Suppennudeln am Marstall

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Der 77-jährige Glasermeister Günter Jacob rekonstruiert die Hanauer Altstadt anhand von historischen Fotos und Plänen.

Hanau ‐ Die Fassade des Gasthofs „Zum großen Kurfürsten“ wurde zweimal geändert. Erst blieb sie glatt, weil es keine Informationen darüber gab. Dann berichtete ein Zeitzeuge von einem Torhaus. Von Christian Spindler

Also schnitt Günter Jacob das Tor mit kleinen Werkzeugen in die Sperrholzfassade: rechteckig. Dann taucht eine historische Postkarte auf, die einen Rundbogen zeigt. Es wurde nochmals nachgebessert. „Ich setze alle verfügbaren Informationen um“, sagt der 77-Jährige. Alles soll so sein, wie es war, nur eben kleiner.

Man mag den Glasermeister detailverliebt nennen oder gar einen Besessenen. Vielleicht ist der freundliche Mann das tatsächlich, auch wenn er sagt: „Es ist nur ein Hobby.“ Eines freilich, das etwas Einzigartiges gezeitigt hat, etwas, das anmutet wie ein Lebenswerk, ein Vermächtnis.

Mehr Eindrücke vom Hanauer Modell:

Hanau als Modell, wie es früher war

Was Günter Jacob geschaffen hat, lässt einen aus dem Staunen und der Bewunderung nicht mehr herauskommen. Auf rund 14 Quadratmetern hat er die Hanauer Altstadt nachgebaut, so wie sie ausgesehen hat bevor die Bomben fielen. Zwölf Jahre alt war Günter Jacob damals im März 1945.

Angefangen hat alles vor 13 Jahren. Jacob, der mit fünf Geschwistern in der Altstadt hinter der Marienkirche aufwuchs, wollte für seine Kinder eine Zeichnung seines heute nicht mehr existierenden Elternhauses anfertigen. Es wurde ein richtiges Modell daraus. Und weil es in Bezug zur Kirche stehen

sollte, wollte Jacob auch das Gotteshaus nachbauen. „Aber das war mir damals zu schwierig.“ Also machte er sich daran, das Deutsche Goldschmiedehaus anzufertigen. Alles im Maßstab 1:87 wie er auch im Modelleisenbahnbau verwendet wird. Jeden Fachwerkbalken bildete er nach, jede Gaube, jede Eingangsstufe - stundenlang, tagelang, wochenlang.

Es kamen im Laufe der Jahre viele weitere Gebäude dazu. Klar, auch die Marienkirche, und der Milchladen, in dem die Jacobs damals einkauften, die Johanneskirche, unzählige Wohnhäuser, Läden, Gasthöfe, letztes Jahr auch das Hanauer Schloss. Zu etwa vier Fünfteln ist das Altstadt-Modell fertig, das in einem großen Raum im Hinterhaus an der Jahnstraße steht, wo die Jacobs wohnen.

Manches löst er äußerst pfiffig

Man mag sich kaum sattsehen an der Miniatur-Stadt, die ihr Erbauer mit einem langen Zeigestab erläutert. Etwa den kleinen Brunnen, für dessen Nachbau er unter anderem ein Stück Kupferrohr, Blindnieten und sogar Pailletten von einem Fastnachtskostüm verwendet hat, ehe er allem eine Sandsteinoptik verlieh. „Jedes technische Problem beim Nach-

bau ist eine Herausforderung“, sagt Jacob und deutet auf eine Kirchturmhaube. Manches löst er äußerst pfiffig. So etwa beim Schriftzug „Stadthalle“ am früheren Marstall des Schlosses. Dafür hat er Buchstabensuppe verwendet, weil die Mini-Lettern per Hand kaum herstellbar sind.

Vor sechs Jahren hatte Günter Jacob sein Modell einmal im Goldschmiedehaus öffentlich ausgestellt. Knapp zwei Quadratmeter maß es damals. Seither ist es gewaltig gewachsen. Jeden Tag ist der 77-Jährige in seiner kleinen Werkstatt zugange, „maximal drei Stunden.“ Denn die Filigranarbeit ist auch anstrengend, „da bekommt man mal einen Krampf im Finger.“

Derzeit steht auf der Werkbank der hölzerne Rohbau für drei Gebäude aus der Metzgerstraße. An der Wand hängt der riesige Ausschnitt eines historischen Stadtplans, davor liegt ein halbes Dutzend alter Fotografien. Das sind die Vorlagen, mit denen Günter Jacob die historischen Gebäude rekonstruiert. „Ohne diese drei Menschen wäre das nicht möglich“, sagt er in dem Raum, wo das Modell steht, und zeigt auf Fotos von Dr. Heinrich Bott, Franz Weber und Elisabeth Schmincke. Vom Historiker Bott stammt der 1905 angefertigte Plan der Altstadt; Franz Weber, Begründer und Leiter der Stadtbildstelle, und seine Mitarbeiterin haben unzählige Fotografien der Altstadt aus der Zeit vor der Zerstörung hinterlassen. Beides ist Grundlage für die mühevolle Modell-Rekonstruktion dessen, was es in realiter seit 64 Jahren nicht mehr gibt.

Bei seiner Arbeit ist der Glasermeister, der ab und an noch im Familienbetrieb mithilft, nicht nur äußerst akribisch, sondern auch findig. Die Ziegel der Altstadtdächer hat er fotografisch reproduziert und bringt sie in kleinen, farblich abgestimmten Abschnitten auf. Turm- und Dachhauben fräst, feilt und leimt er aus Profilleisten, Sandsteinquader reproduziert er mit Tonpapier. Jakob: „Es ist das Reizvolle für mich, darüber nachzudenken, wie ich was mache.“

Auch OB Claus Kaminsky war schon da

Während er die Gebäude anfangs in Hohlbauweise fertigte, modelliert er den Korpus mittlerweile aus Vollholz, Dächer und Fassaden werden dann aufwendig hinzugefügt. Allein für die Fassaden aus dünnem Sperrholz mit Fachwerk, Glasscheiben und Gesimsen sind sechs Arbeitsgänge notwendig. Und die kleinen Dachrinnen werden exakt aus feinstem Kupferblech gebogen.

Hin und wieder hat Günter Jacob Besuch in seinem Ausstellungsraum, wo er auch eine Diaschau über den Bau „seiner“ Altstadt zeigt. Selbst Oberbürgermeister Claus Kaminsky, Vertreter des Geschichtsvereins oder das Präsidium der TG Hanau waren schon hier.

Aus dem Rathaus kam bereits die Idee, das beeindruckende große Altstadt-Modell an prominenter Stelle dauerhaft öffentlich auszustellen, möglicherweise in der neuen Stadtbibliothek. Der Aufwand dafür wäre allerdings enorm, meint Jacob. Viele Modell-Gebäude müssten komplett auseinander und wieder zusammengebaut werden. „Das letzte Wort ist darüber noch nicht gesprochen“, sagt Günter Jakob, der weit über 6000 Arbeitsstunden in das Modell gesteckt hat und die Bauweise derzeit auch schriftlich dokumentiert.

Und schließlich liegt ja auch noch eine Menge Arbeit vor ihm, bis die Hanauer Modell-Altstadt komplett fertig ist. „Drei bis vier Jahre“, so schätzt der rüstige „Altstadt-Baumeister“, wird das wohl noch dauern. „Was da an Arbeit drin steckt, kann kaum jemand ermessen.“

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