„Teilhabe für jeden Einzelnen“

Behindertenwerk Main-Kinzig setzt sich für eine Gesellschaft ein, die niemanden ausgrenzt. Führungsstruktur geändert.

Hanau/Main-Kinzig-Kreis (did) - Bewährter Verein, neue Struktur: Beim Behindertenwerk Main-Kinzig (BWMK) ist eine neue Satzung in Kraft getreten, die die Vorstandsebene des Vereins neu ordnet.

Künftig obliegt das operative Geschäft dem geschäftsführenden Vorstand, während ein Verwaltungsrat die Aufsichtsfunktion ausübt. Im Interview äußern sich die frisch gewählte Verwaltungsratsvorsitzende Doris Peter und Vorstandsvorsitzender Martin Berg über gegenwärtige Aufgaben und künftige Herausforderungen.

Wie beschreiben Sie das BWMK mit wenigen Sätzen?

Doris Peter: Es ist ein gut geführtes Unternehmen mit großer Sozialkompetenz und Innovationsfreude und daher ein stabiler und verlässlicher Partner für Menschen mit Behinderung. Was 1974 von einer Elterninitiative der Lebenshilfe-Vereine gegründet wurde, hat sich heute zu einem komplexen Sozialunternehmen mit vielfältiger Vernetzung entwickelt. Die Veränderung der Unternehmensstruktur ist eine logische Folge.

Warum ist die neue Unternehmensstruktur notwendig?

Martin Berg: Sie bringt eine Entlastung für die bislang ehrenamtlich tätigen Vorstandsmitglieder. Nun haben wir eine deutliche Trennung zwischen den handelnden Personen und denjenigen, welche die Aufsichtsfunktion ausüben. Eines der wesentlichen Ziele ist es nach wie vor, dass der Lebenshilfe-Gedanke in die Arbeit einfließt und sich Eltern einbringen können. Das BWMK hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt – rechnet man die Tochterfirmen hinzu, beschäftigen wir rund 1000 Mitarbeiter. Ein Sozialunternehmen dieser Größenordnung braucht eine zeitgemäße Führungsstruktur.

Wo liegen die Vorteile der Trennung in hauptamtlichen Vorstand und Verwaltungsrat?

Martin Berg: Wir haben festgelegt, dass die handelnden Personen im operativen Geschäft in der Verpflichtung stehen – das ist nun innerhalb des BWMK als auch für die Öffentlichkeit klar erkennbar. Der Verwaltungsrat führt den Willen der Mitgliederversammlung aus, indem er den Vorstand bestellt, ihn berät und überwacht. In den vergangenen Jahren haben wir viele Vorstandssitzungen anberaumt, um die Menschen, die etwas weiter vom Tagesgeschäft entfernt sind, umfassend zu informieren. Durch die neue Struktur haben wir eine klare Aufgabenregelung.

Doris Peter: Die Entscheidungswege werden dadurch kürzer. Auf diese Weise bleibt mir mehr Zeit für die Basisarbeit vor Ort – als Vorsitzende der Lebenshilfe Hanau.

Was ist Ihnen in Ihrer Funktion als Verwaltungsratsvorsitzende besonders wichtig?

Doris Peter: Dass die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Vorstand zum Wohle des Unternehmens und der Menschen weitergeführt wird.

Was ist Ihnen in Ihrer Funktion als Vorstandsvorsitzender besonders wichtig?

Martin Berg: Wichtig ist mir eine gute Informationspolitik: Die Lebenshilfe-Vereine und Interessenvertreter sollen ernst genommen und in die Arbeit eingebunden werden. Wir verstehen uns als Elternverein – und betreiben entsprechend Lobbyarbeit. Zum Beispiel, wenn es um das Thema inklusive Schule geht. Wir möchten das Interesse der Eltern wahren und entsprechende Angebote schaffen.

Wo liegen gegenwärtig die Hauptaufgaben im BWMK?

Doris Peter: Herausforderungen gibt es viele – zum Beispiel in der Gestaltung von Angeboten für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf, die mir sehr am Herzen liegen. Wie müssen sich unsere Tagesförderstätten weiterentwickeln, um Menschen mit schweren und mehrfachen Behinderungen gerecht zu werden? Hier geht es nicht nur um die Frage der räumlichen Erweiterung, sondern auch um Konzepte zur Bildung, Förderung und Begleitung. Auch für die wachsende Zahl älterer Menschen mit Behinderungen müssen bedarfsgerechte Angebote entwickelt werden. Flexible Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche sind ein weiteres Thema – durch das Schwanennest hat das BWMK ein gutes Angebot in Hanau geschaffen, aber auch hier sind immer wieder neue Ideen und Konzepte gefragt.

Martin Berg: Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, bedarfsorientiert zu handeln. Unterstützung darf nicht allein an Orte oder Einrichtungen gebunden sein, sondern soll den Menschen dort zuteil werden, wo sie nötig ist. Ambulante Sozialarbeit voranzutreiben ist ein schwieriges Unterfangen – dieser Herausforderung müssen wir uns stellen. Gleichwohl sehen wir es als unsere Verantwortung an, keine Gleichmacherei zu betreiben. Menschen sind unterschiedlich, daher gestalten wir unsere Angebote so, dass sie dem Einzelnen möglichst gerecht werden. Bei aller Begeisterung für Inklusion – wir wollen als Sozialunternehmen darauf aufmerksam machen, dass es Besonderheiten gibt, für die auch besondere Hilfestellungen notwendig sind.

Gibt es schon konkrete Pläne für neue Angebote?

Martin Berg: Bildung und Qualifizierung gehören seit Jahren zu den zentralen Themen des BWMK. Wir werden das ehemalige Gelände des Deutschen Roten Kreuzes in Hanau-Lamboy übernehmen, um dort ein zentrales Bildungszentrum für Werkstattbeschäftigte einzurichten. Außerdem bauen wir kreisweit das Angebot des betreuten Wohnens aus, damit mehr Menschen mit Behinderung in den eigenen vier Wänden leben können, wenn sie das wünschen.

Welche Gedanken verbinden Sie mit dem BWMK 2020?

Doris Peter: Mehr personenzentrierte, ambulante Angebote. Wir werden Menschen in die inklusive Gesellschaft begleiten – mit dem Schutz, den jeder Einzelne braucht. Wir werden weiterhin politisch Position beziehen und unser gesellschaftliches Netzwerk ausbauen.

Martin Berg: Vor 50 Jahren begann die Entwicklung, Menschen mit Behinderung die Chance auf mehr Selbstständigkeit außerhalb der Familie zu geben. Seinerzeit wurden Sondereinrichtungen geschaffen. Heute gibt es die Vision, dass jeder Mensch in seinem selbst gewählten Umfeld leben kann – mit der Unterstützung, die er braucht. Wir möchten mit unserer Arbeit dazu beitragen, dass die Gesellschaft menschliche Besonderheiten nicht als Anlass zur Ausgrenzung sieht, sondern dass eines Tages jeder Einzelne mit seinen Besonderheiten an der Gemeinschaft teilhaben kann.

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