Vögel brauchen ganzjährig Hilfe

Zeit zum Nistkästen aufhängen: Umweltzentrum Hanau rät, Gärten weniger aufzuräumen

Je unaufgeräumter desto besser: Gabriele Schaar-von Römer und Florian Krieg in einem Beet voller getrockneter Blütenstände aus dem Sommer. Es ist ein Paradies für Vögel.
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Je unaufgeräumter desto besser: Gabriele Schaar-von Römer und Florian Krieg in einem Beet voller getrockneter Blütenstände aus dem Sommer. Es ist ein Paradies für Vögel.

Hanau – Der Himmel ist grau, es ist kalt und es regnet. Aber der Garten des Umweltzentrums an der Bulau ist selbst heute eine Idylle: Ein rotes Eichhörnchen huscht den Baum hoch, Elstern flattern auf, ein Rotkehlchen hüpft durch das Gras. Im Futterhäuschen ist eine Kohlmeise gelandet und knabbert an den Sonnenblumenkernen. Florian Krieg, der gerade sein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Umweltzentrum macht, will heute den letzten hölzernen Nistkasten aufhängen und kraxelt einen Apfelbaum hoch, um eine geeignete Stelle zu finden.

Nämlich eine, wo (bei schönerem Wetter) die Morgensonne ins Einflugloch scheint.

Als er fertig ist, hängt der Kasten schief und wackelt, aber das mache der Brut nichts aus, versichert er. Wichtig ist nur, dass der Ast katzensicher ist.

„Wir haben mindestens 20 Brutgelegenheiten für Vögel auf dem Grundstück aufgehängt“, erklärt seine Chefin, Gabriele Schaar-von Römer, die Leiterin des Zentrums. Denn schon jetzt, im Februar, machten sich die Vogelpärchen auf die Suche nach einem geeigneten Nest. „Weil die Winter wärmer sind, geht das inzwischen früher los“, erläutert sie.

Hölzerne Nistkästen für verschiedene Vogelarten kann man bei den einschlägigen Naturschutzorganisationen bestellen. Sie bleiben das Jahr über hängen und  werden im nächsten Januar nur geleert und ausgekehrt.

Beim Rundgang durch den verregneten Garten deutet Schaar-von Römer die Aspekte aus, die das Areal besonders vogelfreundlich machen. Eine dichte Bernjes-Hecke aus geschichtetem Astschnitt, als Rückzugs- und Brutplatz. Heimische Sträucher, an denen letzte Beeren hängen, und stehengelassene Blütenstände vom letzten Sommer als Nahrung. Oder ein Trinkbrunnen mit großen Steinen darin. Hier finden Vögel auch im Winter noch genug Nahrung. Zur „Stunde der Wintervögel“, der großen Zählaktion des Nabu, hat das Umweltzentrum zehn verschiedene Arten in seinem Garten gezählt.

Es hängen auch Vogelhäuschen in den Bäumen. Sie werden das ganze Jahr über mit Saaten, Nüssen und Rosinen gefüllt: „Wir füttern das ganze Jahr hindurch“, sagt Schaar-von Römer.

Das sei in Zeiten des Insektensterbens eine echte Hilfe, damit die Tiere ihre Jungen durchbringen können. „Die wenigen Insekten und Raupen, die es im Frühjahr noch gibt, müssen zwischen Eltern und Kindern geteilt werden“, erklärt die Leiterin. „Wenn die Eltern mit Vogelfutter gefüttert werden, können die Insekten an die Kinder gefüttert werden. Sie haben damit eine größere Überlebenschance.“

Vögel seien tatsächlich inzwischen auf die Hilfe des Menschen angewiesen: Schaar-von Römer beruft sich dabei auf die Veröffentlichungen des berühmten Vogelkundlers Peter Berthold.

„Denn viele Tiere finden keinen geeigneten Lebensraum in der freien Natur mehr“, erklärt sie. Auf den Feldern und Äckern werden immer mehr Pestizide eingesetzt, blühende Feldränder und Hecken seien selten geworden.

Die wenigen naturnahen Flächen, die es gibt, sind verständlicherweise auch Erholungsgebiete für Menschen. Hier sind es dann oft Hunde, die die scheuen Gefiederten stören. „Nicht alle Spaziergänger leinen ihre Tiere an. Das ist ein echtes Problem“, so Schaar-von Römer. Vor allem in der Brut- und Setzzeit, die von März bis Ende Juli dauert.

In der Stadt hingegen mache Vögeln der Trend zu aufgeräumten Gärten und geschotterten Vorplätzen zu schaffen, weil sie dort kaum Nahrung finden. Der Tipp der Expertin: „Je weniger aufgeräumt der Garten ist, desto besser. Und in jeder Jahreszeit sollte idealerweise etwas blühen.“

Denn Vogelschutz sei quasi ein Dreiklang: „Hat man die richtigen Pflanzen, fühlen sich Insekten wohl. Und dann kommen auch die Vögel in den Garten.“ Prächtige gefüllten Blüten von Rosen, Dahlien oder Ranunkeln sind für Insekten wenig wertvoll. Sie bevorzugen ungefüllte Blüten, in denen sie genug Pollen und Nektar finden.

Ein unaufgeräumter Garten gefällt freilich nicht jedem Nachbarn. Davon kann auch Schaar-von Römer ein Lied singen. „Meine Nachbarn haben lange geschimpft. Bis ich dann einen Umweltpreis gewonnen habe.“ Sie lacht.

Wer sich scheue, den ganzen Garten einfach mal wachsen zu lassen, können auch eine kleine wilde Ecke anlegen: „Wenn das jeder machen würde, würde das schon reichen.“

Eindruck mache immer auch ein entsprechendes Schild auf dem verwilderten Areal: „Hier entsteht eine Blühwiese für Schmetterlinge.“ So weisen inzwischen ja auch viele Kommunen öffentliche Flächen aus, die nicht mehr dauernd gemäht werden. Unordnung hin oder her: Gegen Schmetterlinge und Vögel kann schließlich keiner etwas haben.

Von Christine Semmler

Jahrespraktikant Florian Krieg hängt eine Nisthilfe auf. Es ist wichtig, dass sie katzensicher hängt.

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