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Verdacht der Untreue: Polizei durchsucht „Verein für Toleranz und Zivilcourage“

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Von: Thorsten Becker

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Verdacht der Untreue: Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei haben Ermittlungen gegen den „Verein für Toleranz und Zivilcourage“ eingeleitet.
Verdacht der Untreue: Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei haben Ermittlungen gegen den „Verein für Toleranz und Zivilcourage“ eingeleitet. © Thorsten Becker

Die Staatsanwaltschaft Hanau ermittelt wegen des Verdachts der Untreue gegen den Hanauer „Vereins für Toleranz und Zivilcourage“. Drei Mitglieder werden beschuldigt.

Hanau – Es gehe um den Verdacht, dass finanzielle Mittel des Vereins unberechtigterweise auf Konten Dritter überwiesen worden sind.

Der Besuch kommt sehr früh am Mittwochmorgen. „Die Polizisten haben an der Tür geklopft, ich glaube, es war noch deutlich vor sechs Uhr“, sagt Ferdi Ilkhan. Der 39-Jährige ist Vorsitzender des „Vereins für Toleranz und Zivilcourage“, der nach dem Terroranschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau gegründet worden ist. Zuvor hieß der Verein „19. Februar Hanau“. Dieser Verein ist jedoch nicht zu verwechseln mit der „Initiative 19. Februar Hanau“ mit Sitz am Heumarkt, unmittelbar am ersten Tatort der rassistisch motivierten Morde.

Um 10.22 Uhr kommt dann eine offizielle Erklärung für diese konzertierte morgendliche Aktion. Lisa Pohlmann von der Staatsanwaltschaft Hanau informiert die Öffentlichkeit über den Grund, warum Beamte des Fachkommissariats für Wirtschaftskriminalität schon so früh unterwegs gewesen sind: „Die Hanauer Kriminalpolizei hat mehrere Objekte an insgesamt acht Standorten in Hanau, Rodenbach und Bonn durchsucht“, so die Pressesprecherin der Anklagebehörde.

Anzeige gegen „Verein für Toleranz und Zivilcourage“ aus Hanau

Grund für die Durchsuchungen, die vom Amtsgericht Hanau angeordnet wurden, sei ein Anfangsverdacht der Untreue gegen insgesamt drei Mitglieder des „Vereins für Toleranz und Zivilcourage“. Nach einer Strafanzeige habe die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Staatsanwältin Pohlmann zum konkreten Vorwurf: „Finanzielle Mittel des Vereins sollen unberechtigterweise auf Konten Dritter überwiesen und damit nicht für satzungsmäßige Zwecke verwandt worden sein.“ Die Durchsuchungen hätten dazu gedient, Beweise zu finden, die nun von den Ermittlern ausgewertet werden. Weitere Details zu den Durchsuchungen gibt die Pressesprecherin mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen sowie die Unschuldsvermutung für alle Beschuldigten auf Rückfrage nicht bekannt.

Auf Seiten des Vereins herrscht Gelassenheit. „Da ist nichts dran. Wir wissen das. Wir haben alles dokumentiert“, sagt Selma Yilmaz-Ilkhan, Gründungsmitglied und Vorsitzende der Fraktion Wir sind Hanau und Hanau Bürgerunion (WSH/HBU) in der Stadtverordnetenversammlung. Sie hat ein gutes Wort für die Ermittlungsbehörden: „Die Staatsanwaltschaft macht ihre Arbeit – das ist gut so.“ Sie vermutet, dass aus Missgunst Anzeige gegen den Verein erstattet worden ist.

Staatsanwaltschaft Hanau ermittelt: Vereinsvorsitzender weist Vorwürfe zurück

Ihr Mann Ferdi Ilkhan ist der Vorsitzende des Vereins. Er spricht von einem „freundlichen Besuch durch die Kriminalbeamten. „Sie haben mir den Sachverhalt erklärt und ich habe ihnen die Unterlagen übergeben.“ Weitere Dokumente sollen nachgereicht werden. Ilkan gibt sich überzeugt: „Es wird sich herausstellen, dass an der Sache nichts dran ist.“

Um die eigenen Rechte vertreten zu lassen, sei man gerade dabei, einen Anwalt zu beauftragen. Ob dann eine Anzeige wegen Rufschädigung gestellt wird, sei offen. Offen ist derweil auch, um welche Summen es in diesem Ermittlungsverfahren geht. Staatsanwältin Pohlmann kann mit Blick auf die laufenden Ermittlungen dazu keine Stellungnahme abgeben. Auch Ferdi Ilkahn hält sich bedeckt und nennt keine Zahlen. Für das öffentliche Ansehen des Vereins, der von der Stadt Hanau vorübergehend Räume am Schlossplatz zu Verfügung gestellt bekommen hatte und von zahlreichen Personen und Unternehmen unterstützt wird, ist das ein schwerer Schlag.

„Verein für Toleranz und Zivilcourage“ in Hanau: Preisgeld sollte Angehörigen zukommen

Eine Homepage hat der Verein derzeit nicht, auf Facebook, auf dem er sich als „gemeinnütze Organisation“ ausgibt und sich nach eigenen Angaben „für eine offene Gesellschaft mit Toleranz und Zivilcourage, gegen Rechtsextremismus und Rassismus“ engagiert, wird vor allem an die Opfer des Anschlags erinnert. Ende 2020 hat auch die hessische Landesregierung die Arbeit des Vereins gewürdigt und ihm im Rahmen des Hessischen Integrationspreises mit dem Sonderpreis ausgezeichnet, der mit 5000 Euro dotiert war. Dieses Geld, werde „den Angehörigen der Opfer zukommen“, hieß es dazu.

Zudem hatte der Verein die posthume Ehrung eines der neun Opfer vorgeschlagen. Ministerpräsident Volker Bouffier hatte daraufhin die Medaille für Zivilcourage an die Angehörigen von Vili Viorel Paun überreicht. (Thorsten Becker)

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