Theatergruppe Herrmann mit „Das Böse unter der Sonne“ im Amphitheater

Theatergruppe Herrmann spielt „Das Böse unter der Sonne" im Amphitheater Hanau

Die Theatergruppe Herrmann auf der Bühne des Amphitheaters Hanau.
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Frauen in Männerkostüm – Die Mitglieder der Theatergruppe Herrmann sind rein weiblich, weshalb auch die männlichen Rollen im Stück von Frauen dargestellt werden.

Hanau – Miss Marple ist eine gemütliche ältere Dame, aber wenn sie loslegt, dann zittern die Ganoven. Mit ihrer scheinbaren Biederkeit und ihrem „gesunden Hausfrauenverstand“ löst sie die kniffligsten Fälle für Scotland Yard.

Das Telefon klingelt, selbstverständlich ein hypermodernes mit Wählscheibe und ganz in Schwarz, und schon ist sie mitten drin im neuesten Thriller um Juwelenklau und Mord. Die Zuschauer im ausverkauften Amphitheater – man spürt sofort, es ist Corona, stehen da doch nur 100 Stühle weit verteilt im Halbrund vor der Bühne – lehnen sich zurück und lauschen atemlos: wer ist denn nun der Mörder? Natürlich nicht der Gärtner, der ist es immer nur im Fernsehen. Auf den Brettern die die Welt bedeuten, stehen vor der Kulisse der palmenumsäumten Treppe des Bühnenbildes die Damen der Hanauer Theatergruppe Herrmann und spielen einen Agatha-Christie-Klassiker: „Das Böse unter der Sonne“. Und nicht „Der Böse“, denn obwohl es am Ende ein scheinbarer Gentleman ist, der die verruchte Diva Arlena hinterrücks meuchelt, spielen ausschließlich Frauen die Helden und krummen Hunde.

Brigitte Kucharzewskis Truppe Herrmann ist eine rein weibliche Laientheatergruppe, die am Montagabend im Amphitheater mit ihrer neuesten Produktion Premiere feiert und sich in Pandemiezeiten an ein Stück gewagt hat, das im Roman wie in seiner Verfilmung nur einen Helden kennt, und zwar einen männlichen: den Superdetektiven Hercule Poirot alias Sir Peter Ustinov.

Aber Kucharzewski als Leiterin und Regisseurin wäre nicht Kucharzewski, und ihre Damen nicht bekannt dafür, dass sie auch die herbsten Kerle spielen können, wenn sich das Ganze nicht auch völlig feminin durchziehen ließe. Und so ermittelt kurzerhand eben die andere Lichtgestalt Agatha Christies: Miss Marple statt Monsieur Poirot. Die Handlung erzählt sich eigentlich trotz Längen kurz. Eine illustre Gesellschaft findet sich im Inselhotel „Daphne’s Castle“ ein, nachdem ein ominöser Diamantenraub die Welt in Atem hielt. Die alternde Diva Arlena Marshall, herrlich lasziv gespielt von einer wienerlnden Uschi Baade, schmeißt sich an den Hals von Patrick Redfern (Svetlana Ackermann), dem das nicht allzu unangenehm scheint

Dessen Frau Christine, blässlich und verletzlich verkörpert von Katja Leißner, schleicht sich unauffällig durch die Szenen und entpuppt sich erst am Ende als Gangsterbraut. Die Diva muss dran glauben, Redfern hat sie kalt erdrosselt. Doch das sieht und weiß man zunächst nicht, ahnt es aber, der Mord findet hinter einer Klippe statt. Auch seine Komplizin in Gestalt seiner Ehefrau ist nicht das, was sie zu sein vorgibt. Mit Selbstbräuner hat sie alle getäuscht und das tote Double der Arlena vorgegaukelt.

Es geht dabei einzig um den überaus wertvollen Edelstein, den die smarte aber eher biedere Jane Marple (Roswitha Pitz) dem Bösewicht nicht aus der Nase, wohl aber aus der Pfeife zieht. Wie sie das macht, mit ihrer Neugier und Chuzpe die ganze feine Sippschaft auf das reduziert, was sie ist: ein aufgeblasener Haufen mehr oder weniger lächerlicher Charaktere, die jeder für sich „eine Leiche im Keller haben“, macht den Reiz der Geschichte aus. Und Miss Marple ist eben cleverer als der Rest der Welt, keine Frage.

Ebenso zweifelsfrei bietet der klassische Stoff – immerhin hat Christie den Roman 1941 geschrieben – nicht nur Spannung bis zum Schluss, sondern auch einige komödiantische Highlights im Rahmen des britischen Humors. So schießt auch eine Nebenrolle wohl den Vogel ab. Die Stieftochter der Diva, Linda, hält der feinen Gesellschaft mit ihren frechen Bemerkungen quasi den Spiegel vor. Christina Wilcke spielt die Göre erfrischend witzig und derb. Man muss der Truppe um Regisseurin Kucharzewski das Kompliment machen, dass sie auch über die Längen und Hürden des Stückes geschickt navigiert und teilweise richtig spritzige Szenen hinlegt. Die Kos- tüme und Masken sind – wie auch beim Shakespeare-Stück „Was ihr wollt“, das in der vorigen Saison auf dem Spielplan der Laiengruppe stand – exquisit und liebevoll im Detail geschminkt, so manchem „Mann“ (nicht allen) nimmt „man“ seine Rolle auch optisch ab.

Eigentlich sollte „Das Böse an sich“ von den „Herrmännern“ bereits im März Premiere feiern im Olof-Palme-Haus. Doch Corona machte allen Kulturschaffenden und insbesondere Schauspielern und Musikern einen gewaltigen Strich durch die Rechnung, von dem sich bis heute bei Weitem nicht alle erholt haben. Der Montagabend im Amphitheater bot die Gelegenheit, endlich wieder einmal ansprechendes Laientheater auf einer Bühne zu sehen. Leider nur für einen auf 100 Köpfe beschränkten Zuschauerkreis. Doch diese Hundert zollten am Ende Beifall für das Zehnfache.

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