke im zweiten Vollgeschoss gestanden. Lemmer zitiert aus einer Nachricht, die sie von der Familie bekommen hat: „Wir sind über das Badfenster auf das Garagendach geklettert, von dort weiter bis aufs Hausdach, weil das Wasser immer weiter stieg. Dort haben wir zwölf Stunden ausgeharrt, bis ein Freund uns gerettet hat.“ Das alles hochschwanger und mit Kleinkind.

Körperlich blieb die Familie verschont. Materiell nicht: Sämtliches Hab und Gut sowie beide Autos sind Opfer des Hochwassers geworden.

„Es war mir sofort klar, dass ich den Vieren helfen muss“, sagt Lemmer. „Ich habe mich umgehend hingesetzt, das Schicksal der Familie in einem kurzen Text zusammengefasst, erklärt, dass ich ihnen helfen will, und das Ganze an meine WhatsApp-Kontakte verschickt.“ Das war am 1. August. „Mal gucken, was kommt“, habe sie gedacht.

Und es kam einiges: Schon einen Tag später hatte Lemmer die erste Spende auf ihrem Konto. Bis jetzt sind es 41 Spender, die insgesamt 5855 Euro gespendet haben. „Es ist eine ganz private Spendenaktion auf Vertrauensbasis. Wer mich kennt, weiß, dass jeder Cent bei den Betroffenen ankommt“, sagt die Steinheimerin. Die Aktion sei eine Art Selbstläufer geworden. „Ich habe auch Spenden von Leuten erhalten, die ich überhaupt nicht kenne. Da haben Freunde meine WhatsApp an andere Freunde weitergeleitet“, freut sie sich.

Seit dem ersten Anruf bei der Flutopferfamilie vor mehr als anderthalb Monaten hat sie immer wieder Kontakt. Lemmer weiß, dass die Vier anfangs in einer Ferienwohnung unter kamen, inzwischen konnten sie ein Haus mieten.

3500 Euro Soforthilfe vom Bund hätten sie bisher erhalten, dazu eine Spende in Höhe von 200 Euro von einem örtlichen Verein. Deshalb seien die Spenden aus Hanau so wichtig und willkommen. „Als ich die erste Überweisung, 5000 Euro, am 23. August per Telefon angekündigt habe, war es erst einmal still am Telefon. Sie konnten es gar nicht glauben.“ Lemmer zitiert aus einer Nachricht: „Wir können gar nicht in Worte fassen, wie dankbar wir sind. Menschen, die uns gar nicht kennen, geben uns Geld, teilweise so viel (500 Euro war der höchste Spendenbetrag – Anm. d. Red.), das ist unglaublich. Wir sagen von Herzen danke und haben dabei das Gefühl, das es nicht annähernd beschreibt, was wir empfinden.“

Bald will Lemmer die Familie auch persönlich kennenlernen, denn dazu gab es bisher keine Gelegenheit. „Die Vier hatten genug um die Ohren mit dem, was passiert ist und dazu einem Neugeborenen, da wollte ich sie nicht noch zusätzlich mit einem Besuch belästigen. Außerdem war es die ganze Zeit schwierig, hinzukommen.

Dass das Helfen Lemmer in die Wiege gelegt scheint, zeigt der Reigen an Hilfs- und Unterstützungsaktionen, den sie in den vergangenen Jahren angestoßen hat. Etwa 1995, da sammelte sie für Hilfstransporte ins ehemalige Jugoslawien. Unter anderem ihrem Engagement ist zudem die Einführung der Pflegemedaille des Landes Hassen zu verdanken.

Lemmer ist eine Macherin. Nicht diskutieren, sondern helfen, ist ihr Motto. Nicht zuletzt untermauert dies die Verleihung des Landesehrenbriefs 2010 an die heute 68-Jährige. Dabei steht sie überhaupt nicht gerne in der Öffentlichkeit. „Ich würde mich nie vorne hinstellen. Aber Angst habe ich vor keinem“, sagt sie. Was sie von den Hilfsaktionen mitnimmt? „Ich freue mich einfach für diejenigen, denen ich helfen kann.“

Weitere Infos

Wer die Spendenaktion für die von der Flutkatastrophe betroffene Familie aus Altenahr von Marianne Lemmer unterstützen möchte, kann auf das Konto bei der IngDiba DE48 5001 0517 0298 6986 09 überweisen.

Von Kerstin Biehl

Jenny und Thomas aus Altenahr mit ihren beiden Kindern haben durch die Flutkatstrophe alles verloren. Für die Hilfe aus Hanau sind sie sehr dankbar.
Jenny und Thomas aus Altenahr mit ihren beiden Kindern haben durch die Flutkatstrophe alles verloren. Für die Hilfe aus Hanau sind sie sehr dankbar. © Privat

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