Volkshochschule: Die späten Bankdrücker

Hanau - „Der erste Tag war schrecklich“, erinnert sich Sabine Vabic. Die 46-Jährige ist eine von knapp 100 Kursteilnehmern, die pro Semester bei der städtischen Volkshochschule (VHS) einen Schulabschluss nachholen wollen. Das verlangt einiges ab. Von Christian Spindler

Rund 20 Personen aus den Kursen mit um die 30 Teilnehmer kommen tatsächlich ans Ziel. Die Mutter von drei Kindern, die von 2006 bis 2008 an der VHS die Fachhochschulreife erworben hat, ist so etwas wie eine Vorzeige-Absolventin. Auch wenn ihr am Anfang der Wiederstieg ins Lernen „schwer gefallen ist“, entwickelte sie rasch großen Ehrgeiz. Mittlerweile studiert Vabic Soziale Arbeit an der Fachhochschule Frankfurt, steht kurz vor dem Abschluss und hat sogar schon eine Stelle in Hanau in Aussicht.

Nicht immer läuft das so glatt, weiß Stefan Konrad, der für die Kurse zum Erwerb des mittleren, also des Realschulabschlusses zuständig ist. In diesem Bereich gab es früher Durchfallquoten von 66 Prozent. Nachdem der Unterricht umgestaltet wurde, es eine sozialpädagogische Begleitung und eine Vernetzung unter anderem mit der Arbeitsagentur gibt, konnte die Durchfaller-Quote auf gut 30 Prozent halbiert werden. Bei den Kursen zum Erwerb des Realschulabschlusses sind 75 Prozent der Teilnehmer junge Menschen mit Migrationshintergrund, oft mit „Lücken in der Biografie“, sagt Konrad. Sie haben zwar kleine Jobs, den Einstieg ins Berufsleben ansonsten aber meist nicht geschafft.

Die Volkshochschule sei in der Region „der profundeste Anbieter“, um nachträglich Schulabschlüsse zu erwerben, sagt VHS-Vize Uwe Hansen. Dass an dem städtischen Bildungsinstitut mit Haupt-, Real- und Fachoberschulreife gleich drei Abschlüsse angeboten werden, sowas gebe es ansonsten nur „ganz selten“. Dieses Standbein und damit einen „klassischen VHS-Bereich“, so Hanaus Schuldezernent Axel Weiss-Thiel (SPD), will man im am 4. Februar beginnenden Semester, das unter dem Motto „Schulabschlüsse öffnen Türen“ steht, besonders betonen.

Nach kurzer Zeit habe sie gemerkt, dass ihr das späte Schulbank-Drücken „ganz viel gebracht“ hat, erzählt Sabine Vabic. „Das kann man mit nichts aufwiegen.“ Außerdem seien enge Freundschaften zu anderen Kursteilnehmern entstanden und sie habe nach einer Lebenskrise durch den nachgeholten Abschluss eine neue Perspektive gefunden, die sie rundum zufrieden macht.

Rund ein Dutzend Kurse zu Schulabschlüssen und Grundbildung bietet die Volkshochschule Hanau pro Semester an. Zahlenmäßig mit Abstand an der Spitze liegen aber die Spachangebote; rund 205 Kurse sind hier pro Halbjahr gelistet - von Englisch über Chinesisch und Japanisch bis Norwegisch und Ungarisch. Dabei gibt es eine interessante Entwicklung: Während früher Englisch klar den größten Teil im Sprachkurs-angebot ausgemacht hat, ist es nunmehr Deutsch. Der Hintergrund: Von den rund 93.000 Menschen, die in Hanau leben, haben immerhin 35 Prozent einen Migrationshintergrund und 20 Prozent einen ausländischen Pass. Seit vor fünf Jahren die Integrationskurse eingeführt wurden, ist die Teilnehmerzahl bei den Deutsch-Kursen stark gestiegen. Rund 1000 Menschen lernen mittlerweile pro Semester bei der Volkshochschule die deutsche Sprache.

Rubriklistenbild: © S. Hofschlaeger/pixelio.de

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