Erinnerung an Reinhold Ewald

Virtuoser Chronist des modernen Lebens

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2017 feiert das im Schloss Philippsruhe untergebrachte Historische Museum Hanau sein 50-jähriges Bestehen.

Hanau/Frankfurt - Eine umfassende Doppelausstellung zu Reinhold Ewald (1890-1974) zeigen das Museum Giersch der Universität Frankfurt und Hanaus Museum Schloss Philippsruhe. 300 zum Teil nie gezeigte Exponate erinnern an den Universalkünstler aus Hanau. Von Reinhold Gries

Dafür, dass Ewald trotzdem manchem als Randerscheinung gilt, gibt es Gründe. Als Lehrer an Hanaus Zeichenakademie und ab 1946 auch vom Wohnatelier in der Wilhelmsbader Parkruine aus schickte er jedenfalls viele kunstverständige Schüler in die Welt. Als „Moderner“ wurde Ewald ab 1933 „entartet“ diffamiert und als Lehrer der Zeichenakademie entlassen. Trotzdem sah er sich zum Eintritt in die NSDAP genötigt. Hin- und hergerissen zwischen Anpassung und innerer Emigration zog sich der Sucher, dessen Werke im Hanauer Haus zerbombt wurden, nach Kriegsende zurück, malte, zeichnete, bildhauerte und entwarf aber bis zum Tode mit Leidenschaft. Vor 1914 und in der Weimarer Zeit stand Ewald stärker in der Öffentlichkeit. Schon als Student der Zeichenakademie Hanau und der Berliner Kunstgewerbeschule beteiligte er sich an Ausstellungen der Berliner Sezession, trat ab 1911 in Frankfurt in Erscheinung im Städel, im Kunstverein und in der progressiven Galerie Schames. 1919 wurde er Mitglied der Darmstädter Sezession.

Stadtbilder und Landschaften zeigen, dass Ewalds Frühwerk an Spätimpressionismus anknüpfte. Als herausragend galten jedoch seine figurativen Variationen der 20er wie „Mutter mit Kind“ oder „Zwei sitzende Mädchen“, die deutschen Expressionismus mit prägten. Neue Raum-Figur-Kompositionen wie „Nürnberger Erker“ standen für Ewalds eigenständig kubistische Malerei, die mit Verzerrungen, perspektivischen Brüchen und räumlichen Verschränkungen experimentierte. Und das in vitalen Farbkontrasten. In Stuttgart und Mannheim sah man Ölbilder Ewalds neben denen von Dix, Beckmann, Klee und Feininger. Unter „Neuem Realismus“ oder „Neuer Sachlichkeit“ waren die Sujets des Hanauers zum modernen Leben in Cafés und Tanzlokalen, zum Eislaufen oder Badestrand eher unzureichend tituliert. Denn seine Bilder hatten besondere Farbigkeit und Aura, auch in Frauendarstellungen mit weitem Spektrum zwischen zart empfundenen Marienfiguren über Damenporträts bis zu voluminösen Akten.

Besonderes Kapitel waren Ewalds religiöse Werke

Besonderes Kapitel waren Ewalds religiöse Werke wie seine Dettinger Passionsfresken von 1923, die in Dominikus Böhms expressiver Kirche den Bogen von der Moderne zur italienischen Frührenaissance schlagen. Mystisches Dunkel verbreiten dagegen seine Kreuzwegtafeln in St. Leonhard Frankfurt (1926/27). Anderes, in Frankfurt fürs Café Bauer/Hauptwache oder fürs Haus der Jugend gemalt, ist verschollen, aber nun erstmals in Entwürfen und Fotos in Hanau und Frankfurt zu sehen. Ewalds Stellenwert in der Mainmetropole war so hoch, dass er 1929 den Ehrenpreis der Stadt Frankfurt bekam - mit Beckmann und Nußbaum. Dann kam 1933. Ewald fürchtete Malverbot und wich auf arkadische Idyllen, Porträts und Stillleben aus, bei denen sich manches in malerischer Verwischung auflöste. 1949 durfte Ewald wieder an der Zeichenakademie lehren. Er öffnete sich neben farbenfrohen Kompositionen zu den Lieblingsorten Venedig und Paris Motiven wie den Steinfurther Rosenfeldern oder hiesigen Steinbrüchen.

Kritikern hielt er entgegen: „Ich bin kein Ästhet, ich bin Vitalist!“ Denn zwischen Figuration und Abstraktion hatte Ewald seinen eigenen Kompass. Das darzustellen, gelingt der Doppelschau vorzüglich in Gemälden, Skizzen, Drucken, Bronzeplastiken, Schmuck, Keramiken, Glas, Emaille und Archivalien. Dabei entfaltet Charme, wie der Künstler zwischen Techniken und Stilen variierte. Es gefällt, wie sein Leben dokumentiert ist, ohne zu (ver-)urteilen. Es fasziniert auch Ewalds Kunsttheorie zu Raum und Masse. Neben Reflexionen Alter Meister - 1959 gestaltete er Tischbeins Städel-Großformat „Goethe in der Campagna“ für Weimars Goethehaus nach - sieht man: Der Meister griff seine Ideen der 20er/30er neu auf. Manche Figurationen und Phantom-Räume mit mehreren Perspektiven und Fluchtpunkten kommen der Leipziger Schule nah oder den „Neuen Wilden“ der 80er.

  • „Expressiv. Experimentell. Eigenwillig. Der Künstler Reinhold Ewald (1890-1974)“ vom 13. September bis 14. Januar im Museum Giersch, Schaumainkai 83, Frankfurt, und im Museum Schloss Philippsruhe, Philippsruher Allee 45, Hanau. Geöffnet: Dienstag bis Donnerstag 12-19 Uhr, Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr (Ffm) sowie Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr (HU)

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