Vormundschaft bei Demenz

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Im Beisein von Vormundschaftsrichter Jan Schumann (stehend, Dritter von rechts) händigte Kursleiterin Angelika Ullrich (stehend, Vierte von rechts) sieben Zertifikate an zukünftige ehrenamtliche Betreuer aus.

Hanau - Viele der ehrenamtlichen Pfleger haben bei Freunden oder Verwandten die Betreuung schon seit geraumer Zeit übernommen. Doch wenn die Geisteskraft der Betroffenen wegen Alter oder Krankheit nachlässt und eine Vormundschaft nötig wird, dann stehen die Pfleger vor einem Berg neuer Aufgaben. Und müssen sich mit einer schwer zu durchschauenden Bürokratie auseinander setzen. Von Dieter Kögel

Im Rahmen eines Kurses der Hanauer Volkshochschule haben sich in den vergangenen Monaten neun künftige ehrenamtliche Betreuer von Angelika Ullrich vom Betreuungsverein Main-Kinzig e.V. auf diese Aufgabe vorbereiten lassen. Gesetzliches Basiswissen wurde vermittelt, Fallbeispiele bearbeitet und Fachvorträge vertieften das neue Wissen in den Bereichen Sozialrecht, psychosoziale Anforderungen und Demenz bei den acht Teilnehmern, die am Dienstagabend in ihrem Klassenraum in der Hanauer Volkshochschule ihre Zertifikate überreicht bekamen.

Denn die Demenz ist es auch, die in immer mehr Fällen eine gesetzliche Vertretung erforderlich werden lässt. Seit vielen Jahren, so der Hanauer Vormundschaftsrichter Jan Schumann, steige die Zahl der zu verhängenden Pflegschaften gerade in diesem Bereich „um jährlich zehn Prozent,“ und aufgrund der demographischen Kurve sei weiterhin mit einer Zunahme zu rechnen.

Der nächste Kursus für die Vorbereitung auf die Arbeit des ehrenamtlichen Betreuers beginnt am 8. September unter dem Dach der Hanauer Volkshochschule. Infotelefon: 06181/92380-20.

Zwar könne das Vormundschaftsgericht die gesetzliche Vertretung für eine Person an professionelle Pfleger oder den Pflegeverein übertragen, doch die ehrenamtlichen Pfleger haben Vorrang, sagte der Richter. Zum einen aus Kostengründen, zum anderen aber auch aufgrund der persönlichen Bindung und Zuwendung, die bei den Ehrenamtlichen intensiver sei als bei den Hauptberuflichen. Die, so wusste der Richter, haben zuweilen bis zu 80 Pflegefälle zu betreuen. Da bleibe für den persönlichen Kontakt mit den zu Pflegenden nicht viel Zeit.

Anders bei den ehrenamtlichen Pflegern, die allerdings erst etwa fünf bis sechs Prozent der Pflegschaften besetzen würden. Rund 70 Prozent der Pflegearbeit werde innerhalb der Familien geleistet, der Rest verteile sich auf die professionellen Pfleger. Deshalb freute sich Jan Schumacher auch über das Engagement der Kursteilnehmer. Denn in Hanau, „das muss man leider sagen, haben wir viel zu wenige.“Und: „Es läuft nicht ohne ehrenamtliche Betreuer. Das ganze System würde ohne sie nicht funktionieren.“

Einfach ist die Aufgabe freilich nicht, die seitens der Pfleger übernommen wird. Denn neben dem Fachwissen zur gesetzlichen Pflege - oder dem Wissen darum, woher Hilfe zu bekommen ist - braucht es Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen und manchmal auch ein hohes Maß an Diplomatie, wenn es um das Wohl und die Vertretung des Willens des Betreuten gegenüber Verwandten oder Behörden geht, sagt die Kursleitern, Diplom-Sozialpädagogin Angelika Ullrich.

Die Kursteilnehmer wissen das nur zu gut. Wie entscheiden, wenn die zu pflegende Person den Herzschrittmacher ablehnt, der gesetzliche Vertreter aber eigentlich dem ärztlichen Rat folgen möchte? Was tun, wenn die Vollmacht über die Finanzen bei den Angehörigen geblieben ist, und das Konto schrumpft? Wie soll sich der gesetzliche Vertreter verhalten, wenn der ärztliche Notruf aufgrund des Geisteszustandes ohne triftigen Grund ausgelöst und deshalb von den Angehörigen gesperrt wird, obwohl das Gerät lebensrettend sein kann? Viele Fragen, auf die es im Kursus von Angelika Ullrich Antworten gab. Und bei aktuellen offenen Fragen stehen den neuen ehrenamtlichen Betreuern der Betreuungsverein und das Vormundschaftsgericht in Hanau zur Verfügung.

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