Ein Stück Leben geraubt

+
Roland von Gottschalck

Schon im Vorgespräch am Telefon bedeutet er, dass er „ungeschönt“ sprechen werde. Später erzählt er, dass er am Tag des Mauerfalls zwar geweint habe - „das einzige Mal in meinem Leben öffentlich.“ Von Christian Spindler

Doch längst sei der 9. November „kein Freudentag mehr für uns“. Er meint die Opfer des DDR-Systems, die verhöhnt würden, kämpfen müssten etwa um die Anerkennung von Zwangsarbeits- und Rentenzeiten als politische Häftlinge.

Kann man so seinen Frieden finden? Wohl nur schwer mit einer Vita wie der von Roland von Gottschalck, mittlerweile langjähriger „Stadtfotograf“ im Hanauer Medienzentrum.

1959 in Dresden geboren, besuchte er die Polytechnische Schule, opponierte früh gegen das System, das einem „keinerlei Chance ließ, für sich Wege zu suchen.“ Er beziehe „unklare Stellung zur FDJ“, zeige sich „westlichen Einflüssen aufgeschlossen“, hieß in den 70-er Jahren in seiner Kaderakte. Von Gottschalck verkehrte in Künstlerkreisen, auch in Zirkeln der evangelischen Kirche. „Aber es war alles von Spitzeln unterwandert.“

Statt Studium wurde er in eine Lehre als Betriebsschlosser ins Energiekombinat Dresden gesteckt. Wegen seiner Ablehnung des DDR-Systems bekam er auch dort Ärger - und die Kündigung. Arbeitslosigkeit gab es offiziell in der DDR nicht. Von Gottschalck: „Wer nicht systemkonform war, sollte wegen asozialem Verhalten kriminalisiert werden.“

1980 den ersten Ausreiseantrag gestellt

Er fand Arbeit in einer Privatgärtnerei, stellte 1980 den ersten Ausreiseantrag beim Rat des Stadtbezirks. Ablehnung. Von Gottschalck wollte sich ans Innerdeutsche Ministerium in Bonn wenden. Über eine Deckadresse in Nürnberg sollte das als Grußkarte getarnte Schreiben weitergeleitet werden. Nur ganz wenige Freunde wussten davon. Von Gottschalck wurde verraten, der Brief abgefangen.

Lesen Sie auch von weiteren Schicksalen:

„... aber ich bin Pleitgen“

Chance nach der Wende

„Ich habe gebrüllt, ich war so zornig“

„Mauerfall - ich war zunächst schockiert“

Als ich gerade beim Fresien-Schneiden war, tauchten zwei Stasi-Leute im Gewächshaus auf.“ Mitkommen, es gebe etwas zu klären; bis zur Mittagspause sei er wieder zurück. „Die Mittagspause dauert bis heute“, sagt der Fotograf bitter. Im Dresdner Stasi-Gefängnis erwarteten ihn unzählige Verhöre, er sollte vermeintliche Helfer nennen. Schließlich Anklage wegen „Landesverräterischer Nachrichtenübermittlung“ und „Staatsfeindlicher Hetze“. Am 17. Juni 1983 das Urteil: zwei Jahre, zehn Monate, Zuchthaus Cottbus. Von Gottschalck: „Ich war vernichtet.“

In Zwangsarbeit mussten die politischen Häftlinge Hülsen für die Reichsbahn produzieren. Wer sich widersetzte, kam in Einzelhaft in eine Zelle mit Betonboden, einem Hocker. Das Bett wurde nur nachts heruntergeklappt. Von Gottschalck saß dort zweimal 18 Tage.

1984 kam er über einen Gefangenenfreikauf in den Westen. Als der Bus die Grenze bei Herleshausen passierte, legte der Fahrer merkwürdigerweise das Lied „Jenseits von Eden“ auf. In der Stasi-Haft hat der Gepeinigte den für ihn zuständigen „Vernehmer Nummer 13“ einmal gefragt, ob sich dieser bewusst sei, wie viele Jahre er Menschen geraubt habe, „Leben, das nicht gelebt werden konnte“. Er bekam keine Antwort. Und wer ihn damals verraten hat, weiß Roland von Gottschalck bis heute nicht.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare