Riesiges Rechenzentrum und Asphalt-Recycling

Visionen für Staudinger

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Zur Zeit unrentabel könnte das Kraftwerk Staudinger eine Zukunft als Nahversorger haben. Dazu könnte dort Europas größtes Rechenzentrum und eine Asphalt-Recyclinganlage entstehen.

Großkrotzenburg - Auf dem Gelände des Großkrotzenburger Kraftwerks Staudinger soll sich in den nächsten Jahren einiges bewegen: Um den aktuell unwirtschaftlichen Steinkohle-Meiler besser auszulasten, will der Betreiberkonzern Uniper mindestens zwei Großverbraucher direkt nebenan ansiedeln. Von Oliver Klemt 

Bei einer Pressekonferenz stellte Kraftwerksleiter Matthias Hube gestern Projektpartner vor, die auf dem Kraftwerksgelände und angrenzenden Areal ein Großrechenzentrum und eine Aufbereitungsanlage für Alt-Asphalt bauen wollen.
Wer zu teuer produzierte Energie auf dem Strommarkt nicht mehr los wird, braucht neue Abnehmer. Derzeit versuche Uniper gar nicht mehr, mit dem Block 5 im Sommer gegen Wind und Sonne konkurrenzfähig zu sein, erläuterte Hube: Nach der turnusmäßigen Revision bis Ende August sei die einzig noch in eigener Regie gefahrene Turbine gar nicht mehr angefahren worden. Block 4, mit Erdgas gefeuert, passt laut Hube zwar in die neue Konzernstrategie, läuft aber seit fünf Jahren als Netzreserve unter der Verfügung der Bundesnetzagentur. 2013, nach dem Scheitern des Megaprojekts Block 6, habe der damalige Betreiber Eon die Genehmigung zur Stilllegung erhalten, die aktuell ruht.

Zukunft habe der Kraftwerksstandort aus Sicht einer internen Arbeitsgruppe, die einen Masterplan geschmiedet hat, aber als Nahversorger, vor allem aufgrund seiner Lage und der vorhandenen Infrastruktur. Gunter ter Bahne, dessen Karlsteiner Unternehmen Bit GmbH Großrechenzentren plant und baut, interessiert vor allem die sichere Stromversorgung direkt nebenan: „Wir brauchen rund um die Uhr Unmengen Energie“ - und ausreichend Kühlung für die unzähligen Server. Die könnte nach bisheriger Planung der Main in Verbindung mit dem Kühlturm von Block 4 sicherstellen. Laut ter Bahne schluckt die Ausrüstung in einem einzigen, rund 2000 Quadratmeter großen Server-Raum, beständig rund 350 Kilowatt.

Kraftwerkleiter Matthias Hube stellte gestern den Masterplan zur Sicherung des Standorts Staudinger vor. -  Fotos: Klemt

Bis zu zwölf solcher Module will der Planer auf vier Etagen in einem Gebäude anordnen. Drei dieser Riegel plant Bit im ersten Ausbauschritt direkt östlich von Block 4, wo derzeit noch die Kühltürme der abgeschalteten Kohleblöcke 1 bis 3 aus den 1960er und 70er Jahren stehen. Die wären laut Matthias Hube zügig abzuräumen. Länger dauern dürfte es nach seiner Schätzung, nebenan vor Block 5 die alten Kraftwerksblöcke selbst zu beseitigen und Platz für drei weitere Server-Gebäude zu schaffen: Die alte Technik werde teils noch beim Kraftwerksbetrieb und der Fernwärmeproduktion für Hanau und Großkrotzenburg gebraucht, wäre also zunächst zu „entflechten“. Gelingt letztlich das gesamte Vorhaben, entstünde laut Gunter ter Bahne das größte Rechenzentrum Europas mit 51.000 Quadratmetern IT-Fläche und 128 Megawatt Arbeitsleistung.

Pionierarbeit leisten will derweil die in Hanau ansässige Rhein Main Umwelt GmbH im Süden des Areals. Bis zu einer Milliarde Tonnen teerhaltiger Asphalt, bis Ende der 1970er Jahre verbaut, fallen laut Geschäftsführer Thorsten Schacky in den nächsten Jahrzehnten bundesweit als Schutt bei der Erneuerung von Autobahnen, Bundes- und Landesstraßen an. „Thermisch gereinigt“, also bei Temperaturen über 850 bis 1050 Grad von ölhaltigen Schadstoffen befreit werden könne solches Material in Europa bisher nur in den Niederlanden, wo das Unternehmen REKO B.V. die Technologie im Rotterdamer Hafen perfektioniert und als Projektpartner der Hanauer auch in Großkrotzenburg bereitstellen soll.

Tag der offenen Tür im Staudinger-Kraftwerk

Die als krebserregend eingestuften organischen Bestandteile lösen sich laut REKO-Direktor David Heijkoop bei den hohen Temperaturen vollständig auf. Zurück blieben sauberer Sand, Kies und Geröll - insgesamt 95 Prozent der Gesamtmasse und als Baumaterial wieder verwendbar. Als Abwärme liefere der Prozess rund 90 Gigawatt jährlich fürs regionale Fernwärmenetz. Bis zu 500.000 Tonnen Alt-Asphalt und teerhaltiger Bauschutt könnten jährlich bei Staudinger verarbeitet werden. Bewegen will diese Massen der Logistik-Riese Rhenus, der nach Worten von Prokuristin Cornelia Rippe-Gasche vor allem umweltfreundliche Transportmittel wie Binnenschiffe und die Bahn einsetzen will.

Allein dieses Projekt erfordert laut Matthias Hube Investitionen im hohen zweistelligen Millionenbereich. Realisierbar sei es allerdings nur, wenn sich das Land Hessen als Haupt-Materiallieferant auf die in Deutschland neue Technologie einlasse. Die Umsetzung aller Vorhaben einschließlich Uniper-eigener Projekte mit Fotovoltaik, Kraft-Wärme-Kopplung und Speichertechnologie veranschlagte Hube auf mehrere hundert Millionen Euro.

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