Sekten-Prozess

Urteil im Sekten-Prozess: Kammer des Landgericht Hanau hat keinen Zweifel an Mord aus niedrigen Beweggründen

Das Urteil ist verkündet. Ein Mann und eine Frau erheben sich als erste von den hinteren Zuschauerplätzen. Beide sind sportlich-leger gekleidet, ziehen schnell Schutzhandschuhe an und gehen gezielt auf das Podium im Hindemith-Saal des Congress Parks zu. Beide tragen Dienstwaffen – es sind Beamte des Kommissariats 11, der Abteilung für die Aufklärung von Kapitalverbrechen.

Hanau – Vom Podium wird ihnen ein markanter roter Zettel gereicht. Es ist der Haftbefehl, den der Vorsitzende Richter Dr. Peter Graßmück soeben gegen die Sektenanführerin Sylvia D. verkündet hat. Wegen der Schwere der Verurteilung und der Fluchtgefahr, die nicht auszuschließen sei.

Ihr Weg führt nicht zurück zu ihren Anhängern, sondern direkt in die Tiefgarage des CPH zu einem getarnten Polizeifahrzeug, mit dem D. direkt ins Gefängnis eingeliefert wird.

Lebenslange Haft wegen Mordes: Sylvia D. wird vom Schwurgericht schuldig gesprochen.

Es ist der Schlussakt des Prozesses, mit dem sich die 1. Schwurgerichtskammer am Hanauer Landgericht seit Oktober vergangenen Jahres intensiv beschäftigt hat. Und es ist ein eindeutiges Urteil, das die drei Berufsrichter und zwei Schöffen fällen. „Die Angeklagte wird wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt“, verkündet Graßmück um 10.15 Uhr im ehemaligen Saal der Stadthalle, der sogar auf der Empore Platz für das Publikum bietet, das bereits seit 9 Uhr vor dem Eingang gewartet hat.

Kammer des Landgerichts Hanau ist von der Schuld der Angeklagten

Zuschauer und eine große Zahl Medienvertreter werden Zeugen einer der beeindruckendsten Urteilsbegründungen des Hanauer Landgerichts, in der Graßmück sehr detailliert die Beweise würdigt: „Die Kammer ist davon überzeugt, dass Sie den Tod von Jan vorsätzlich verursacht haben.“

Der Vorsitzende skizziert dabei das Martyrium des Vierjährigen, der am 17. August 1988 im Haus der Sektenführerin an der Keplerstraße qualvoll gestorben ist. Bis über den Kopf in einen Leinensack verschnürt. D. hat dazu die Anweisung gegeben. „Sie brauchen gar nicht mit dem Kopf zu schütteln“, sagt Graßmück zur Angeklagten, „Sie wollten den Tod von Jan.“

Das Mordmotiv ist für die Richter ein niedriger Beweggrund: „Der lange Zeit misshandelte Jan war ein Störfaktor in ihrer Gruppierung. Sie haben Ihr eigenes Interesse über die des Kindes gestellt.“

Landgericht Hanau: Vorsitzender Richter äußert Unverständnis

Und der erfahrene Richter wird noch deutlicher: „Es ist vollkommen unbegreiflich, ein völlig harmloses und hilfloses Kind zu töten.“

Bereits ab dem 15. Lebensmonat hätten die Eltern Jan H. in die Obhut von Sylvia D. gegeben. „Da nahm das Schicksal seinen Lauf.“ Die Sektenanführerin habe den Buben mehr und mehr verteufelt, ihn als „Schauaffen“, „Reinkarnation Hitlers“ und „Machtsadisten“ herabgewürdigt. Angeblich sollte der Vierjährige der „dunklen Seite“ angehören.

„Das hat sich immer weiter zugespitzt“, sagt der Vorsitzende, der auf die Tagebucheinträge von D. und ihre angeblichen Träume und „Botschaften von Gott“ verweist, mit denen sich die Kammer seit Monaten beschäftigt hat.

„Das wird dann immer schlimmer“, nennt Graßmück die Gewalt, wie Schläge, Tritte und Ohrfeigen, die das malträtierte Kleinkind erleiden musste, beim Namen.

Richter spricht bei dem Mord in Hanau von einer bewussten Verschleierung

Die Gruppe um D. hat die Ereignisse an diesem Tag vor mehr als 32 Jahren aufgeschrieben. Eiskalte „Protokolle“, in denen minutiös geschildert wird, was angeblich geschehen ist. Für den Richter kaum in Worte zu fassen: „So etwas schreibt eine Mutter wenige Stunden nach dem Tod ihres eigenen Kindes.“ Das Verhalten nach dem Verbrechen wertet der Vorsitzende als eindeutigen Beleg für den Vorsatz. Polizei und Notarzt seien 1988 bewusst von den Mitgliedern der Sekte hinters Licht geführt worden. „Es wurde kaschiert und verschleiert. Sack und Kleidung wurden entsorgt“, und „eine Geschichte erfunden, um den gewaltsamen Tod von Jan zu verschweigen“.

„Die Kammer ist davon überzeugt, dass Sie den Tod von Jan vorsätzlich verursacht haben“: Vorsitzender Richter Dr. Peter Graßmück liefert eine eindrucksvolle Urteilsbegründung.

So sei das leblose Kind absichtlich vom Bad in das Kinderzimmer im ersten Stock des Hauses gelegt worden. D. selbst habe gar nicht befragt werden können. „Sie haben sich im Keller versteckt!“

Die Argumentation, die Anklage stütze sich auf ein Komplott der beiden Söhne sowie ehemaligen Adoptiv- und Pflegekinder, lässt Graßmück nicht gelten. Ganz im Gegenteil: „Wenn jemand gelogen hat, dann waren das Sie und Ihre Gruppe.“ Diese habe bis zum heutigen Tag ein „Lügengeflecht“ aufrechterhalten.

Hanau: Sektenmitglieder seien von der Angeklagten abhängig gewesen

D. habe durch den spirituellen Personenkult eine „willige Anhängerschaft“ um sich geschart, die sie in ein „psychologisches Abhängigkeitsverhältnis“ gebracht habe, gepaart mit „wirtschaftlicher und sogar sexueller Ausbeutung“ der Sektenmitglieder.

Die Ergebenheit der Gruppe habe sogar in einer völlig irrationalen „Flucht vor den Russen“ nach Spanien gegipfelt.

„Es gruselt einen, was da passiert ist“, sagt Graßmück zu den zahlreichen Aussagen der Zeugen, die übereinstimmend von gezielten Misshandlungen und Psychoterror berichtet haben. Kinder wurden weggesperrt und hätten „brutale Gewalt“ erlitten. Die Kammer hat am Ende keinen Zweifel an diesen Aussagen.

Die Ursache des Todes, so die Richter, sei vom Gerichtsmediziner eindeutig festgestellt worden: „Jan ist in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und dann an dem Erbrochenen erstickt.“ Alleine das Verschnüren in einen Sack sei gefährlich gewesen. „Sie sind von Beruf Krankenschwester – die Gefahr war Ihnen bewusst!“ Trotz dieser immensen Gefahr habe D. das schreiende Kind nicht befreit. „Sie haben die Anweisung gegeben. Sie wussten um die Gefahr – und Sie haben trotzdem nichts gemacht.“

Richter äußert auch Kritik an den Eltern des in Hanau ermordeten Jungen

Daher sei das Schwurgericht davon überzeugt, dass D. bereits wusste, dass Jan schon leblos war, als dessen Mutter zurückkehrte. „Sie wussten das und haben die Mutter gezielt abgefangen.“ Daraus sei dann die Geschichte entwickelt worden, dass „Gott Jan geholt“ habe.

Hart ins Gericht geht Graßmück auch mit den Eltern, die völlig emotionslos über den Tod ihres Sohnes ausgesagt haben. Dass der Vater dann noch vor wenigen Wochen eine nachträgliche Temperaturmessung am Haus an der Keplerstraße vorgenommen habe, um dies als angeblichen Entlastungsbeweis einzubringen, bezeichnet der Vorsitzende ebenfalls als „gruselig“.

Oberstaatsanwalt Dominik Mies, der die Anklage ausgearbeitet und seit Oktober 2019 selbst vor der Kammer vertreten hatte, zeigt sich zufrieden mit dem Urteil, denn das Gericht entspricht mit Schuldspruch und Haftbefehl in vollen Umfang seinem Plädoyer.

Die Verteidigung will das Urteil dagegen nicht hinnehmen. „Das Urteil ist nicht in Ordnung. Wir werden in Revision gehen, denn die Kammer hat einige unzutreffende Feststellungen getroffen“, sagt Rechtsanwalt Matthias Seipel.

Den Kommentar zum Urteil finden Sie hier.

Rubriklistenbild: © Mike Bender

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