Kriminalität

TÜV-Skandal in Hanau: Bestechungsgeld in Schnitzel investiert

Ein TÜV-Prüfer inspiziert ein Auto und sieht sich den Motorraum an
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Kritischer Blick im Dienste der Verkehrssicherheit: Zwei ehemalige TÜV-Prüfer sollen in Hanau weniger oder gar nicht geprüft und dafür Bestechungsgelder kassiert haben. Jetzt stehen sie vor Gericht. (Symbolbild)

Zwei Männer müssen sich vor dem Landgericht Hanau wegen des Vorwurfs der Bestechung verantworten. Beide sollen in einen Skandal beim TÜV verwickelt sein.

Hanau – „Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe.“ Mit tränenerstickter Stimme berichtet der 49-jährige W. der 5. Großen Wirtschaftsstrafkammer am Hanauer Landgericht, was er zwischen 2011 und 2013 im staatlichen Auftrag als Prüfer und Sachverständiger in Diensten des Hanauer TÜV alles falsch gemacht hat. 46 Fälle von Bestechlichkeit lautet der Vorwurf. Bargeld soll für TÜV-Plaketten geflossen sein, obwohl fast alle Karossen „erhebliche Mängel“ gehabt hätten.

Zusammen mit einem 61-Jährigen aus Bruchköbel, der bis November 2013 Chef des TÜV an der Bruchköbeler Landstraße war, sitzt W. auf der Anklagebank. Beide sind nach Bekanntwerden der Vorwürfe fristlos entlassen worden. Der TÜV Hessen hatte selbst den Anfangsverdacht gehegt und Anzeige erstattet. Sein Ex-Chef ist zudem angeklagt, den Untergebenen zu den Straftaten verleitet zu haben.

Hanau: Angeklagte sollen Autos und Lkw schnell und illegal durch den TÜV gebracht haben

Beide Männer, so der Vorwurf von Staatsanwalt Mathias Pleuser, sollen korrupt gewesen sein. Zwei weitere Angeklagte sollen bestochen haben. Ihr Ziel: Personen- und Lastwagen werden schnell und auf illegale Weise mit TÜV-Plaketten ausgestattet.

Die Strafkammer unter Vorsitz von Dr. Mirko Schulte hält bei den beiden Prüfern sogar den Vorwurf der besonders schweren Bestechlichkeit für möglich – ein Verbrechen, das mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe bedroht ist.

Während sein Ex-Chef zunächst schweigt, sagt W. aus. Generell gibt er zu, dass er seinen staatlichen Auftrag, als Sachverständiger die Verkehrssicherheit von Fahrzeugen zu attestieren, nicht so genau genommen hat. Obwohl dies – das betont er immer wieder – nicht seinem Naturell entspreche.

Angeklagte sollen beim TÜV in Hanau Blanko-Gutachten ausgestellt haben

Nach Ansicht von Staatsanwalt Pleuser sollen die beiden TÜV-Prüfer bei bestimmten Kunden überhaupt nicht geprüft, sondern mehrfach Blanko-Gutachten ausgestellt und Plaketten vergeben haben. Dafür, so die Anklage, sollen Scheine zwischen fünf und 50 Euro die Besitzer gewechselt haben. Über die Monate sollen beide dadurch mehrere Tausend Euro eingenommen haben.

Genau an diesem Punkt geht die Aussage von W. in eine andere Richtung. Er gibt zwar zu, dass Blanko-Plaketten ausgegeben worden seien oder die professionellen Fahrzeugvorführer das eine oder andere Mal „einen Schein auf den Schreibtisch gelegt“ hätten.

Doch in die eigene Tasche will W. nichts gesteckt haben. „Das ging alles bei uns in die Kaffeekasse“, sagt er und beschreibt diese als „große Geldtasche einer Bank“. Die habe es schon gegeben, als er 2002 seine Werkstatt in Maintal-Dörnigheim aufgegeben hatte und in den Dienst des TÜV an der Bruchköbeler Landstraße getreten ist.

TÜV-Skandal in Hanau: Ergebnisse der Prüfungen seien nie beeinflusst worden

Die „kleinen Zuwendungen für die Kaffeekasse“ seien angeblich „von oben abgesegnet gewesen“. Niemals, so W., seien die Ergebnisse der Prüfungen durch Geld beeinflusst worden. Er habe dafür weder Geldscheine gefordert noch entgegengenommen. „Das waren nur Gefälligkeiten.“

Der Vorsitzende hakt nach, denn offenbar hat W. in dieser Zeit immer wieder Bares eingezahlt. „Vor der Scheidung hatte ich das Bargeld bei mir daheim – auf Anraten meines Anwalts, damit meine Frau keinen Zugriff darauf hat“, lautet seine Erklärung dazu. Erst nach der offiziellen Trennung habe er das Bargeld dann in kleineren Tranchen auf sein Konto einbezahlt. Auch Mieteinnahmen und der Verkauf des Familienwagens hätten Bares gebracht.

Ob das Gericht ihm das glaubt? Landgerichtsvizepräsident Schulte fragt deutlich: „Stimmen diese Vorwürfe?“ W. weicht aus und bleibt dabei: Das Geld sei nur in die TÜV-Kaffeekasse geflossen. Donnerstags sei das Geld für den „Schnitzeltag“ der Kollegen oder einen Betriebsausflug genutzt worden.

TÜV in Hanau: Qualität habe nicht mehr im Vordergrund gestanden

Entschuldigungen hat W. parat: Die Ehe sei zu diesem Zeitpunkt gescheitert, sein Job immer schwerer geworden, da seine Firma „nicht mehr auf Qualität, sondern nur noch auf Gewinn“ gesetzt habe.

„Wir hatten immer mehr Kunden, mussten immer mehr prüfen. Teilweise zwölf Stunden am Tag.“ Er selbst sei dann „oberflächlich“ geworden, habe sich „dazu hinreißen lassen“, bei den Prüfungen nicht mehr so genau hinzuschauen.

Der Prozess gegen die vier Männer ist auf mehrere Verhandlungstage terminiert und wird am Donnerstag, 6. August, um 9 Uhr fortgesetzt.

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