Viertelmillion für die verstummte Schöne

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In der Orgel-Rehabilitation im Innern der Friedenskirche. Vorhandenes, noch gutes Pfeifenmaterial wurde überarbeitet, neu disponiert und vorintoniert.

Hanau - Es ist auch eine Folge wiedergewonnener deutscher Einheit, dass gewachsene Orgelbauverbindungen zwischen Ost- und Westdeutschland wieder aufleben. Von Reinhold Gries

Traditionsreiche mitteldeutsche Fachfirmen wie die Voigts aus dem sächsisch-brandenburgischen Bad Liebenwerda sind nicht mehr eingesperrt und können ihren Wissensschatz auch in unsere Region tragen.

Geprägt von Orgelexperten wie Händel, Bach oder den Silbermanns sowie Sanierungen berühmter Instrumente in Schloss Weißenfels, Delitzsch oder Schloss Schwarzenberg, demonstrieren sie ihr künstlerisches wie handwerkliches Können nun am Main an der vor Jahresfrist noch ruinierten Orgel der 1903/04 erbauten Friedenskirche in Hanau-Kesselstadt nahe dem Philippsruher Schloss.

Die Orgel kostete 7750 Goldmark

Nach der fast totalen Zerstörung der Hanauer Kernstadt im Zweiten Weltkrieg diente die auf historischem Boden neu entstandene neogotische Kirche im wenig zerstörten Kesselstadt für Jahre als Hanauer Hauptkirche. Nach 1945 hatte sich in den erst 1907 eingemeindeten Fachwerk- und Villenvorort am Main das verwaltungsmäßige, wirtschaftliche und kulturelle Leben Hanaus verlagert, auch das Government der US-Army. In solchen Zeiten war der Wunsch nach guter (Kirchen-)Musik besonders groß, dem die Ratzmann-Orgel Rechnung tragen sollte. Der Gelnhausener Orgelbauer hatte nach 1904 das beachtliche Instrument mit zwei Manualen, Pedal, 22 Registern und pneumatisch gesteuerter Traktur eingebaut. Vom Vorgängerkirchlein auf romanischen und gotischen Fundamenten übernahm er das schöne barocke Orgelprospekt mit fünf Pfeifenfeldern, erweiterte es um weitere. Die Orgel kostete 7750 Goldmark. Die Fa. Ratzmann sorgte auch 1946 für die Generalüberholung, 1954 kam es zum Umbau durch die berühmte Orgelbaufirma Walcker und eine erneute Überholung. 1969 erfolgten Umbauten und Erweiterungen durch Bernhard Schmidt, die sich jedoch nicht positiv auswirkten. Der linksseitige Spieltisch wurde entfernt und durch einen abgesetzten, elektrisch gekoppelten ersetzt, die Anzahl der Register auf 31 erhöht. Der Schwellwerk-Kasten, wichtig für Klang und Modulation, schaute zur Seite statt ins schöne Kirchen  schiff. Neue laute Register waren „außen vor“ und zerrissen das geschlossene Klangbild. Eine direkt vor der Orgel gelegte Fußbodenheizung trocknete hochempfindliches Resonanzholz aus und die Lederbälge hielten den pneumatischen Druck des Windwerks nicht gut aus.

Ludwig Kahl ist einer der Haupt-Aktiven des Renovierungsprojekts.

Vor 20 Jahren war das Kunstwerk endgültig zum Sorgenkind geworden: Die Lederteile der Windladen waren brüchig, die elektrische Traktur, welche das Tasten- und Registerspiel auf die Ventile der Laden übertragen soll, war an vielen Stellen defekt. Neben dem nur noch teilweise brauchbaren Spieltisch pfiffen einige Register auf dem letzten Loch und schöne Restklänge gingen in klappernden und quietschenden Nebengeräuschen beim Spielen und Registrieren unter, begleitet von ungewollt ertönenden Pfeifen. Die Orgel war nicht mehr stimmbar.

Das rief dann auch Martin Hein, Landesbischof von Kurhessen-Waldeck, und den früheren Hanauer OB Hans Martin auf den Plan. Architekt Rainer Bange, der bundesweit bekannter Stimmenimitator, äußerte: „Wenn mit dieser Orgel nichts geschieht, wäre ich betrübt, denn vor 60 Jahren hab ich hier das Orgelspiel geübt.“

„Orgel-Reha“

Doch trotz großen Engagements des Kirchenvorstandes und Orgelbaufördervereins um Pfarrer Merten Rabenau und Förderer Ludwig Kahl dauerte es bis April 2008, bis die verstummte Schöne abgebaut wurde und in die Werkstatt der Orgelbaumeister und Kirchenmusiker Markus und Matthias Voigt in Liebenwerda wanderte. Schließlich kostet die Sanierung eines solchen Wunderwerks eine Viertelmillion Euro. Im Kurort des Elbe-Elster-Kreises wurde von bis zu zehn Orgelbauern, Tischlern und Technikern ganze Arbeit geleistet. In der „Orgel-Reha“ entstanden völlig neue (Schleif-) Wind laden, ein neues Jalousie-Schwellwerk und eine stabile Windmaschine mit zwei großen Holz-Lederbälgen. Zur Verbesserung d er Stimmstabilität und Reinheit der Töne wurde vorhandenes gutes Pfeifenmaterial überarbeitet, neu disponiert und vorintoniert. Der musikalische Quantensprung war die Neueinrichtung einer „hängenden“ mechanischen Traktur. Diese ist zwar elektrisch gesteuert, die Elektropneumatik jedoch verbannt.

Nun sind die vielen Teile in die Friedenskirche zurückgekehrt, etliche Pfeifen sind noch im Kirchenschiff in Reih und Glied ausgelegt. Nach der Entfernung der Fußbodenheizung kann es auf der Orgelempore bei max. 18 Grad Celsius nun schon mal kühler werden, zumal insgesamt behutsamer hochgeheizt wird. (Die Füße des Organisten sollten sowieso beim Tanz auf den Basspedalen warm werden.) Wer die Voigts und ihre Mitarbeiter beim Auf- und Einbau der neuen Orgel in das Gehäuse mit seinen Rokoko-Girlanden und trompetenden Engeln beobachtet, ist fasziniert von der hinter allem stehenden Technik, einer Synthese aus altem Handwerk und innovativem High Tech.

Klare, transparente barocke bis romantische Klangbilder

Projektleiter Stefan Pilz sorgt dafür, dass aus der bis vor kurzem nicht mehr stimmbaren Orgel wieder ein klangvolles Instrument wird.

Die Voigt-Familie hatte 1929 schon ihr beidseitig spielbares Grammophon patentieren lassen, völlig neue „Koppelentlastungssysteme“ entwickelt und zu DDR-Zeiten die ersten elektronischen Sequenzschaltungen in Osteuropa geschaffen. So ist es kein Zufall, dass über den historisch mit Ebenholz belegten Klaviaturtasten ein Digitalanzeiger jeweils eingespeiste Registraturen aufleuchten lässt oder dass sich die Holzlamellen für das Auf- und Abschwellen der Klänge wie von Zauberhand öffnen und schließen. Als Schmankerl gibt es neben dem nun zentral vor das Orgel-Hauptwerk gesetzten Spieltisch einen „Interface“-Anschluss mit „MIDI-In-Schnittstelle“, der das Bespielen der Orgel auch von einem ins Kirchenschiff abgesetzten transportablen Hilfsspieltisch ermöglicht. Aber entscheidend ist, was aus den Schallöffnungen herauskommt. Dazu Mar kus Voigt: „Ich strebe ein klares, transparentes Klangbild an mit schönen Obertönen und satten Bässen. Da geht dann von Bach bis Reger alles. Wir stehen damit in der kreativen mitteldeutschen Orgelbautradition. Da geht es um klare, transparente barocke bis romantische Klangbilder ohne schwulstigen Klangbrei“. Jetzt schon ist beim Anschauen des unvollständigen Orgelwunderwerks und beim Hören erster, sehr runder Klänge das Wort von der „Königin der Instrumente“ nicht übertrieben. Bis zum Bestaunen des Subbasses, des Choralbasses und der Posaune im Pedalwerk, des Borduns sowie der Blockflötenklänge und Trompeten im Hauptwerk oder auch der Geigenprinzipal-, Dulcian- und Oboenregister im Schwellwerk ist es nicht mehr lange hin.

Am 28. Februar um 15 Uhr, passend zum Jubiläum „950 Jahre Kesselstadt“, werden geladene Gäste und Landesbischof Hein zur feierlichen Einweihung das Kunstwerk in Augenschein nehmen und hören, was Dieter Voigt, der Seniorchef der Liebenwerdaer Orgelfamilie, darauf spielt. Die Kirchengemeinde plant, mit einer neuen Orgel- und Kirchenmusikreihe ihr Gotteshaus mit der mitteldeutschen Orgel wieder zum Wallfahrtsort der Kirchenmusikfreunde zu machen.

Fakten zur neuen Orgel

Die neue Orgel in der Friedenskirche von 2008/09 hat

  • ein Haupt-, Schwell- und Pedalwerk
  • einen 2-manualigen Spieltisch
  • zwei Windwerke und Schleifladen
  • 25 Registerreihen zu 56 Pfeifen, dazu noch 30 mal 5 Pfeifen von Ratzmann, Walcker und Voigt
  • eine hängende, mechanische Traktur
  • einen Interface-Anschluss für einen externen Spieltisch
  • ein restauriertes Orgelprospekt von ca. 1770 mit landgräflichem Wappen, Kosten: 240000 Euro

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