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TÜV-Skandal in Hanau: Ex-Mitarbeiter gestehen Bestechlichkeit: „War eine eingespielte Sache“

TÜV-Plakette wird auf das Nummernschild geklebt
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Prüfplaketten trotz „erheblicher Mängel“: Für Gefälligkeitsgutachten sollen zwei TÜV-Prüfer die Hand aufgehalten haben.

Korruption beim TÜV Hanau? Ehemalige Sachverständige sollen tausende Euro illegal abkassiert haben. Beim Gerichtsprozess erklärten sie nun ihr „Hanauer System“.

Hanau – Der Prozess um Korruption beim Hanauer TÜV könnte schneller beendet werden als gedacht. Die deutlichen Worte des Vorsitzenden am zweiten Verhandlungstag haben nämlich ihre Wirkung gezeigt. Die beiden ehemaligen TÜV-Prüfer, die sich wegen Bestechlichkeit vor dem Landgericht verantworten müssen, haben Geständnisse abgelegt und einen Einblick in das „Hanauer System“ gegeben. Wohl vor allem deshalb, weil Landgerichtsvizepräsident Dr. Mirko Schulte unmissverständlich klar gemacht hat, dass ohne einen „reinen Tisch“ mit Freiheitsstrafen zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Jahren zu rechen wäre.

So bricht Silvio S., bis Ende 2013 Chef der TÜV-Servicestelle an der Bruchköbeler Landstraße, erstmals sein Schweigen. „Ich räume ein, Gefälligkeitsgutachten ausgestellt zu haben“, lautet eine Passage seiner schriftlichen Erklärung. „Im Gegenzug habe ich dafür Trinkgelder erhalten.“ Auch Blanko-Prüfplaketten räumt er ein.

Ehemaliger Leiter des TÜV Hanau gesteht Bestechlichkeit

Die Scheine habe er erhalten, damit er „nicht so genau hinschaue“. Dass „Bakschisch“ bei Hanauer TÜV in einem deutlich größeren Ausmaß als in den letztlich 100 ermittelten und angeklagten Fällen geflossen ist, räumt S. über seinen Verteidiger ebenfalls ein. Er habe ein „bestehendes System fortgeführt“, behauptet S.: „Das war eine eingespielte Sache.“ Und dann kommt wieder die Rede auf die Kaffeekasse des Hanauer TÜV. Darin seien viele Scheine gelandet. Die Kasse sei „immer gut gefüllt“ gewesen.

Doch nicht nur für „Frühstück“ und „Schnitzeltag“ sei das Geld verwendet worden. Auch in die eigene Tasche habe er gewirtschaftet. Auf 10 000 Euro beziffert er selbst die Summe und ist dann bemüht, die ganze Sache nicht als Kavaliersdelikt erscheinen zu lassen: „Trinkgeld kann man auch als Bestechungsgeld bezeichnen.“

Das „System" habe beim TÜV Hanau schon länger bestanden

Dass das „System“ weitaus länger bestanden haben dürfte, ist an seiner weiteren Aussage ersichtlich: „Wie viele Autos es gewesen sind, kann ich heute nicht mehr sagen – Wegschauen gehörte zum Alltag.“

Andreas W., der beim Prozessauftakt noch in Tränen ausgebrochen war und dann hilflos versucht hatte, seine Taten zu relativieren, hat sich auch noch einmal genau überlegt, was er dem Gericht als Geständnis liefert. Das Geld sei „in die Kaffeekasse und in das eigene Portemonnaie geflossen“.

Bereits 2010 sei er damit beschäftigt gewesen, Autos „ohne Mängel“ zu bescheinigen. Es habe sich um „Mallorquiner“ gehandelt – Fahrzeuge, die angeblich auf Mallorca seien und deshalb nicht auf dem Hof des Hanauer TÜV vorgeführt werden könnten. Am Ende, so W., sei er „froh und erleichtert“ , dass er nun „alles auf den Tisch legen“ könne. Denn am Ende habe er „selbst keine mehr Kraft gehabt, aus diesem System auszusteigen“.

Der Fall: Korrupte TÜV-Prüfer

Bis November 2013: Beim Hanauer TÜV sollen zwei Sachverständige Autos ohne eingehende Untersuchung „durchgewunken“ und dafür die Hand aufgehalten haben. Der TÜV selbst schöpfte Verdacht und brachte eine umfangreiche Ermittlung ins Rollen.

30. Juli 2020: Prozessauftakt vor dem Hanauer Landgericht. Einer der angeklagten TÜV-Prüfer legt ein Teilgeständnis ab.

6. August: Das Gericht berät darüber, das umfangreiche Verfahren abzukürzen.

11. August: Die beiden Angeklagten legen umfassende Geständnisse ab, erste Zeugen werden vernommen.

Der Prozess wird am Dienstag, 18. August, fortgesetzt.

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