Rassistischer Terroranschlag

Elf Tote nach Schüssen in Hanau: Eine Stadt im Ausnahmezustand

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In Hanau ist in der Nacht zum Donnerstag zum Schauplatz eines rassistischen Terroranschlags geworden. Eindrücke aus einer geschockten Stadt.

In Hanau ist in der Nacht zum Donnerstag zum Schauplatz eines rassistischen Terroranschlags geworden. Eindrücke aus einer geschockten Stadt.

  • Neun Menschen mit Migrationshintergrund in Hanau aus Rassismus erschossen
  • Polizei findet mutmaßlichen Täter in Kesselstadt tot auf, auch Mutter erschossen
  • Den Menschen steht die Bestürzung ins Gesicht geschrieben

Hanau – Zwei Polizisten unterhalten sich an der Absperrung über E-Zigaretten. „Die sind weniger schädlich“, sagt der eine. Man hält sich am Alltäglichen, am Greifbaren fest, wenn man mit dem Unbegreiflichen konfrontiert ist. Hanau ist in der Nacht zum Donnerstag zum Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens geworden. Sicher, die Brüder-Grimm-Stadt hat in den vergangenen zwei Jahren schon häufiger brutale Gewalttaten erleben müssen. Aber ein rechtsextremistisch motivierter Anschlag ist eine ganz andere Dimension. 

Das wird schon am Polizeiaufgebot in der Innenstadt deutlich. Der Heumarkt ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Vor der Midnight Shisha-Bar steht eine Frau in einem weißen Overall, wie ihn die Spurensicherung trägt. An der Fassade der Bar, in der Tobias R. mutmaßlich die ersten Schüsse abfeuerte, ist ein Einschussloch markiert. Beamte in Zivil unterhalten sich mit ihren uniformierten Kollegen. Es ist eine unwirkliche Szene, wie man sie sonst nur aus Filmen oder den Nachrichten kennt.

Schüsse in Hanau: Neun Menschen mit Migrationshintergrund erschossen

Jetzt ist Hanau selbst zur Nachricht geworden. Ein solches Medieninteresse hat die Stadt noch nicht erlebt. An den Absperrungen stehen Kamerateams – Hessischer Rundfunk, ZDF, Deutsche Welle. Aber auch zahlreiche ausländische Sender haben ihre Reporter geschickt. Die Moderatoren, die in Live-Schalten Bericht erstatten, sprechen englisch, französisch und türkisch. 

Neun Tote, alle mit Migrationshintergrund, das ist eine Meldung, weit über Deutschland hinaus. Christchurch, Halle, Hanau – ein unheilvoller Dreiklang. Künftig wird der Name der Stadt fallen, wenn von Verbrechern eines neuen Typs und ihren Taten die Rede ist. 

Schüsse in Hanau: Mutmaßlicher Täter hinterlässt krudes Manifest

Auch R. hat sich nach allem, was man weiß, im Internet selbst radikalisiert und ein krudes Manifest voller Verschwörungstheorien und Menschenhass hinterlassen. Hinter den Reportern bleiben Passanten stehen, unterhalten sich mit gedämpfter Stimme, und versuchen zu begreifen, was hier geschehen ist. 

An der Ecke zur Krämerstraße haben Menschen spontan Blumen niedergelegt. „Wahnsinn, oder?“, sagt ein Hanauer zu einem Bekannten. Den Menschen steht die Bestürzung ins Gesicht geschrieben. Gerade auch denen, die einen Migrationshintergrund haben – der Anschlag galt ihnen. 

„Die Leichen sind noch im Gebäude“, sagt einer der Kameramänner auf die Frage, worauf man noch warte. Pietätvolle Distanz ist nicht das, wofür sie bezahlt werden. Jemand muss die Bilder machen, wenn die Särge rausgetragen werden, sobald die Spurensicherung mit ihrer Arbeit fertig ist. Am Kurt-Schumacher-Platz in Kesselstadt ist die Szenerie die gleiche. Eine junge Reporterin spricht in ihr Handy, das auf einem Dreibein montiert ist. Auch hier wartet eine lange Reihe von Fernsehteams auf Bilder. Doch die Spurensicherung ist noch zugange. 

Hanau: Schüsse bei Shisha-Bar krachten laut wie Silvesterböller

Die Polizisten, die den Platz bewachen, werden von Kollegen mit Kaffee beliefert. Auch diese Szene wirkt im Lichte der Ereignisse geradezu absurd alltäglich. Das Arena Bar & Café, ein Kiosk mit angeschlossener Shisha-Bar, dürfte ein beliebter Treffpunkt in der Weststadt gewesen sein. Die Schüsse, das zeigen die Videos, die noch in der Nacht von Anwohnern bei Twitter hochgeladen wurden, krachten laut wie Silvesterböller zwischen den Hochhäusern. 

Die Ereignisse dieser Nacht werden noch lange nachhallen. Bei den traumatisierten Familien und Freunden der Opfer, auch bei verunsicherten Bürgen. Aber selbst weit über die Stadtgrenzen hinweg wird man Hanau nun mit einer rechtsterroristischen Bluttat in Verbindung bringen. Und das noch lange, nachdem die letzten Kamerateams abgezogen sind.

Von Sebastian Schilling

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