Prozess in Hanau

Rekordverdächtige Summe als Auflage im Philipp-Prozess

Die Pleite der Herrenkleiderfabrik Philipp ist nach Ansicht des Landgerichts Hanau nicht das Werk von „Heuschrecken“ gewesen.
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Die Pleite der Herrenkleiderfabrik Philipp ist nach Ansicht des Landgerichts Hanau nicht das Werk von „Heuschrecken“ gewesen.

Hanau – Die 5. Große Wirtschaftsstrafkammer am Landgericht Hanau hatte sich zunächst auf einen langwierigen Prozess vorbereitet, um die Pleite der Herrenkleiderfabrik J. Philipp in Hanau-Wilhelmsbad aufzuklären. Bis in den Juli hinein sind die Verhandlungstage terminiert worden (wir berichteten). Überraschend ist jetzt bereits eine Entscheidung getroffen worden – die für die wegen Bankrotts und Insolvenzverschleppung angeklagten vier Männer aus der Berliner Region recht teuer werden könnte.

Und die Richter unter dem Vorsitz von Dr. Mirko Schulte haben neue Erkenntnisse zusammengetragen. Das Quartett aus Kaufleuten und einem Rechtsanwalt, das vor mehr als sechs Jahren an der Pleite des Traditionsunternehmens an der Hochstädter Landstraße beteiligt gewesen war, hat nun zwei Wochen Zeit, um die vom Gericht angeordneten Auflagen zu erfüllen. Dann wird das Verfahren gegen sie eingestellt. Wegen geringer Schuld, wie es die Strafprozessordnung vorsieht.

200 000 Euro für gemeinnützige Zwecke

Die Summe ist rekordverdächtig. Das Bruderpaar F. aus Hoppegarten bei Berlin, das die Hanauer Fabrik übernommen hatte, muss zunächst 1,5 Millionen Euro in den Topf des Philipp-Insolvenzverwalters zahlen. Beide haben zudem die Auflage, nach Weisung des Gerichts jeweils 100 000 Euro an gemeinnützige Zwecke zu zahlen. Kleinere Beträge werden bei Rechtsanwalt S. aus Berlin fällig – er muss 10 000 zahlen. Bei Ex-Geschäftsführer V., der das Unternehmen zuvor geführt hatte, sind es 8000 Euro. Alle vier Angeklagten hatten Angaben gemacht und zugegeben, bei der Pleite Fehler begangen zu haben.

Richter kommen im Prozess um Hanauer Pleite zu ganz neuen Erkenntnissen

Die Wirtschaftsstrafkammer hat in ihrer Einschätzung deutlich gemacht, dass es in diesem Prozess höchstwahrscheinlich keine Freisprüche geben werde. Allerdings bewerten die Richter das Geschehen sehr differenziert, nachdem sie einen riesigen Berg von Zahlenmaterial sowie Gutachter gehört hatten, die sich jedoch nicht eindeutig auf einen Zeitpunkt der Zahlungsunfähigkeit festlegen konnten.

So zähle das Berliner Unternehmen keineswegs zu den wirtschaftlichen „Heuschrecken“ , die florierende Unternehmen kaufen und zerschlagen, um daraus einen riesigen Profit zu holen. Das Gegenteil sei der Fall gewesen. Allen voran hätten die Brüder F. schätzungsweise zehn Millionen Euro in das Hanauer Unternehmen investiert und offenbar tatsächlich am Anfang versucht, die Herrenkleiderfabrik zu sanieren. Unter dem Strich sei es daher ein Minusgeschäft gewesen.

Staatsanwalt: „Leichnam gerettet und dann noch umgelegt“

Daher sind die Richter auch zu der Überzeugung gelangt, dass J. Philipp bereits vor dem Verkauf an das große Unternehmen in Brandenburg in sehr großen finanziellen Schwierigkeiten gesteckt und die Kreditlinien ausgereizt habe. Allerdings hätten die Angeklagten bei der „Beerdigung“ des Unternehmens zumindest fahrlässig gehandelt. Staatsanwalt Mathias Pleuser sieht das genauso und formuliert es drastisch: „Sie haben zunächst einen Leichnam gerettet und diesen dann auch noch umgelegt.“

Weiteres Zivilverfahren um Insolvenz der Hanauer Firma auch in Brandenburg

Die vorläufige Einstellung ist jedoch noch lange nicht das Ende der juristischen Auseinandersetzung um die Kosten der Pleite. So hat der Philipp-Insolvenzverwalter vor dem Landgericht Frankfurt/Oder in einem Zivilverfahren gegen die Brüder in einem Prozess gewonnen. Laut dem Urteil müssen mehr als 3,3 Millionen Euro in die Insolvenzmasse zurückbezahlt werden. Das Brandenburger Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig.

Hauptverdächtiger aus Berliner Gefängnis geflohen

Und vor dem Hanauer Landgericht ist der Fall Philipp ebenfalls noch nicht abgeschlossen, denn es gibt noch einen fünften Angeklagten. Ihm wird Beihilfe zum Bankrott vorgeworfen. Christian F., der von dem Quartett schwer belastet worden ist, soll derjenige gewesen sein, der für die „Firmenbestattung“ letztlich die Verantwortung tragen habe. Wie der HA erfuhr, soll F. bereits in einer anderen Sache in Strafhaft gesessen haben. Ihm ist jedoch die Flucht aus der Justizvollzugsanstalt Berlin-Plötzensee gelungen. Er befindet sich weiter auf der Flucht und wird per Haftbefehl aus Hanau gesucht. (Von Thorsten Becker)

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