Tatort des Anschlags

Aus der „Midnight“-Bar wird das „#“: Lennard Otto und Zülfikar Cosguner gehen neue Wege

Bei dem Terroranschlag von Hanau starben neun Menschen. Darunter auch der Besitzer der "Midnight"-Bar am Hanauer Heumarkt. Nun wird die Shisha-Bar unter neuem Namen wiedereröffnet.

  • Lennard Otto und Zülfikar Cosguner eröffnen Shisha-Bar in Hanau
  • "Midnight"-Bar war einer der Tatorte des Terroranschlags in Hanau
  • Bei dem Anschlag starb Sedat Gürbüz, der Besitzer der Bar

Als Lennard Otto und sein Freund Zülfikar Cosguner im April das erste Mal die Tür der „Midnight“-Bar am Hanauer Heumarkt öffnen, ist alles noch so wie am Abend des 19. Februar. Shishas und Gläser stehen auf den Tischen, einige sind zur Seite geschoben, weil Menschen in Panik in die Hinterräume geflüchtet sind. An zwei Wänden finden sich Einschusslöcher; auf dem Boden Blut. „Man hat die Angst gespürt“, sagt Lennard Otto über diesen Moment. 

"Midnight"-Bar-Besitzer Sedat Gürbüz wurde am 19. Februar von dem Attentäter getötet

Ein 43-jährige Hanauer war am 19. Februar erst in die nebenan liegende Bar „La Votre“ und danach in die „Midnight“-Bar gestürmt. Er betritt sie nicht, feuert – in der geöffneten Tür stehend – drei Schüsse ab. Zwei treffen die Wände rechts und links, der dritte trifft Sedat Gürbüz, den Besitzer der Bar. Der 29-Jährige, der für und in seinem Laden gelebt hat, stirbt hier wenig später. Der Attentäter rennt weiter, steigt in seinen Wagen und fährt zum Kurt-Schumacher-Platz. 

Sie wollen dafür sorgen, dass die Erinnerungen an die alte „Midnight“-Bar zwar nicht vergessen werden, aber dass der Ort mit neuem Namen und neuer Ausstattung wieder zu einem gerne besuchten Platz des Miteinanders wird: Lennard Otto und Zülfikar Cosguner (rechts).

Sedat Gürbüz ist eines von neun Opfern, die der rassistisch motivierte Täter an diesem Abend erschießt, bevor er erst seine Mutter und danach sich selbst richtet. „Trotzdem“, sagt Lennard Otto mit Nachdruck und es klingt wie ein Muss, wollen sie hier wieder eine Shisha-Bar eröffnen. „Wir wollen nicht klein beigeben“, sagt er 34-Jährige. „Das war ein Ort der Freude und Gemeinschaft und so ein Ort soll es auch wieder werden.“ 

Der Innenraum der Hanauer "Midnight"-Bar hat sich optisch stark verändert

Ein ganzes Bündel guter Ideen: Mit Redakteurin Yvonne Backhaus-Arnold sprechen die neuen Betreiber über ihre Vorstellungen.

Auch wenn die Räume gerade noch mehr Baustelle als Bar sind, haben Otto, der die Räume angemietet hat, und sein Geschäftspartner Cosguner schon einiges geschafft. Nur Theke, Ab- und Zuluftanlage sowie Kühlschrank haben sie übernommen, die Möbel sind neu, die Farbe an den Wänden nicht mehr Grau, sondern Smaragdgrün. Den Steinen zwischendrin haben sie einen goldenen Anstrich verpasst. Und der Schriftzug „Midnight“-Bar auf dem Schild an der Fassade ist auch schon weg – zumindest zur Hälfte. Genauso wie die schwarze Folie, mit der die Fensterfront fast komplett zugeklebt war. „Wir wollen mehr Licht, eine offene Atmosphäre, Mandalas statt schwarzer Folie an den Fenstern“, beschreibt Otto. 

Die "Midnight"-Bar in Hanau soll künftig den Namen "#" tragen

Cosguner, der die Shisha-Bar künftig leiten wird, nickt. Auf seinem Handy zeigt er das neue Logo: ein Hashtag-Zeichen, also die Raute oder das Doppelkreuz, das einem Wort oder einer Wortkette vorangestellt wird und der Kommunikation innerhalb von sozialen Netzwerken, wie Twitter, Facebook oder Instagram dient. Vor zwei Wochen haben sie die #-Bar ins Handelsregister eintragen lassen, Anfang Juli wollen sie eröffnen. 

Lokal Hanau, Neue Besitzer alte Midnightbar

An der Außenfassade und im Inneren wird sich das Zeichen finden – Rot auf dunklem Untergrund. „Wir hatten verschiedene Wörter hinter dem Hashtag; stehtzusammen, gegenrassismus, füreinander, aber weil jeder etwas anderes mit diesem Ort und der Tat verbindet, haben wir uns entschieden, nur das Symbol zu verwenden“, erklärt Lennard Otto. 

Die neuen Betreiber der Hanauer "Midnight"-Bar hatten sich fachkundige Unterstützung geholt

Der 34-Jährige kommt aus Frankfurt, lebt heute mit seiner Frau und seinem dreijährigen Sohn in Neuberg. Ottos Eltern hatten jahrelang ein Restaurant in der Mainmetropole. Ihr Sohn hat Facility Management in Friedberg studiert und vor einigen Jahren eine kleine Baufirma in der Schweiz übernommen. Schwerpunkt: Sanierung im Außenbereich. Konjunktur ist von März bis Oktober, dann ist Otto unter der Woche in der Schweiz. Zudem betreibt er Tipico, ein Büro für Sportwetten an der Lamboystraße. Und jetzt die Shisha-Bar am Heumarkt? 

Um das Ganze auf die Beine zu stellen, hat er sich mit Zülfikar Cosguner einen Fachmann ins Boot geholt. Der 29-jährige Sachsenhäuser war Profi bei Darmstadt 98, hat in der Regionalliga und der A-Jugend als Mittelstürmer gekickt, sich verletzt und „dann irgendwie auf die falschen Leute gehört“, sagt er und lacht. Mit 23 springt er ins kalte Wasser und eröffnet die Shisha-Bar „La Classe“ in Frankfurt, die vier Jahre bis 2018 geöffnet ist. „Die Mietverträge für das Haus wurden gekündigt“, erklärt Cosguner das Aus. 

Ein stiller Investor unterstützt die Wiedereröffnung der Hanauer "Midnight"-Bar unter neuem Namen

Das Trio, das in Hanau an den Start geht, wird von einem stillen Investor komplettiert. Otto und Cosguner, die beide leidenschaftlich gern Wasserpfeife rauchen, sind seit vielen Jahren Freunde, treffen sich regelmäßig – am liebsten in Shisha-Bars. Und so kannten sie auch Sedat Gürbüz, den Geschäftsleiter der „Midnight“-Bar, waren ab und an selbst am Heumarkt zu Gast. 

Die neue Shisha-Bar soll wie die alte 23 Stunden geöffnet sein. Gäste müssen 18 Jahre alt sein, so sieht es die Gesetzgebung vor. Offen und transparent – so soll die neue Shisha-Bar sein und sieht der Neuberger das gesamte Projekt. Vergangene Woche standen er und seine Frau gemeinsam mit den Angehörigen am Brüder-Grimm-Denkmal, um an der Mahnwache teilzunehmen. „Wir haben das Institut und die Initiative über unsere Wiedereröffnungspläne informiert“, erzählt der 34-Jährige. Er weiß um die Sensibilität des Themas, sagt „ich will niemandem auf die Füße treten“. 

Die Familie des getöteten Besitzers der Hanauer "Midnight"-Bar gab ihren Segen

Und so hat er den Segen bekommen von Sedat Gürbüz’ Familie. Sie wünschen sich, dass ein Foto ihres Sohnes im „#“ aufgehängt wird. Welches Bild das sein und wo es hängen wird, entscheiden die Angehörigen, so Otto. Diese Woche sollen die Bilder, Blumen und Kerzen nach nebenan ziehen - die Familien haben ihr Einverständnis erteilt.Das Institut für Toleranz und Zivilcourage – 19. Februar Hanau e.V. ist als Besitzer des „La Votre“ im Gespräch. Der Verein will die Bar nicht wieder aufmachen, unterstützt aber die Idee des Vereins, hier beispielsweise einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Mutig seid ihr, haben manche gesagt – nicht nur wegen des Ortes und seiner Geschichte und der Angst, die mitschwingt, sondern auch wegen der Corona-Pandemie und ihren Folgen für das öffentliche Leben. 

Die Erinnerung an den Betreiber der „Midnight“-Bar, Sedat Gürbüz, der am 19. Februar starb, soll im „#“ lebendig gehalten werden.

Sechs Monate haben sich die beiden jungen Macher gegeben - dann wollen sie schauen, ob ihre Idee ankommt, sich das Geschäft rechnet, man im kommenden Jahr vielleicht sogar über einen Außenbereich nachdenken kann. So oder so erfüllen sich Lennard Otto und Zülfikar Cosguner mit der Sisha-Bar „#“ einen Traum. Sedat Gürbüz hat für den Laden gelebt. Es würde ihn sicher freuen, dass hier auch künftig Wasserpfeife geraucht wird – gut gelaunt und in Gemeinschaft.

Im Andenken an die Getöteten engagiert sich auch das Institut für Toleranz und Zivilcourage – 19. Februar Hanau e.V..

Quelle: Hanauer Anzeiger

Rubriklistenbild: © Patrick Scheiber

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